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Abitur, Clubs und Prostitution: "Yung" von Henning Gronkowski | BR24

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Einfach nur Abitur machen in Berlin? Langweilig, wenn es doch unzählige Clubs, Drogen und Sex gibt. Regisseur Henning Gronkowski zeigt in seinem neuen Film das Leben von vier Berliner Mädchen – schonungslos und ohne Sicherheitsnetz.

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Abitur, Clubs und Prostitution: "Yung" von Henning Gronkowski

Einfach nur Abitur machen in Berlin? Langweilig, wenn es doch unzählige Clubs, Drogen und Sex gibt. Regisseur Henning Gronkowski zeigt in seinem neuen Film das Leben von vier Berliner Mädchen – schonungslos und ohne Sicherheitsnetz.

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Schon die erste Szene deutet auf eine Eigenart dieses Films: Eine junge Frau, eigentlich noch ein Mädchen sitzt auf dem Beifahrersitz und unterhält sich mit dem deutlich älteren Fahrer. Ihr Vater, denkt man. Wie es in der Schule gewesen sei, fragt er, und sie antwortet so einsilbig, wie widerwillige Teenager eben antworten, die zwar in die Schule gehen, aber nicht einsehen, auch noch darüber sprechen zu müssen.

Die Beiläufigkeit des Extremen

Doch es stellt sich rasch das Gefühl ein, dass dies keine einfache Vater-Tochter-Beziehung ist. Vielleicht weil die Kamera immer wieder auf die schlanken und nackten Frauenbeine zoomt, vielleicht weil dieser Mann nicht wie ein zwar genervter, aber doch involvierter Vater reagiert, sondern wie jemand, der von der Schulroutine eigentlich selbst nichts hören will. Und der Eindruck täuscht nicht: Die beiden sind auf dem Weg ins Hotel, sie schlafen kurz miteinander, tauschen Geld aus und gehen wieder auseinander. Immer wieder begegnet einem das in diesem Film: Etwas eigentlich Skandalöses geschieht, extrem – traurig oder lustvoll – aber es geschieht beiläufig, so als gehöre es schlicht zum Selbstverständnis dieser vier Berliner Jugendlichen.

Vier Mädchen kurz vor ihrem Abitur verfolgt und befragt der Film – Laienschauspielerinnen, die im Film dieselben Namen tragen wie im Leben, und denen der Zuschauer zutraut, im Leben dieselben Erfahrungen gesammelt zu haben wie im Film: Drogen zu probieren und sie zu kochen zum Beispiel. Drogen zu verkaufen, Eltern als Randgestalten des eigenen Lebens wahrzunehmen. Auch: sich nach Sex zu sehnen und für Sex Geld zu kassieren, Männer und Frauen zu küssen – um einfach mal zu schauen, wer einem besser schmeckt.

Kein Generationenporträt

Auch wenn der Regisseur selbst das tut: Es lohnt sich nicht, diesen Film mit dem Anspruch "Generationenporträt" zu belasten. Das Lebensgefühl der jungen Frauen ist ein sehr besonderes und es hängt nicht nur an ihrem Alter, sondern auch an ihrer Stadt: Berlin. Es ist ein Leben auf der Kippe – da ist die Ahnung, bald erwachsen zu werden, die Ahnung, dass dieses Leben, so wie es sich gerade anfühlt, nicht von Dauer sein kann, und die Ahnung, dass der gemeinsame Rausch jede von ihnen auch abdriften lassen und letztlich umbringen kann.

Zu spezifisch ist das Milieu, um von einer ganzen Generation zu erzählen. Aber auch die Haltung des Films ist eine andere, als ein Generationenporträt es verlangen würde: Ein Porträt bräuchte beides – den intimen Blick auf ein Milieu, das Wissen um Eigenarten, heimliche Wünsche, offene Wunden. Aber eben auch den Schritt zurück, die Distanz, die einen Beobachter aus der Gemeinschaft herauslöst. Aber diesen Schritt geht Regisseur Henning Gronkowski nicht.

Wärme und Härte des Blicks

Er spürt stattdessen der Stimmung dieser Mädchen nach und fängt sie mit großem Gespür für Sinnlichkeit ein – für Sound und Farben, die ein Lebensgefühl ohne viel Worte transportieren. Und er überträgt diese Stimmung auf den Zuschauer. Der rückt in die Nähe der Figuren, erlebt, schwingt mit ihnen statt sie zu analysieren – diese Rezeptionshaltung, die sich noch nie verstanden hat mit dem Gefühl, sich und die Kontrolle zu verlieren. Aber genau dieses Gefühl begründet Euphorie wie Erschöpfung der Protagonistinnen.

Und der Film zeigt das mit großer Schonungslosigkeit. Das Intimste, Kaputte, Schmerzhafte wird nicht geschützt, es wird angesehen. Auf Distanz, diese Eigenschaft, die Intimität verhindert, dadurch aber auch das Intime bewahrt, ist dieser Film nicht aus. Und genau darin liegt seine Wärme, seine besondere Stimmung, aber auch die Härte und Schonungslosigkeit seinem Gegenstand gegenüber.

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