BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© Rob Grabowski/Picture Alliance
Bildrechte: Rob Grabowski/Picture Alliance

Paul McCartney

Per Mail sharen

    Wut über Streamingdienste: Britische Musiker fordern Reform

    In einem Offenen Brief an Premierminister Boris Johnson bestehen 156 prominente Musiker auf einer Änderung des Urheberrechts. Sie fühlen sich von den Netz-Multis ausgebeutet und fordern von ihnen einen ähnlichen Teil vom Umsatz wie von Radiosendern.

    Per Mail sharen
    Von
    • Peter Jungblut

    Viele Musiker bekämen derzeit von Streaming-Konzernen deutlich weniger als einen Cent pro abgerufenem Titel, so die Musiker in ihrem Alarm-Brief an Boris Johnson, und die an den Songs beteiligten Studiomusiker gingen sogar ganz leer aus. Das britische Urheberrecht habe mit dem technischen Fortschritt beim Musikkonsum einfach nicht schrittgehalten, weshalb Künstler bei der Nutzung ihrer Werke im Netz bei weitem nicht dieselben Ansprüche anmelden könnten wie gegenüber Radiostationen: "Zu lange haben Streaming-Plattformen, Plattenfirmen und andere Internet-Giganten die Interpreten und Urheber ausgebeutet, ohne sie angemessen zu bezahlen. Wir müssen den Wert der Musik dahin zurück bringen, wo er hin gehört, in die Hände der Musikmacher", so der Text, der von insgesamt 156 Künstlern unterschrieben wurde, darunter neben Paul McCartney und Kate Bush so prominente Kollegen wie Sting, Gary Barlow, Noel Gallagher, Annie Lennox, Damon Albarn, und Led Zeppelin’s Jimmy Page and Robert Plant.

    Nur ganze zwei Wörter müssten im britischen Urheberrechtsgesetz von 1988 ergänzt werden, und die Musiker bekämen von Streaming-Konzernen einen ähnlich hohen Anteil der Einnahmen wie von Radiosendern, argumentieren die bekannten und weniger bekannten Stars. Die Rede ist von einer "angemessenen Vergütung" (equitable remuneration), die über einen Rechte-Vermarkter ähnlich der deutschen GEMA erhoben und verteilt werden soll. Das koste den britischen Steuerzahler "keinen Penny", sondern werde im Gegenteil mehr Geld in die Staatskasse spülen und der nationalen Krankenversicherung ebenfalls mehr Einnahmen bescheren.

    "Plattenfirmen haben sich zu Marketing-Firmen entwickelt"

    Streamingdienste dagegen rechnen nicht mit den Künstlern über eine Autorengesellschaft direkt ab, sondern mit den Inhabern der Urheberrechte, in der Regel Plattenfirmen, die selbst entscheiden, wieviel sie von diesen Einnahmen an ihre Musiker weitergeben. Während beim Einsatz von Musiktiteln im Radio 50 Prozent der erzielten Einnahmen an die Songschreiber und -komponisten gingen, seien es beim Streaming nur insgesamt 15 Prozent, so die Unterzeichner des Offenen Briefs. Die Konzern-Multis hätten "außergewöhnliche Macht" bei sich konzentriert, Autoren und Komponisten würden gleichzeitig am Hungertuch nagen.

    Horace Trubridge, der Chef der britischen Musiker-Gewerkschaft, die eine Petition eingereicht hat, vermutete, dass die Abonnenten der Streaming-Portale "geschockt" wären, wenn sie wüssten, wie wenig von ihrem Geld bei den Künstlern ankomme. Aber auch die Plattenlabels wurden kritisiert, weil sie sich teilweise zu "Marketing-Firmen" entwickelt hätten und als reine Rechteverwalter ohne Herstellungs- und Vertriebskosten ihre Gewinne vervielfachten, ohne sie mit den Kreativen angemessen zu teilen. Der Unterausschuss des britischen Unterhauses für Digitales, Kultur, Medien und Sport beschäftigt sich bereits seit vergangenem Oktober intensiv mit dem Geschäftsgebaren der Streamingdienste.

    Streaming-Industrie gelobt mehr Transparenz

    Einige der kritisierten Streaming-Multis haben schon reagiert und mehr Transparenz gelobt. So versprach Apple Music den Künstlern in einem Rundschreiben letzte Woche, durchschnittlich einen Cent pro abgerufenem Musiktitel zu honorieren: "Während die Diskussion über die Streaming-Erlöse weitergeht, glauben wir, dass es wichtig ist, unsere Werte zu teilen. Wir sind überzeugt, jedem Urheber denselben Betrag auszuschütten, dass jeder Abruf einen Wert hat und Urheber niemals für die Verfügbarkeit bezahlen sollten."

    Auch Spotify bemüht sich auf einer eigenen Website namens "Loud & Clear" neuerdings, sein Vergütungssystem der Öffentlichkeit näher zu erläutern. Dort heißt es wörtlich: "Künstler wollen in der Lage sein, von ihrer Arbeit leben zu können. Auch wir wollen das. Obwohl mehr Musiker denn je durch Streaming Erfolg haben, haben wir unser Ziel noch lange nicht erreicht und werden uns weiterhin bemühen, unsere Branche wachsen zu lassen." Zumindest dieses Versprechen löst Spotify ein: 2020 wuchs der weltweite Umsatz auf rund 7,9 Milliarden Euro. Sieben Jahre zuvor waren es noch nicht einmal 800 Millionen Euro.

    Firmenboss Daniel Ek sagte, Ziel sei es, allen "professionellen" Musikern und denen, die es werden wollten, zu ermöglichen, von ihrer Arbeit zu leben. Gleichwohl wehrten sich Spotify, Google, Amazon und Pandora verbissen dagegen, als sie 2017 vom US Copyright Royalty Board (CRB) gesetzlich gezwungen werden sollten, ihre Ausschüttungen an Musiker von 10,5 auf 15,1 Prozent ihrer Einnahmen anzuheben. Am 7. August vergangenen Jahres urteilte ein Berufungsgericht in Washington D.C., diese Sätze seien vom Gesetzgeber "falsch kalkuliert" worden und ordnete eine Neuberechnung an. Das Verfahren geht also weiter.

    Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!

    Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!