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Soforthilfe: Massive Kritik der Kulturbranche an Staatsregierung | BR24

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Bei einer Expertenanhörung von Oppositionsparteien im Bayerischen Landtag zeigen sich Kunstschaffende enttäuscht über die Bayerische Staatsregierung. Außerdem beklagen sie eine "Lethargie des Publikums" und fürchten langfristige Folgen der Pandemie.

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Soforthilfe: Massive Kritik der Kulturbranche an Staatsregierung

Bei einer Expertenanhörung von Oppositionsparteien im Bayerischen Landtag zeigen sich Kunstschaffende enttäuscht über "gebrochene Versprechen" und bürokratische Hemmnisse. Kunstminister Bernd Sibler spricht von "schwieriger Situation"

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Von
  • Peter Jungblut

Da dürften im Bayerischen Kunstministerium sämtliche Alarmglocken schrillen und auch Ministerpräsident Markus Söder wenig begeistert sein. Bei einer Online-Anhörung von SPD, Grünen und FDP im Bayerischen Landtag ließen die eingeladenen Experten und Expertinnen aus dem Kulturleben ihrer Wut und Enttäuschung über die bisherigen Maßnahmen in der Pandemie freien Lauf. Bernd Schweinar, der Vorsitzende des Verbands Popkultur in Bayern, sagte über Kunstminister Bernd Sibler: "Er hört nur hin, er hört nicht zu. Würde er zuhören, würde er das in Aktivitäten umsetzen, was uns umtreibt."

Stattdessen, so Schweinar, kämpfe die Kulturbranche mit der "Ministeriumsbürokratie". Das angekündigte neue Programm zur Unterstützung von Solo-Selbständigen sei "wieder nicht zielführend". Alles, was beim Spitzengespräch mit Markus Söder am 20. Oktober vereinbart worden sei, werde "komplett zerfleddert" und löse sich "in Luft auf".

"1.000 Euro reichen für Platz unter der Brücke"

Ähnlich kritisch wie Bernd Schweinar äußerten sich die anderen Gäste der Anhörung. Schauspieler Miguel Abrantes Ostrowski hat im Mai 3.000 Euro Soforthilfe erhalten, verwies jedoch darauf, dass allein seine Miete monatlich 1.250 Euro ausmacht. Er habe seit März rund 20.000 Euro aus seiner privaten Rücklage aufgebraucht. Sigrid Diewald vom Bayerischen Landesverband der Kultur- und Kreativwirtschaft (BLVKK) spottete über die erste Soforthilfe für Künstler von drei Mal 1.000 Euro im Frühjahr, das reiche in München gerade mal für einen "Platz unter der Brücke". Was die Kulturschaffenden dringend brauchten, sei die "politische Anerkennung als zukunftsrelevante Branche".

Patrick Oginski von "Südpolmusic" und dem Verband Münchner Musikveranstalter (VDMK) sah "gar kein Land", was die Hilfen für Solo-Selbständige betrifft. Je höher die Hilfsanträge in der Verwaltungsebene wanderten, desto mehr werde alles "verkompliziert". Joachim Schulz von der Posthalle in Würzburg klagte ebenfalls über die Bürokratie. So habe er "drei Mal" Gelder aus dem bayerischen Spielstätten-Förderprogramm beantragen müssen: "Jeder Steuerberater bewertet es anders, wie es richtig sein sollte. Keiner will was falsch machen oder etwas unberechtigt haben."

"Kommunikatives Desaster" der Politik

Jochen Schölch, Intendant des Münchner Metropoltheaters, fragte ebenfalls, wofür 1.000 Euro in einer Metropole wie München eigentlich reichen sollten. Die Politik stehe vor einem "kommunikativen Desaster", nachdem sie die Theater und die Bordelle in "einem Atemzug" erwähnt habe. Künstler wollten nicht Almosen, sondern für ihre Arbeit bezahlt werden und ihre "Würde zurück haben". Der Augsburger Kulturreferent Jürgen Enninger forderte unmittelbar nach der Pandemie einen "New Deal für die Kultur" und fürchtete, die Auswirkungen des Lockdowns würden sehr stark zeitverzögert spürbar werden, etwa dann, wenn Künstler im kommenden und übernächsten Jahr deutlich weniger GEMA-Gelder für Live-Auftritte erhielten.

