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Bildrechte: Daniel Karmann/Picture Alliance

Dani Karavan

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    "Zuerst ein Träumer": Israelischer Bildhauer Dani Karavan tot

    Er schuf die "Straße der Menschenrechte" in Nürnberg, das Berliner Mahnmal für die Sinti und Roma und die "Passagen" im spanischen Grenzort Port Bou in Erinnerung an Walter Benjamin. Jetzt ist der Künstler mit 90 Jahren in Tel Aviv gestorben.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Er mochte nach eigener Aussage das deutsche Wort "Denkmal", das ihm sympathischer war als der Ausdruck "Monument". Letzteres sei eher für Generäle, so Dani Karavan in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk. Der Künstler scheute ehrfurchtgebietende Zeichen in Marmor oder Bronze, konnte mit Pomp und Überwältigung nichts anfangen. Lieber schuf er Orte der Begegnung, der entspannten Ruhe, nicht der Einschüchterung: "Meine Mahnmale sind Spielplätze", sagte er 2008 dem "Tagesspiegel".

    Am Wettbewerb für das Holocaust-Mahnmal in Berlin hatte er nur widerwillig teilgenommen, als einziger israelischer Künstler, weil er mit dem Konzept und dem zentralen, verkehrsumtosten Ort beim Brandenburger Tor nicht einverstanden gewesen war. Er befürwortete eine Gedenkstätte für alle NS-Opfer, nicht nur für die Juden, und hielt einen "meditativeren" Charakter für angemessen. Also reichte er als Entwurf ein Feld mit gelben Blumen ein, wissend, dass es abgelehnt werden würde. Stattdessen ließ er sich dann von Romani Rose überreden, das deutlich kleinere und unauffälligere Mahnmal für die Sinti und Roma zu planen, das im Oktober 2012 nach zwanzigjähriger Debatte eingeweiht wurde.

    "Die Blume ist das Herz des Denkmals"

    Heraus kam dabei ein unergründlicher Brunnen in Berlin-Tiergarten mit einer Blume in der Mitte auf einem dreieckigem Stein, die täglich um 13 Uhr erneuert wird, weil ja auch täglich Menschen ermordet worden seien: "Und die Feldblume steht für mich für eine Art Grabstein für all jene, die man ermordet und getötet hat, die keinen Grabstein haben, und denen man auch kein Zeichen mehr gesetzt hat. Dafür stehen für mich die Blumen. Und die Blume ist das Herz dieses Denkmals." Die Wasserfläche, so Karavan, solle die eiligen Besucher aufhalten und in ihrer Geschäftigkeit bremsen, die im Berliner Regierungsviertel unterwegs sind und plötzlich vor dem äußerlich unscheinbaren Memorial stehen.

    © Bildagentur Schoening/Picture Alliance
    Bildrechte: Bildagentur Schoening/Picture Alliance

    Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma in Berlin

    Karavan wurde 1930 als Sohn polnischer Einwanderer in Tel Aviv geboren. Unter seinen Vorfahren waren viele Opfer des Holocaust. Er selbst sah sich als bekennender Linker, kämpfte für die Versöhnung von Palästinensern und Juden und sah sich stark geprägt von seiner Zeit in der ha-Shomer ha-Tsa’ir-Jugendbewegung, der er sich als 16-Jähriger angeschlossen hatte. Dort gründete er ein Kibbuz und sagte dazu: "Ich hatte das Glück, in eine Zeit hineingeboren zu sein, in der es eine größere Freude war zu geben, als zu nehmen."

    Er ließ das Grundgesetz in Glas lasern

    Seine künstlerische Ausbildung begann er an der Bezalel-Akademie in Jerusalem, später studierte er in Florenz und Paris Malerei. In den sechziger und siebziger Jahren entwarf er zunächst vor allem Bühnenbilder, unter anderem für die Martha Graham Dance Company. Weltweit bekannt wurde er jedoch mit seinen städtebaulichen Projekten, etwa einer drei Kilometer langen Landschaftsachse in der Pariser Retortenstadt Cergy-Pontoise. 1988 bis 1993 schuf er vor dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg die 170 Meter lange "Straße der Menschenrechte", bestehend aus 27 Rundpfeilern, auf denen jeweils Auszüge aus der von der UNO verabschiedeten "Erklärung der Menschenrechte" von 1948 zu lesen sind. In Köln entstand 1982/86 der Heinrich-Böll-Platz mit der Skulptur "Ma’alot"

    In den 1990er Jahren gestaltete Dani Karavan auf dem Gelände des Deutschen Bundestages eine meterlange Glaswand am Spreeufer. Mit Hilfe eines Lasers ließ er die 19 Grundrechtsartikel des Grundgesetzes in ihrer Urfassung von 1949 einschreiben, politische Weiterbildung im Vorbeigehen sozusagen, ähnlich wie in Nürnberg.

