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Warum die 2010er Jahre die Authentizität entzaubert haben | BR24

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Die Zehnerjahre feierten das Authentische – ob in Produkten oder der Kunst. Mit der Inszenierung des Echten verdienten Influencer viel Geld. Man muss es ihnen nicht vorwerfen: Die Sehnsucht nach Authentizität ist eigentlich unerfüllbar.

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Warum die 2010er Jahre die Authentizität entzaubert haben

Die Zehnerjahre feierten das Authentische – ob in Produkten oder der Kunst. Mit der Inszenierung des Echten verdienten Influencer viel Geld. Man muss es ihnen nicht vorwerfen: Die Sehnsucht nach Authentizität ist eigentlich unerfüllbar.

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Sechs Bände, über 3.500 Seiten, ein Thema: das eigene Leben. Zu Beginn der Zehnerjahre wuchtete der norwegische Autor Karl Ove Knausgård ein neues Literaturformat in die Öffentlichkeit. Mit obsessiver Hingabe ans Detail erzählte er von sich – als trinkender Teenager, Schriftsteller im Kampf mit seinem Werk, als Liebender, Vater, Mann in der Ehekrise. Literatur als Selbsterforschung, sehr alltagsnah, sehr existenziell. "Authentisch, bis es weh tut", urteilte die Kritik – und meinte das als Lob.

Knausgård war mit seinen Zweifeln an der Fiktion nicht allein. "Reality Hunger", den "Hunger nach Wirklichkeit", nannte der US-Autor David Shields diesen Zweifel 2010 in einem gleichnamigen Manifest: Warum noch etwas erfinden, wenn unser Leben ohnehin so virtuell, so inszeniert, so medial geworden ist? "Wir wollen all dem Fabrizierten etwas Nichtfiktionales entgegenstellen", schrieb Shields damals. Und das Echte, Ungekünstelte, das Authentische wurde nicht nur in der Literatur eine komplizierte Sehnsucht des Jahrzehnts.

"Sei du selbst!"

Aber was genau ist eigentlich "authentisch"? Der Münsteraner Islamwissenschaftler Thomas Bauer hat 2018 in seinem Essay "Die Vereindeutigung der Welt" ein ganzes Kapitel dieser komplizierten Frage gewidmet. Der Diskurs um die Authentizität lege nahe, dass es jenseits von sozialen Rollen und kulturellen Prägungen etwas wie ein "wahres Selbst" geben müsse. Für Bauer bedeutet das in der Konsequenz: "Authentizität ist das Gegenteil von Kultur".

"Sei du selbst!", so lautet der kategorische Imperativ der Authentizität. Er ist hoffnungslos unerfüllbar. Denn ein unverfälschtes, vorkulturelles Ich gibt es nicht. Wer wir sind, das wird auch in Moden, Märkten und der digital vernetzten Schwarmintelligenz geformt. Darauf reagiert die Utopie des Authentischen mit leichtem Trotz – und oft betont analog. Urtümliches Craft-Beer, zeremonielle Kaffeerösterei und Kaffeefilterung, "Manufakturen" für Fahrräder, Taschen oder T-Shirts: Das ist nicht bloß Retro-Nostalgie. Es geht weniger um Produktwelten von gestern als um Dinge an sich – und um einen Umgang mit ihnen, für den sie mehr sind als Produkte.

Das Authentische als Fiktion und Inszenierung

Doch auch die Kritik der Käuflichkeit lässt sich kaufen, darin liegt das melancholische Warenparadox des Spätkapitalismus. Natürlich wussten das die Schlauen unter den Zehnerjahre-Hipstern, die mit Karohemd, Rauschebart und Pelzkapuze durch Stadtwinter liefen wie durch tiefen Wald. Ihre Urwüchsigkeit war selbst eine Marke, für die Trendforscher zur Halbzeit des Jahrzehnts das Label "Lumbersexualität" erfanden – nach "Lumberjack" für "Holzfäller".

Ein neues Image also, eine neue Imitation. Für die Berliner Dichterin und Autorin Ann Cotten bestehen wir hauptsächlich aus solchen Imitationen: "Wir sind das Produkt einer Evolution, wir reagieren auf die Umwelt und die Natur reagiert auf uns", sagt Cotten. "Aus welcher Sicht man da irgendwas Originäres oder Authentisches oder Natürliches feststellen möchte, ist mir ein ganz lächerlicher Gedanke."

Cottens Literatur ist entschieden künstlich, voller Anspielungen, Verweise und Zitate, ihre Texte tun niemals so, als wären sie fast das wahre Leben. Eine Art Anti-Knausgård also – auch das waren die Zehnerjahre. Und in der Massenkultur der zurückliegenden Jahre haben Influencer das paradoxe Format inszenierter Authentizität etabliert: Millionen sehen ihnen beim Alltag zu und bekommen nebenbei Lifestyle-Tipps und Produktempfehlungen. Sie fühlen sich ganz nah dran und wissen doch, dass die ganze Sache sich nicht um Nähe, sondern um schöne Bilder und Geld dreht.

Auch eine politische Kategorie

Für Ann Cotten ist das Authentische ebenso eine Fiktion wie das Natürliche. Allerdings können diese Fiktionen, das haben die Zehnerjahre sehr konkret gelehrt, eine wütende Wirkung entfalten: Das Erstarken des Rechtspopulismus lässt sich auch als politische Variante der Sehnsucht nach dem Authentischen lesen. Er propagiert das fraglos Eigene, das nicht auf Kompromiss aus ist, sondern sich zu behaupten hat – als Volk, Kultur oder Nation. Donald Trump oder Boris Johnson, zwei Politiker eines neuen Typs, wurden auch für ihre Authentizität gewählt, ihre ungefilterte Sprache, ihre Impulsivität.

Für Thomas Bauer ist es ein zweifelhaftes Lob, einen Politiker authentisch zu nennen: "Menschen haben unterschiedliche gesellschaftliche Rollen", sagt Bauer, "und ich erwarte das auch von einem Politiker, dass er sich nach außen auch mal für Positionen einsetzt, die er zu Hause eher so nicht vertreten würde."

Den Mehrdeutigkeiten entkommt man also nicht. Die Rede vom Authentischen sucht etwas Festes im dauernden Wandel – und ist selber höchst vieldeutig. 2020 hat der Trend einen neuen Namen: "urban". Städtisch cool, heißt das ungefähr, ein Stil des Ungestylten. Rau und zugleich reflektiert, irgendwie international und zugleich verwurzelt, nicht naturwüchsig, aber dennoch ganz echt. Authentisch widersprüchlich eben.

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