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Heftig attackiert: Kunstminister Bernd Sibler

Deutlich wurde auch, dass die Kulturbranche im kommenden Jahr nicht mehr mit nennenswerten Live-Veranstaltungen rechnet. Patrick Oginski sagte, alle Events mit mehr als 3.000 Teilnehmern werde er auf 2022 verschieben. Es gebe derzeit eine "Lethargie des Publikums", was der schleppende Vorverkauf für Termine im kommenden Jahr beweise. Auch Joachim Schulz von der Posthalle in Würzburg gab sich pessimistisch: "Seriös können wir nicht damit rechnen, dass wir unser Geschäft 2021 wieder aufnehmen. Tatsächlich müssen wir damit rechnen, dass es vor 2022 nicht möglich sein wird, wieder zu spielen." Das Fachpersonal beginne inzwischen "abzuwandern", was Events künftig sehr viel teurer machen werde.

Angst, das Publikum zu verlieren

Bernd Schweinar wählte gar einen makaberen Vergleich. So wie einst nach der Katastrophe von Tschernobyl der bayerische Umweltminister Alfred Dick (CSU) vor laufender Kamera verstrahltes Molkepulver genascht habe ("Des tut mir nix") müssten die Politiker im kommenden Jahr mit gutem Beispiel vorangehen und Kulturveranstaltungen besuchen, um zu zeigen, dass Theater und Konzertsäle "sichere Orte" seien.

Schauspieler Ostrowski berichtete von zahlreichen Stornierungen von Auftritten durch große und größte Staats- und Stadttheater: "Ich habe das Gefühl, die großen Theater sanieren sich gerade dadurch, dass sie nicht spielen." Es sei ja allgemein bekannt, dass öffentliche Theater am billigsten seien, wenn sie nichts aufführten. Auch Mirjam Zadoff vom NS-Dokumentationszentrum in München fragte sich, ob die Museen "die Menschen noch erreichen könnten": "Wir sorgen uns, dass wir Publikum verlieren werden. Wir wissen nicht, wie wir wieder daran anschließen können. Das ist gerade jetzt in der Situation mit den Corona-Leugnern höchst problematisch."

"Kinos trifft es brutal"

Für die Filmwirtschaft klagte Thomas Negele von der Spitzenorganisation SPIO, die Kinos seien entweder staatlicherseits geschlossen oder wie im Sommer zur "Unwirtschaftlichkeit" verurteilt. Das sei eine "Milliarden-Geldspritze" für die Digitalisierung: "Die Kinos trifft es brutal." Wenn außerdem deutlich mehr TV-Formate produziert würden statt Kinofilme, verlören viele Produzenten ihre Unabhängigkeit. Negele verwies auf Luftfilter-Anlagen, die mit Ozon arbeiten und "99 Prozent der Viren" herausfilterten. Der Einsatz dieser Geräte könne die Wiedereröffnung der Kinos beschleunigen.

Kunstminister Bernd Silber reagierte prompt und schrieb in einer Stellungnahme: "Für mich als Kunstminister ist das eine schwierige Situation, die Menschen leiden zu sehen, für die ich eintrete." Das neue Hilfsprogramm für Solo-Selbständige stehe "ganz kurz vor der Antragsphase". Der Minister verwies darauf, dass die Anhörung das Bild bestätigt habe, dass er sich in "vielen Gesprächen" gemacht habe: "Ich versichere, dass wir die Lage der Kunst- und Kulturschaffenden sehr ernst nehmen und uns mit aller Kraft um Hilfen in dieser schwierigen Lage bemühen. Wir versuchen, sämtliche Hürden aus dem Weg zu räumen, um gute Lösungen für unsere Kunst- und Kulturschaffenden zu finden. Denn sie sind essentiell für unsere Gesellschaft, wir brauchen sie."

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