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Wurst-Stillleben als Reflexion über Zeit und Vergänglichkeit | BR24

© Christoph Hänsli

Ausstellungsansicht zur Serie "Mortadella"

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Wurst-Stillleben als Reflexion über Zeit und Vergänglichkeit

Er hat anderthalb Jahre lang 166 Wurstscheiben fotografiert und abgemalt: Christoph Hänsli. Den Schweizer Künstler interessiert das Absurde im Alltäglichen. Jetzt ist seine "Konferenz der Dinge" in der Basler Villa Renata zu sehen.

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Nehmen Sie eine ganze Mortadella – etwa 22 cm lang und 15 cm dick. Schneiden Sie die Mortadella, die Wurst, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Bologna erfunden wurde, in 166 Scheiben, jede 1,5 Millimeter dick. Schauen Sie sich nach dem Schneiden die Wurst genau an – und Sie werden feststellen, dass die Scheiben auch dort, wo sie direkt zusammenhingen, nie gleich sind. Die variierende Zusammensetzung von mageren und fetten Stellen macht nach dem Schneiden von Scheibe zu Scheibe einen sichtbaren Unterschied. Fotografieren Sie jetzt die 166 Stücke der Wurst von vorne und hinten. Das ergibt 332 Fotos. Nutzen Sie die Aufnahmen als Vorlage, um jede Scheibe der Mortadella von beiden Seiten auf jeweils ein Blatt Papier zu malen. Nennen Sie die ganze Serie "Mortadella".

Die Wirkung des Fleisches

Verrückt? Vielleicht. Aber der Schweizer Künstler Christoph Hänsli hat genau das gemacht. Über einen Zeitraum von anderthalb Jahren … "Dieses Malen von Würsten hat eigentlich schon früh begonnen, mit kleinen Landjägern … das war sehr komplex", erzählt der Künstler. Gemalt hat Christoph Hänsli die 332 Bilder parallel, immer Schicht für Schicht, mit einem farblich aufwändigen Aufbau. Unten Acryl, dann Ölfarbe, am Ende nur noch Lasuren. Jedes Bild besteht aus zwölf Schichten. "Die Wirkung des Fleisches entsteht erst durch die Schichten. Da muss man vertrauen, dass sich diese Schichten dann irgendwann in Fleisch verwandeln." In dem bei der Züricher "Edition Patrick Frey" erschienen Katalogbuch mit dem Titel "Mortadella" sind alle Scheiben abgebildet, von Zipfel zu Zipfel.

Mortadella-Scheiben wie Planeten aus dem Weltall

332 Seiten Wurstkosmos. Der Begriff eines Universums ist gar nicht falsch, denn die einzelnen dünnen Räder aus gebrühtem Schweinefleisch wirken tatsächlich wie der Anblick eines Planeten aus dem Weltall. Rund. Gegliedert durch die geologisch erscheinende Verteilung von Land- und Wasserflächen: Weiße Speckinseln schwimmen im Ozean der hellrosa getönten Wurstmasse. Grünlich-gelbliche Pfefferkörner, umgeben von schwarzen Rändern, sitzen wie kleine Atolle dazwischen. Mit Naturalismus hat das nicht viel zu tun. Christoph Hänsli sagt, er leide immer darunter, wenn seine Malerei altmeisterlich genannt werde. Das Verharren bei der reinen Oberflächenerscheinung sei nicht sein Ding. Er male nicht, um einen naturalistischen Effekt zu erzielen. Wer genau hinschaut, bemerkt: Hänslis Mortadella ist reine Abstraktion: "Wenn man das Original sieht, sieht man, dass es eine Reduktion auf zwei Farben ist …und das ganze Fleischliche, das Gefühl, dass es naturalistisch ist, ergibt sich nur durch die Schichten."