    Das vielleicht spektakulärste Werk von Karavan dürften jedoch die "Passagen" im spanischen Grenzort Port Bou von 1994 sein. Das Mahnmal ist dem deutschen Philosophen und Kulturkritiker Walter Benjamin gewidmet, der 1940 unter großen Anstrengungen vom NS-besetzten Frankreich über die Pyrenäen nach Spanien geflüchtet war, vom Franco-Regime jedoch wieder abgeschoben werden sollte und sich mit einer Überdosis Morphium in seinem Hotelzimmer tötete. Im weiteren Sinne sollen die "Passagen" an alle deutschen Emigranten und ihr Schicksal erinnern.

    "Der Strudel ist das eigentliche Denkmal"

    Karavan baute einen Korridor aus rostigem Stahl an der Steilküste von Port Bou, in der Nähe des Friedhofs, wo Benjamin begraben ist. Besucher schreiten eine eiserne Treppe hinab, der Weg endet vor einer Glasscheibe, die den Blick aufs Meer freigibt. Eingraviert ist ein Zitat von Walter Benjamin: "Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten. Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht." Zur Entstehung des Denkmals sagte Karavan 1994 der Berliner "tageszeitung": "Bei meinem zweiten Aufenthalt sah ich ein Naturschauspiel unten am Meer, wo die Felsen zusammentreffen: Einen Strudel – das Wasser dreht sich im Kreis, die Wellen schlagen darüber hinweg, und plötzlich ist alles wieder ruhig. Ich war davon so beeindruckt, dass ich die anderen zu mir rief und ihnen sagte, dass dies das eigentliche Denkmal für Benjamin sei, das Bild, indem seine Geschichte enthalten ist. Ich musste also nur noch einen Weg finden, Menschen dazu zu bringen, diesem Phänomen zuzuschauen." Wer auch immer jemals vor Ort war, der weiß: Diese Arbeit von Karavan hinterlässt eine tiefe Erschütterung.

    © Cordia Schlegelmilc/Picture Alliance
    Bildrechte: Cordia Schlegelmilc/Picture Alliance

    "Passagen" in Port Bou

    Auch in seiner israelischen Heimat hat Karavan viele großformatige Landschaftskunstwerke geschaffen, darunter das Negev-Brigadedenkmal in Beerscheva und das "Weiße Stadt"-Denkmal in Tel Aviv, aber auch einen "Weg des Friedens" in der Wüste zwischen Israel und Ägypten. Tel Avivs Bürgermeister Chuldai würdigte Karavan als "Sohn der Stadt und Ehrenbürger der Stadt" und "Künstler, der auf der ganzen Welt Ansehen erlangt" habe. In seiner Heimatstadt am Mittelmeer habe er "physisch und spirituell Spuren hinterlassen".

    "Von einer gewissen Schönheit"

    Im wenig pittoresken Duisburger Innenhafen entstand von Dani Karavan 1999 der drei Hektar große "Garten der Erinnerung", ein "Altstadtpark", der an die Geschichte des Judentums in der Stadt erinnern soll, aber auch an die Ära der Industrie. Deshalb ließ Karavan einige Ruinen-Reste nicht etwa abreißen, sondern weiß anstreichen: "Es ist richtig, dass die Gebäude im Großen und Ganzen keinen besonderen architektonischen Wert haben, aber sie sind von einer gewissen Schönheit."

    © Helmut Meyer zur Capellen/Picture Alliance
    Bildrechte: Helmut Meyer zur Capellen/Picture Alliance

    Straße der Menschenrechte in Nürnberg

    Auf dem Neupfarrplatz in Regensburg zeichnete Dani Karavan den Grundriss der beim Regensburger Pogroms von 1519 zerstörten Synagoge in Form eines begehbaren Bodenreliefs nach, ein Projekt, das vor Ort für Wirbel sorgte, weil der Künstler angeblich überhöhte Ansprüche an die Güte des verwendeten Betons hatte , so dass mehrere Firmen den Auftrag als "undurchführbar" ablehnten. Gleichwohl wurde die Begegnungsstätte am 13. Juli 2005 eingeweiht: "Ich wollte die Synagoge nicht einfach wieder aufbauen", so Karavan mit der linken "jungle world": "Meine Arbeit spiegelt das Original detailgetreu als Grundriss. Nur ein Wort steht dort geschrieben: 'Misrach'. Das bedeutet Osten und bezieht sich auf den Standort in der Stadt, gleichzeitig aber auch auf den heiligsten Ort in der Synagoge."

    Gefragt, ob er eher Realist oder Träumer sei, antwortete der 2008 schon hoch betagte Karavan sehr entschieden: "Zuallererst bin ich ein Träumer. Niemand kann ohne Träume leben. Sie stehen für die optimistische Hoffnung, weiter zu gehen, etwas besser zu machen. Obwohl ich auch Albträume kenne, nach alldem, was ich gesehen habe. Aber ich versuche die Hoffnung hochzuhalten."

    Dani Karavan starb mit 90 Jahren in Tel Aviv.

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