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Yevgenia Belorusets erzählt von verlorenen Seelen in der Ukraine | BR24

© Bayern 2

Die ukrainische Autorin Yevgenia Belorusets erzählt in ihrem Buch: "Glückliche Fälle" über alles andere als Glücksfälle. Es geht um Menschen, die durch den Krieg in ihrer Heimat zu Statisten im eigenen Leben werden.

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Yevgenia Belorusets erzählt von verlorenen Seelen in der Ukraine

Die ukrainische Autorin Yevgenia Belorusets erzählt in ihrem Buch"Glückliche Fälle" über alles andere als Glücksfälle. Es geht um Menschen, die durch den Krieg in ihrer Heimat zu Statisten im eigenen Leben werden.

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Zuerst warf sie mit Liebesbekundungen um sich, beteuerte, sie sei in das ukrainische Wesen verliebt, und sagte im gleichen Moment, die Ukraine sei irgendwie das "Land der entbehrlichen Erscheinungen". Was so viel heißt wie: Was wichtig ist, verlässt das Land; zurück bleibt der Bodensatz, all jene, die zufällig nicht woanders gebraucht werden, jene sehnsuchtsvollen, rastlosen Existenzen, von denen die ganze übrige Welt nichts wissen will. Sie zeigte auf sich und sagte: Mikroexistenz.

Statist*in in der eigenen Geschichte

"Flieder" heißt eine der 33 kleinen Erzählungen von Yevgenia Belorusets. Andrea ist eine der Protagonistinnen von denen uns die ukrainische Autorin in ihrem Band "Glückliche Fälle" erzählt. Und sie ist einer dieser "glücklichen Fälle". Denn in nur einem Begriff beschreibt Belorusets' Heldin ein Grundgefühl, das fast alle Helden dieses kleinen, feinen Büchleins gemeinsam haben. "Es ist das Gefühl, dass die Geschichte vorbeigeht, an deiner Tür vorbei. Und Du bist angefragt eine Statistenrolle zu spielen, die du überhaupt nicht magst. Und du kannst nicht absagen. Du hast eine Verbindung zu der Geschichte. Aber eine, die du verneinst, die du überhaupt nicht haben möchtest." sagt Yevgenia Belorusets.

Belorusets' Protagonistinnen stammen selten aus der Hauptstadt Kiew. Viele sind Binnenflüchtlinge, kommen aus Dörfern, die in Kriegsgebieten nahe der russischen Grenze liegen. Oder leben in von Kriminellen beherrschten Stadtstaaten. Einer dieser Stadtstaaten heißt Antrazit. Dort vermissen die Bewohner eines Tages ihre Nagelstylistin.

"Als wir uns endlich ein Herz gefasst hatten, um uns an denjenigen zu wenden, der jetzt in ihrem früheren Nagelstudio sitzt, als wir uns endlich durchgerungen hatten, ihn zu fragen, wo sie sei und was sie mache, antwortete er ungefähr Folgendes: Sie hat einen Schnupfen bekommen, und wenn man Schnupfen hat, kann man keine Maniküre machen, dann zittern nämlich die Hände, und deswegen, ausschließlich aus Gründen der Sicherheit und Hygiene, haben wir sie vorübergehend entfernt." ( Aus "Glückliche Fälle")
© privat

Yevgenia Belorusetz: Die 1980 geborene Autorin und Künstlerin lebt in Kiew und Berlin

Stimme der Unsichtbaren mit unsichtbarem Leben

Die Nagelstylistin aus Antrazit, die Floristin aus Donezk, die Frau, die keine Arbeit findet, die Dame, die auf einer Parkbank sitzend langsam zu einem Denkmal wird, das niemand beachtet. Belorusets' Heldinnen und Helden sind keine Heroen. Sie ertragen nur mutig das Leben. Doch wie kann man das? In einem Land, in dem Städte vom Krieg zerstört sind? In dem kein Wert mehr Gültigkeit hat? In dem die mit den einstigen Revolutionen verbundenen Hoffnungen verloren sind? In solch einer Situation lässt die Autorin ihr Personal sich gewissermaßen selbst definieren. Wer bin ich? Im Hier und im Jetzt – und wer möchte ich sein? Yevgenia Belorusets macht Stimmen hörbar, die sonst niemand hört. Und das aus einem sehr persönlichen Grund. "Es ist ein Protest. Ich denke, ich war verliebt in eine Idee von einem unsichtbaren Aufstand der Menschen. Menschen, die imstande sind, in den schlimmsten Umständen durch die Beschreibungen von sich selbst, etwas zu ändern – im eigenen Leben. Sie haben auch ein Potential im gesellschaftlichen Leben etwas zu ändern", sagt Yevgenia Belorusets.

Yevgenia Belorusets interessiert nicht der Krieg im Osten der Ukraine an sich. Es ist das friedliche Leben vor dem Hintergrund dieses Krieges. Und so taucht der Krieg in ihren Erzählungen auch eher beiläufig auf. Oder wirft einen kurzen Schatten auf die beschriebene Szenerie.

Gefangen in den eigenen Ängsten

Yevgenia Belorusets' Heldinnen sind in eine der tiefen, dunklen Spalten gefallen, die sich im Leben plötzlich öffnen. Dort hängen sie nun fest – in den Gespinsten der eigenen Unzulänglichkeiten. In den Fäden der Mutlosigkeit und den Netzen ihrer Ängste, fehlender Chancen, des eigenen Unvermögens und der Antriebslosigkeit.

Zuweilen wirken die Erzählungen wie Kaltnadelradierungen: klare Striche, feine Nuancierungen im Schwarz und Weiß. Am Ende steht ein Bilderzyklus, der uns die Lebenslage und Gefühle jener Ukrainer näherbringt, deren Leben durch einen unerklärten Krieg aus der Bahn geworfen wurde. Aufwühlend sind diese Geschichten und berührend.

© Matthes und Seitz/ Montage BR

"Glückliche Fälle" von Yevgenia Belorusetz Cover

Glückliche Fälle von Yevgenia Belorusetz erscheint voraussichtlich am 06.09.2019 bei Matthes & Seitz.

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