In den Arbeiten von Christoph Hänsli geht es um Vergänglichkeit. Seine Mortadella-Stillleben entstammen den malerischen Traditionen des Barock, als Künstler anfingen, tote und reglose Gegenstände (etwa Tiere, Früchte und Gemüse) darzustellen – als Verweis auf die Endlichkeit der irdischen Existenz und die Nichtigkeit der weltlichen Schätze. Die ab Anfang des 17. Jahrhunderts entstandenen, symbolisch aufgeladenen Gemälde sollten anregen zu Meditationen über den Tod und die Eitelkeit des Besitzens.

© Christoph Hänsli

Mortadella aus der Serie "Mortadella", Acryl und Ölfarbe auf Leinwand.

© Christoph Hänsli

Mortadella aus der Serie "Mortadella", Acryl und Ölfarbe auf Leinwand.

Hänsli erweitert das zu einer umfassenden Reflexion darüber, was Zeit und Vergänglichkeit überhaupt bedeuten. Er spricht vom menschlichen Paradoxon, davon, dass wir mit unserer Geburt beginnen, zivilisatorischen Konzepten des Wachstums, der Neugierde und der Fortentwicklung nachzukommen, letztlich aber immer das Sterben und den Tod vor Augen haben. Es geht ihm um eine Bewusstwerdung der Gegenwärtigkeit, um das Festhalten eines eigentlich nie fassbaren Moments im Strom der Ereignisse. "Ja, wenn man alles so betrachtet, als würde man es das erste Mal sehen, dann beginnt alles zu leben, und dann ist man … Lacan, das wird vielleicht irgendwie sichtbar am Schluss."

Der Künstler sagt, nicht er entscheide sich für ein Objekt, sondern er begegne einem Gegenstand und der verlange dann gewissermaßen seine Darstellung. So war es, als er Ende der neunziger Jahre in einem Schweizer Gebrauchtwarenladen, einem sogenannten Brockenhaus, eine Ansammlung von fünf Staubsaugern entdeckte, die zusammenstanden wie Menschen bei einem Stehempfang. Er betitelte das daraus entstandene Bild "Der Kongress". Zu sehen ist das 1 Meter 60 x 1 Meter 30 große Gemälde noch bis Mitte Dezember im Basler Kunstraum Villa Renata, in einer Ausstellung, die erstmals ziemlich umfassend viele Werke von Christoph Hänsli präsentiert, wenn auch nicht alle. Dazu ist bei dem Verlag Scheidegger & Spiess ein Katalog erschienen. Buch und Werkschau tragen den Titel "Die Konferenz der Dinge".

"Eine gute Kraftbrühe geliert beim Abkühlen"

Nicht zu sehen ist in Basel die Mortadella-Serie. Die erstand schon vor ein paar Jahren ein befreundeter Sammler, nachdem er sie im Atelier des Künstlers gesehen hatte. Trotzdem waren die 332 Mortadella-Bilder noch in der Berliner Galerie Judin ausgestellt. Nun hängen sie in einem Mortadella-Kabinett in einem Schloss in Fürstenau in Graubünden – und Christoph Hänsli hat dazu noch eine Stuckdecke mit Gips-Ravioli kreiert.

Christoph Hänsli hat sich auch schon als Performancekünstler versucht, so steht es in einem Text über ihn zu lesen, aber das war nur ein kurzer Karriereabschnitt. Mit einer Papptafel, auf der der Spruch stand "Eine gute Kraftbrühe geliert beim Abkühlen", stellte er sich in die Öffentlichkeit.

Mit einem Sinn für Selbstironie spricht Christoph Hänsli über solche experimentellen Ausflüge in andere Kunstgattungen. Seine gesamte Arbeit wird – bei aller Melancholie – von einem lakonischen Humor getragen. Er malt auch Merkzettel und Post-Its, Merksätze, Listen und Plakate. Seine Tafel "Eine gute Kraftbrühe geliert beim Abkühlen" ist in der Villa Renata ausgestellt.

Mit Sprache beschäftigt sich Hänsli gerne und oft. So sind auch Post-Its einer Demenzkranken zu sehen, das Vermisst-Plakat einer entlaufenen Katze sowie skurrile Aufzeichnungen aus einem Buch mit Anweisungen in Bezug auf die Essgewohnheiten von Altenheimbewohnern. Auf all diese Schriftstücke ist der Künstler irgendwann irgendwo gestoßen und hat sie fotografiert bzw. gemalt.

