BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Zoff um Kulturhauptstadt-"Filz": Minister wollen mit Jury reden | BR24

© Hendrik Schmidt/dpa-Bildfunk

Blick in die Chemnitzer City

Per Mail sharen

    Zoff um Kulturhauptstadt-"Filz": Minister wollen mit Jury reden

    Ging bei der Entscheidung alles mit rechten Dingen zu? Nürnberg ging leer aus, von Jury- und Berater-Filz war die Rede. Jetzt entschieden die deutschen Kulturminister: An Chemnitz 2025 wird nicht gerüttelt, aber die Jury soll sich noch mal erklären.

    Per Mail sharen
    Von
    • Peter Jungblut

    Das Aufsehen war groß, die Schlagzeilen beunruhigend: Die Entscheidung für die nächste "Europäische Kulturhauptstadt" in Deutschland, die am 28. Oktober zwischen Hannover, Magdeburg, Hildesheim, Nürnberg und Chemnitz fiel, ist ins Gerede gekommen. Grund dafür: Ein Artikel der "Süddeutschen Zeitung", der angebliche "Machenschaften" eines Berater-Netzwerks und fragwürdiges Verhalten mindestens eines Jury-Mitglieds aufgedeckt hatte. Seitdem konnte sich die im Wettbewerb siegreiche Stadt Chemnitz nicht mehr gänzlich unbeschwert über den Titel freuen, sah sich unter Rechtfertigungsdruck, zumal sie über einige Monate hinweg den einflussreichen niederländischen Wettbewerbs-Experten Mattijs Maussen als Berater beschäftigt hatte. Die Stadt Nürnberg hatte einen Vertrag mit dem nach Meinung der "Süddeutschen" auffällig oft erfolgreichen Kulturhauptstadt-Fachmann trotz einer Kontaktaufnahme zuvor abgelehnt.

    Kein Minister stellte Chemnitz in Frage

    Jetzt ist klar: Es bleibt bei Chemnitz. Die Kulturministerkonferenz, die die Entscheidung der Jury offiziell bestätigen muss, stellte diesen eigentlich rein formalen Beschluss nach ihrer heutigen Sitzung für Januar in Aussicht. Nach Informationen des BR zweifelte kein einziger Landesminister bei der Online-Besprechung am Urteil der Jury. Allerdings soll es zu Beginn kommenden Jahres ein Gespräch mit der Jury geben, das deren Vorsitzende Sylvia Amann aus Österreich angeboten hatte. Amann selbst gründete im Jahr 2000 das Beratungsunternehmen inforelais und ist als Expertin für EU-Kulturpolitik und EU-Förderung tätig. Sie sitzt seit 2015 in der Jury.

    © Hendrik Schmidt/dpa-Bildfunk

    Weihnachtsdeko in Chemnitz

    Thema des Online-Meinungsaustauschs zwischen Kulturministern und Jury soll die kritische Presseberichterstattung sein. Dabei dürfte es vor allem darum gehen, ob alle Mitglieder der Jury sich regelkonform verhalten haben. Vor allem dem Tschechen Jiří Suchánek war unterstellt worden, unzulässig deutlich für Chemnitz Partei ergriffen zu haben, weil eine "Friedens-Fahrradtour" nach Pilsen just in einem Kulturzentrum enden soll, das er selbst leitet. Auf Nachfragen von Journalisten hatte Suchánek allerdings erklärt, er habe mit der Planung des Programmpunkts nichts zu tun gehabt. Dass die Radtour 2025 stattfinden solle, sei damit zu erklären, dass der 80. Befreiungstag von Tschechien mit einer "Versöhnungsgeste" begangen werden solle.

    Sibler: Vorwürfe sollen ausgeräumt werden

    Der Vorsitzende der Kulturministerkonferenz und Bayerische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Bernd Sibler, kommentierte die Haltung der Ministerrunde so: "Alle Bewerberstädte haben ein transparentes Verfahren verdient. Deshalb kommen wir der Bitte der Jury nach, sich zu den Vorwürfen noch einmal äußern zu wollen. Die Vorwürfe sollten ausgeräumt sein, bevor die offizielle Ernennung erfolgt."

    Die Sächsische Staatsministerin für Kultur und Tourismus, Barbara Klepsch, äußerte sich ähnlich: "Chemnitz ist Zweifelsohne die Siegerstadt, dies betonten alle Mitglieder der Kulturministerkonferenz in der heutigen Videoschalte. Gleichzeitig ist es wichtig, dass es keine Zweifel an der Ernennung gibt, deshalb nehmen wir uns die Zeit und entscheiden Anfang Januar."

    © Hendrik Schmidt/dpa-Bildfunk

    Chemnitzer Kulturviertel

    Die "Süddeutsche Zeitung" hatte unmittelbar nach der Entscheidung der Jury zugunsten von Chemnitz behauptet, im Vorfeld sei ein untereinander befreundetes Netzwerk von Beratern am Werk gewesen, wie auch schon bei zahlreichen weiteren Vergaben zuvor. Am 15. Dezember legte das Blatt nach und behauptete, auch bei der Bewerbung von drei finnischen Städten, über die im kommenden Jahr zu entscheiden sein wird, hätten die kritisierten Berater ihre Finger im Spiel, vor allem der deutsche Kulturmanager Ulrich Fuchs, dessen Ehefrau in Marseille die Firma "Capcult" betreibt und ebenfalls am Geschäft der Kulturhauptstädte verdient.

    "Jury hat nichts zu verbergen"

    Der von der SZ mehrmals scharf attackierte Kultur-Berater Ulrich Fuchs sagte in den "Nürnberger Nachrichten", die "wesentlichen Schwachpunkte" des Vergabeverfahrens seien die "mangelnde Transparenz und Kommunikation", die Jury habe jedoch trotz Geheimhaltung "nichts zu verbergen". Er plädiere daher dafür, künftig auch Interview-Anfragen zu beantworten. Was die Entscheidung für Chemnitz betrifft, verwies Fuchs darauf, dass der Umgang mit einer Niederlage für alle anderen teilnehmenden Städte ein "schmerzhafter psychologischer Prozess" sei, und dann sei es eine "Erleichterung", wenn die Schuld auf "Berater oder vermeintlich korrupte Jurymitglieder" geschoben werden könne.

    Fuchs, der 2009 die Kulturhauptstadt Linz managte und bis Ende 2018 Vorsitzender der EU-Jury zur Auswahl, Begleitung und Evaluierung aktueller und künftiger Europäischer Kulturhauptstädte war, ließ die Kritik, wonach immer dieselben Berater sämtliche Entscheidungen für Kulturhauptstädte beherrschten, nicht gelten, obwohl er bestätigte, dass "vielleicht zwanzig bis dreißig Leute", die sich untereinander kennen, in dem Geschäft unterwegs sind. Zwar sei das eine Art "Familie", er könne jedoch mit "gutem Wissen und Gewissen" jeden Korruptionsverdacht verneinen.

    Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

    Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang