BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

So wird das Luftholen zum Leitmotiv in Zsófia Báns Erzählungen | BR24

© Audio: BR/ Bild: dpa/picture alliance/chromorange

Die ungarische Schriftstellerin Zsófia Bán verwickelt ihre Figuren in schwierige Situationen, in denen ihnen der Atem stockt.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

So wird das Luftholen zum Leitmotiv in Zsófia Báns Erzählungen

Das Atmen ist unter normalen Umständen etwas Selbstverständliches. Nicht so im neuen Prosaband von Zsófia Bán: "Weiter atmen". Die ungarische Schriftstellerin verwickelt ihre Figuren in schwierige Situationen, in denen ihnen der Atem stockt.

Per Mail sharen

Diese Situation kennen vermutlich viele: Man will sich wehren gegen zu Unrecht erlittene Demütigungen, man will entschieden auftreten, den Menschen, der uns angreift und beleidigt, klar in die Schranken weisen. Und dann bleibt man doch stumm. So wie der in die Jahre gekommene Mann, von dem Zsófia Bán in einer ihrer neuen Geschichten erzählt. Er steht in Zürich im Stadion, auf der Bühne spielen die Stones gerade "Lady Jane". In Gedanken ist er allerdings beim letzten Klassentreffen, bei dem sein einstiger Banknachbar plötzlich herzog über seine jüdische Mutter. "Na, und was hast du mit ihm gemacht, würde Mick fragen, ich hab ihn am Schlaffittchen gepackt und ihm dermaßen eins in die Fresse gehaun, dass er ohnmächtig in die den Höhepunkt des Fünfgängemenüs bildenden Buchteln mit Vanillesoße fiel, auf rollenden Steinen wächst kein Moos, so ist es, bloß kein Moos, und dann würde Mick grinsen wie ein stolzer Vater…".

Wirklichkeit und Vorstellung klaffen auseinander

In Wirklichkeit hat sich der Mann aber nicht zur Wehr gesetzt, er hat sich das alles nur in Gedanken ausgemalt. Und so wird Mick eben nicht grinsen und den Antisemiten ein "fuck em all" hinterherrufen. Oft schreibt Zsófia Bán in ihrer dichten Prosa von schwachen, verzagten Menschen – und das mit großer erzählerischer Sympathie. Die ungarische Schriftstellerin konfrontiert ihre Figuren mit herausfordernden Situationen – und mit der großen Frage, was wäre, wenn. "Es geht eher um das, was gerade nicht geschieht – und zwar genau in dem Augenblick, in dem es geschehen könnte", erklärt Zsófia Bán. "Und wenn es dann eintritt, ist es zu spät. Es ist einfach nicht mehr der richtige Augenblick. Der ist längst vorbei. Es geht mir also eher darum zu ergründen, wie das ist: ganz in seiner eigenen Zeit zu sein – wie sich das anfühlt, in seiner Zeit zu sein und an seinem Ort."

© dpa/picture-alliance/ Erwin Elsner

Schriftstellerin Zsófia Bán

Sie ringen nach Luft – und atmen weiter

Zsófia Báns Prosaband "Weiter atmen" entfaltet – wie auch die vorherigen Bücher der Autorin – einen großen thematischen Bogen. Die Erzählungen führen von Ungarn in die Welt, nach Frankreich, nach Portugal, ebenso nach Brasilien, wo Zsófia Bán 1957 als Kind jüdischer Eltern geboren wurde. Manche Geschichte behandelt die angespannte Gegenwart in Ungarn. Beiläufig, wie die über das Rolling-Stones-Konzert, die den wachsenden Antisemitismus thematisiert, oder auch ganz direkt, wie die Titelgeschichte, in deren Mittelpunkt ein junger Roma, seine Mutter und ein paar weiße Seifenstücke stehen. Die Erzählung "Die aktive Gegend der Sonne" wiederum handelt von einer Flüchtlingsfamilie aus Syrien, die in einem Lager in Ungarn auf den Fortgang ihrer Reise wartet. Und von Józef, dem Betreiber einer Pension in der Grenzstadt.

Józef will sich um die Kinder der Geflüchteten kümmern und sie in seinem Kleinbus abholen. "Als sie am Fahrzeug ankamen, sahen sie, dass alle vier Räder aufgestochen waren. Sie waren schlaff, wie vier alte Brüste. Jemand musste gleich nach seiner Ankunft die Räder aufgestochen haben, es dauerte eine Weile, bis sie so platt waren. Jószef hatte etwa zwei Stunden im Lager verbracht, bis alle Dokumente ausgestellt waren und er sich mit den Kindern auf den Weg nach Hause machen konnte. Er rang nach Luft, er bekam keine."

Doch auch er, der eintritt für die Würde des Menschen, wird weiter atmen können – und überhaupt ist das Luftholen ein Leitmotiv in diesen Geschichten. In ihrer Prosa setzt Zsófia Bán der bedrückenden Realität immer wieder auch eine leise und doch deutlich vernehmbare Hoffnung entgegen. Die oft komplexen Erzählungen – großartig übersetzt von Terézia Mora – sind voller Melancholie. Wie in ihren Prosabänden "Abendschule" und "Als nur die Tiere lebten" arbeitet die ungarische Schriftstellerin und Essayistin auch in "Weiter atmen" mit Fotografien. Eine Erzählung handelt vom französischen Schneider Franz Reichelt, der 1912 mit einem selbst gebastelten Fallschirm-Mantel vom Eiffelturm sprang – ein Foto von ihm ist in den Text verwoben. Eine andere Geschichte führt, ausgehend von einer historischen Fotografie Arthur Rimbauds, zur Geschichte einer gescheiterten Ehe.

Zsófia Báns Ausgangsmateiral sind oft Bilder

"Was mich interessiert, ist die kleine Lücke zwischen der Abbildung und der Wirklichkeit dahinter", sagt Zsófia Bán. "Beides kommt niemals richtig zusammen. Die kleine Lücke bleibt. Deshalb kombiniere ich auch gerne Bilder und Texte in meinen Büchern – wegen dieser Lücke." In diesem Sinne verstehe sie die Bilder in meinen Büchern niemals als Illustrationen. Bild und Text könnten sich gegenseitig ergänzen, sie seien wie Umgebungen, in denen sie zusammenfinden, sagt Bán, "auch dann, wenn sie nicht wirklich zu sehen sind, wenn ich nur von ihnen schreibe." Es braucht dann und wann Zeit, um Zsófia Báns vielschichtige, subtile und gelegentlich auch experimentelle Prosa zu durchdringen: In ihrer Tiefe liegt vieles verborgen, was sich erst bei der wiederholten Lektüre erschließt, beim Weiterlesen. Genau das aber macht diese Erzählungen so groß.

"Weiter atmen" von Zsófia Bán ist übersetzt von Terézia Mora bei Suhrkamp erschienen.

Am 5. Juli ist um 12:30 Uhr in den radioTexten auf Bayern 2 eine Lesung mit Laura Maire aus "Weiter atmen" zu hören. Und anschließend im Bayern 2-Podcast Lesungen, wo sie Literatur fürs Ohr finden.

© Suhrkamp/ Montage BR

Cover: Zsófia Bán

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!

Die wöchentliche Dosis Literatur – der Diwan als Podcast. Hier abonnieren!