© Christoph Hänsli

Alle Würste von Christoph Hänsli.

Ein Meerschweinchen namens Nüssli

In der Züricher Wohnung von Christoph Hänsli hängt im Eingangsbereich ein kleines Bild seines Onkels Werner Huber. Es zeigt ein Meerschweinchen, altmeisterlich gemalt wie der berühmte Hase von Dürer. Das putzige Wesen wirkt ungemein lebendig mit seinen wachen Äuglein und den feinen Härchen rund um Nase und Mund. Fast könnte man meinen, sie zitterten leicht. Nüssli war der Name des Tieres – als es starb, verewigte es der Onkel, ein offenbar hochbegabter Autodidakt und Hobbymaler, zum Trost für den damals noch kleinen Neffen. Christoph Hänsli spricht vom beseelenden Einfluss des Onkels und zeigt dessen Skizzenbücher: Porträts. Alltagsgegenstände. Passanten. Beim Durchblättern verbildlicht sich zunehmend der Gedanke, dass der Onkel den Urgrund des "Corpus Haenslianums", wie ein umfangreiches Werkverzeichnis der Gemälde betitelt ist, mit bereitet haben könnte.

Den Anfang im Corpus-Buch macht "Popcorn" von 1992, neun Bilder unterschiedlich aufgeplatzter Maiskörner. Hänslis Arbeiten erscheinen wie ein rätselhaftes Kompendium banaler Alltagsgegenstände. Da ist eine Gießkanne. Sind Handtücher. Briefkästen. Ein Kühlschrank. Ein Herd. Eine Waschmaschine. Enthalten ist auch ein Teil der Serie, mit der Christoph Hänsli 1996 seine erste Einzelausstellung in einer Züricher Galerie bestritt. Man sieht Ausschnitte billiger schäbiger Hotelzimmer. Der britische Kunstkritiker und Schriftsteller John Berger schrieb dazu für seinen Freund Hänsli einen Text:

"Niemand ist hier, und die Betten in ihrer ganzen Anonymität sind leer. Oder ich könnte sagen: voller Abwesenheit, doch das suggeriert eine Sentimentalität, ein Bedauern, was Deine Bilder nicht zulassen. … Kein Wunder, dass sich in Hotelschränken oft ein Schild findet, das man an den Türgriff hängen kann und auf dem es heißt: Bitte nicht stören." John Berger, britischer Kunstkritiker und Schriftsteller

Das allgemein Menschliche

Man sieht ungemachte Betten. Eine Überdecke, auf der jemand gelegen haben muss, weil sie sich leicht beult, anders als auf dem Bett daneben. Da sind diese armseligen Leselämpchen in rosa Blütenkelchform, darunter dunkelbraune Nachkästen mit einem weißen Deckchen darauf – und verblichene gemusterte Tapeten, die in ihrer pastosen Fahlheit ein Gefühl der Verlorenheit heraufbeschwören, gegen das es anzukämpfen gilt. Oder das man einfach akzeptieren muss.

Nie sind Menschen auf Christoph Hänslis Bildern zu sehen. Die Serie verbindet Abwesenheit mit einer Erinnerung an Orte, wie sie fast jeder kennt. "Ja, ich denke, es bezieht sich auf das allgemein Menschliche … sonst fragt man sich ja: Wer ist dieser Mensch?" Er habe immer alle Hotelzimmer fotografiert, wo er übernachtete. Es seien Zimmer, die in "Zweistern- oder Nullsternhotels" gewesen seien.

