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Zoff um Amanda Gorman: Darf ihre Werke keine Weiße übersetzen? | BR24

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Marieke Lucas Rijneveld

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    Zoff um Amanda Gorman: Darf ihre Werke keine Weiße übersetzen?

    Der Verlag Meulenhoff geriet unter öffentlichen Druck, weil die renommierte Autorin Marieke Lucas Rijneveld die Werke der gefeierten US-Lyrikerin ins Holländische übertragen sollte. Doch die Übersetzerin ist weiß - für Kritiker unzumutbar.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Rückzug einer anerkannten Schriftstellerin, die ihre Geschlechtsidentität als "nichtbinär" definiert und daher im Erwachsenenalter einen zweiten, männlichen Vornamen gewählt hat: Marieke Lucas Rijneveld, die im letzten Jahr mit ihrem Debüt-Roman "The Discomfort of Evening" den International Booker Prize abgeräumt hat, wird ihren Landsleuten jetzt doch nicht die Gedichte von Amanda Gorman nahebringen. Die Autorin kündigte ihren Vertrag als Übersetzerin, nachdem der Verlag Meulenhoff sich für die Entscheidung rechtfertigen musste, eine Weiße beauftragt zu haben, Gormans aufsehenerregendes Gedicht "The Hill We Climb", das sie bei der Amtseinführung von Joe Biden am 20. Januar vorgetragen hatte, ins Holländische zu übertragen.

    Die schwarze Journalistin und Aktivistin Janice Deul hatte in einem Essay für die Zeitung "De Volkskrant" geschrieben: "Eine unverständliche Wahl aus meiner und der Sicht vieler anderer, die ihren Schmerz, Frust, Wut und Enttäuschung in den sozialen Netzwerken freien Lauf ließen. Ist das nicht, um das Mindeste zu sagen, eine vertane Chance, Marieke Lucas Rijneveld angeheuert zu haben? Sie ist weiß, nichtbinär, hat keinerlei Erfahrung auf diesem Gebiet und trotzdem ist sie nach Meinung von Meulenhoff eine 'Traum-Übersetzerin'."

    Kritikerin schlägt andere Übersetzerinnen vor

    "Nichts gegen Rijneveld", so Deul, und empfahl eine Übersetzerin, die wie Gorman eine Künstlerin des gesprochenen Wortes ist, jung, weiblich und "ganz selbstverständlich schwarz". Und Deul ließ es sich nicht nehmen, "einige Namen aus meinem persönlichen Netzwerk" vorzuschlagen: Munga Nyende, Hélène Christelle, Rachel Rumai, Zaire Krieger, Rellie Telg, Lisette MaNeza, Babs Gons, Sanguilla Vabrie, Alida Aurora, Pelumi Adejumo, Schiavone Simson: "Alles Talente, die die literarische Landschaft bereichern und oft jahrelang um Anerkennung kämpfen. Wie wäre es, wenn einer von ihnen den Job macht? Würde das nicht Gormans Botschaft mächtiger machen?"

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    Bildrechte: John Nacion/Picture Alliance

    Amanda Gorman: Vorbild und Kämpferin

    Deul rief "Agenten, Verlage, Redakteure, Übersetzer und Rezensenten" dazu auf, mehr schwarze Stimmen zu Wort kommen zu lassen: "Beziehen Sie die Menschen ein, die kaum Teil des literarischen Systems sind, haben Sie ein Auge für die Genres, die traditionell nicht als Teil des Kanons angesehen werden, und lassen Sie Ihr Ego nicht über die Kunst herrschen."

    "Wir möchten aus dieser Sache lernen"

    Rijneveld selbst hatte sich zunächst geschmeichelt gezeigt, Gormans Gedichte übersetzen zu dürfen: "In einer Zeit zunehmender Polarisierung beweist Gorman die Kraft des gesprochenen Wortes, die Kraft der Versöhnung, die Kraft von jemandem, der in die Zukunft schaut statt zurück. Doch nach der Kritik an ihrer Person sagte die Übersetzerin: "Ich bin vom Aufruhr um meine Rolle an der Verbreitung von Amanda Gormans Botschaft schockiert und ich verstehe die Leute, die sich von der Entscheidung des Meulenhoff-Verlags verletzt fühlen. Ich hatte mich glücklich der Übersetzung von Gormans Werken gewidmet und es als die bedeutendste Aufgabe gesehen, ihre Stärke, ihren Tonfall und ihren Stil zu treffen. Jetzt jedoch sehe ich, dass ich zwar in einer Position bin, das so zu sehen, viele andere jedoch nicht. Ich hoffe, dass ihre Ideen trotzdem so viele Leser wie möglich erreichen und auf offene Herzen treffen."

    "Sensitivity Reading" vereinbart

    Der Meulenhoff-Verlag ließ mitteilen, dass es Rijnevelds Entscheidung war, den Vertrag zu kündigen. Tatsächlich hätten Gorman und ihr Team die 29-jährige Kollegin als Übersetzerin selbst bestätigt und vereinbart, dass deren Text vor der Veröffentlichung einer "kritischen Leserschaft" zur Prüfung vorgelegt werden sollte. Diese Art des vorbeugenden "Sensitivity Readings" ist inzwischen keineswegs unüblich. Damit wollen Verlage verhindern, mit ihren Büchern die Gefühle und Wertvorstellungen von diskriminierten Bevölkerungsgruppen zu verletzen: "Wir möchten aus dieser Sache lernen und darüber sprechen und wir werden aufgrund der neuen Erkenntnisse einen anderen Weg einschlagen", so die Direktorin Maaike de Noble auf Twitter, die gleichzeitig ankündigte, sich nun auf ein "Team" zu verlassen, um "Amandas Worte und Botschaft der Hoffnung und Inspiration schnellstmöglich übersetzen" zu lassen. Kritikerin Deul sprach per Twitter ihren Dank aus für diese Entscheidung.

    In Deutschland wird Gormans Gedicht "The Hill We Climb" nach Angaben des Verlags Hoffmann und Campe von Kübra Gümüsay, Hadija Haruna-Oelker und Uda Strätling übersetzt. Die zweisprachige Ausgabe soll Ende März erscheinen.

    Die in Los Angeles geborene Amanda Gorman war nach der Inaugurationsfeier von Biden über Nacht weltbekannt geworden. Auch beim Super Bowl, dem Endspiel der amerikanischen Football-Liga, war Gorman in einer Video-Einspielung mit einer Eloge auf drei "Helden der Pandemie" zu sehen gewesen. Sie wird jetzt mit Werbe-Verträge überschüttet, ist Mode-Model und zierte bereits mehrere Zeitschriften-Titel, u.a. von "Time".

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