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Zoff um Tschechische Staatspreise wegen Kommunisten | BR24

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Der tschechische Premierminister Andrej Babiš

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    Zoff um Tschechische Staatspreise wegen Kommunisten

    Die tschechische Regierung wurde gestern gleich zweifach düpiert: Weder die Familie des regimekritischen Regisseurs Evald Schorm, noch der Schriftsteller Jiri Hajicek wollten Staatspreise annehmen. Ist die Auszeichnung zu "politisiert"?

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    Der sozialdemokratische tschechische Kulturminister Antonin Stanek ist schwer verärgert. Er warf der Jury für die Staatspreise eine Verschärfung der politischen Kontroverse durch "möglicherweise unbedachte" Äußerungen vor. Die Experten, die den Preis in der Kategorie Literatur vergeben sollten, waren aus Protest gegen die Regierung zurückgetreten. Sie warfen Ministerpräsident Andrej Babiš nach Angaben von Radio Prag eine "mutmaßliche Stasi-Vergangenheit" vor und kritisierten, dass er seine Regierung von den Kommunisten tolerieren lässt. Jury-Chef Petr Hruška hatte gesagt: "Unser Staat hat eine abstoßende Regierung, die ihre Positionen mit den Kommunisten abklärt und eine extremistische politische Partei dazu gebracht hat, ein versteckter und offensichtlicher Teil der Staatsgewalt zu werden". Ähnlich äußerten sich in der vergangenen Woche die Erben des renommierten tschechischen Filmregisseurs Evald Schorm (1931-1988). Er sollte 30 Jahre nach seinem Tod in der Kategorie Film posthum ausgezeichnet werden, doch die Familie verwies darauf, dass Andrej Babiš sich nur mit Hilfe der Kommunisten an der Macht halte und lehnte den Preis ausdrücklich ab.

    Preisverleihung wäre "Ironie des Schicksals"

    Auch eine ersatzweise Vergabe an der Verband der Regisseure wollten die Verwandten von Schorm, einem führenden Dokumentarfilmer und Vertreter der regimekritischen "Nouvelle Vague" der sechziger Jahre in Tschechien, nicht hinnehmen. Der Regisseur hatte unter kommunistischer Herrschaft 17 Jahre Berufsverbot gehabt. Die Witwe von Schorm hatte stattdessen an den Kulturminister Stanek geschrieben, wonach ihr verstorbener Mann "fast sein ganzes Leben lang persönlich sowie beruflich vom kommunistischen Regime schikaniert worden" sei: "Es wäre eine Ironie des Schicksals, wenn er posthum einen Preis von einer Regierung bekommen sollte, die mit einer starken Unterstützung der kommunistischen Partei entstanden ist."

    Sie betonte nach Angaben von Radio Prag, dass sie und ihr Sohn der Fachkommission, die Schorm für den Preis vorgeschlagen hat, gleichwohl dankbar seien. Das tschechische Online-Magazin Aktuálně kommentierte die Absage durch die Familie: "Es ist eine Entscheidung, die im Einklang mit der moralischen Integrität steht, die Evald Schorm sein Leben lang verkörpert hat. Vor der Kamera, hinter der Kamera, im Arbeits- und Privatleben." Andere tschechischen Medien nannten die Preisverleihung "erbärmlich". Unterdessen lehnte auch der Autor Jiri Hajicek ("Fischblut") die Auszeichnung ab und begründete sein Verhalten mit dem Hinweis darauf, der Staatspreis sei durch die jüngsten Vorkommnisse "zu politisiert". Er selbst habe nicht die Parteien gewählt, die momentan "direkt oder indirekt" an der Macht sind.

    Preise für Übersetzung, Musik und Theater

    Ausgezeichnet wurden bei einer Gala im Tschechischen Nationaltheater, die vom Fernsehen übertragen wurde, unter anderen die Polnischübersetzerin Helena Stachova, der Komponist Lubos Sluka und der Theaterregisseur Jan Schmid. Der tschechische Staatspreis ist in jeder Kategorie mit 300.000 Kronen, umgerechnet rund 11.600 Euro, dotiert. Zu den früheren Preisträgern zählen so renommierte Schriftsteller wie Jachym Topol, Milan Kundera und der vor drei Jahren gestorbene Ludvik Vaculik.