"Die Ausstrahlung der Leere ist etwas, was beim Malen passiert. die Bilder haben dann eine große Ausstrahlung der Ruhe." Christoph Hänsli

Christoph Hänsli malt alle seine Motive im Maßstab 1:1. Das Bild eines Kühlschranks ist so groß wie der Kühlschrank selbst. Die Abbildung einer Salzstange entspricht einer Salzstange. Interessant wird es bei größeren Objekten: Die Fassade eines Abbruchhauses in Zürich hat er im Format 2 Meter 20 x 22 Meter 22 gemalt, also auch im 1:1. Der Bildträger wird dann natürlich gestückelt, weil man ihn zusammenhängend gar nicht transportieren könnte. So auch bei dem Gemälde "Der Generator", das eine riesige beeindruckende Schalttafel zeigt – 7 Meter 44 lang und jetzt auch zu sehen in der Basler Villa Renata. Der Betrachter meint, vor einem Schrank zu stehen. Vor einer Kommode. Vor einem Kleidercontainer des Roten Kreuzes. Vor einer Parkbank. Vor einem Medizinschränkchen. Oder eben vor einer riesigen Schalttafel.

Betrachter verortet sich neu

Doch was sagen uns all' diese Objekte? Sie beeindrucken uns, obwohl sie Alltag sind. Wir Betrachter verorten uns neu durch Christoph Hänslis Arbeiten. Nehmen unsere Umgebung anders wahr. Bewusster. Schauen anders hin. Entdecken plötzlich, wie der Künstler, Schrauben auf der Straße, die verloren gegangen sind. Was ihn zu einer gigantischen Serie von Schraubenbildern anregte. Sie entstand in den Jahren 2013/14 und trägt den Titel "Verloren". Hunderte von einzeln gemalten Schrauben im Maßstab 1:1. So banal wie begeisternd einzigartig – und darin, in einer Art minimalistischer malerischer Messe für jede einzelne Schraube, fast schon heroisch: "Da passt der Begriff des Absurden, dass mir die Welt oft absurd vorkommt. Also, ich kann oft über etwas ganz Einfaches staunen."

Rostige oder silbern glänzende oder abgebrochene Schrauben. Große und kleine. Holzschrauben und Gewindebolzen. Manche mit einer Mutter. Andere ohne. Zivilisationsmüll. Irgendwo liegt er auf der Straße. Weggeschmissen. Abgefallen. Abhandengekommen. Bis ein Künstler kommt und alle Schrauben aufsammelt. Eine Form von Manie. Getragen vom selektiven Röntgenblick eines Besessenen …

"Es war eine lange Zeit sehr schwierig, keine Schrauben mehr zu sehen. Das heißt ja, es muss ganz viele Maschinen und Geräte und Autos geben, die nicht mehr richtig funktionieren, sollten diese Schrauben tatsächlich eine Funktion gehabt haben."

Alltagsgegenstände entwickeln eine ungewohnte Präsenz

Durch die Reihung erfahren die Dinge bei Christoph Hänsli eine Aufladung, es geht um eine wahrnehmungspsycholgische Umwertung: Ein Gegenstand, den wir – wie etwa eine Schraube oder ein Bierglas – ganz selbstverständlich benutzen, entwickelt durch Hänslis Bilder eine neue ungewohnte Präsenz, bis in die fein dargestellte Textur und Materialität hinein. Der Künstler zeigt uns: Es gibt nichts Gewöhnliches – oder nur in dem Sinne, dass wir uns an etwas gewöhnt haben. Dieses Muster durchbricht Hänsli in Form einer malerischen Begegnung. Indem er etwas darstellt – nicht so sehr Gebrauchsgegenstände, sondern gebrauchte Gegenstände – fühlt er sich animiert, nachzudenken über die Welt und sich selbst darin. Die akribische Wiederholung von Motiven in seinen Serien begreift er als eine existenzielle Selbstvergewisserung. Das wäre dann vielleicht das Ende, sagt er, wenn sich nichts mehr wiederhole. Wiederholung sei eine verlässliche Form des Lebens:

"Eben das beginnt mit jedem Augenaufschlag am Morgen, dass man wieder hier ist. In der Welt. … Mit den Schritten." Christoph Hänsli

Die "Konferenz der Dinge" ist noch bis 13. Dezember 2020 in der Basler Villa Renata zu sehen.

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