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"Wunde R" und "Oracle": Münchner Kammerspiele legen wieder los | BR24

© Bayern 2

Was die Kammerspiele nicht alles vor hatten in diesem Sommer! Zum Abschied von Intendant Lilienthal sollte es das ganz große Feuerwerk geben. Nun immerhin konnte man noch zwei Uraufführungen zeigen - mit Abstand und vor maskiertem Kleinstpublikum.

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"Wunde R" und "Oracle": Münchner Kammerspiele legen wieder los

Was die Kammerspiele nicht alles vorhatten in diesem Sommer! Zum Abschied von Intendant Lilienthal sollte es das ganz große Feuerwerk geben. Nun immerhin konnte man noch zwei Uraufführungen zeigen – mit Abstand und vor maskiertem Kleinstpublikum.

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So also sieht es aus: das Theater in coronalen Zeiten. Ein Plexiglastisch, darauf ein Gebirge von sorgsam dekorierten Puddingskulpturen aus glitzernd gefrorenem Wasser, das langsam vergänglich fortschmilzt. Daran, sitzend: vier Frauenfiguren, denen Rosen aus Stiefeln hervorbrechen oder auch Haar auf der nackten Männerbrust wächst. Und darum: ein Bannkreis, der den Abstand hält zu den 20 mundschutzmaskierten Zuschauern, die sich im Raum bewegen.

Enis Macis "Wunde R" ist – wie so oft bei dieser ebenso jungen wie bereits renommierten Autorin - ein Sprachgetüm, das weitab von einer nacherzählbaren Handlung oder psychologisch konstruierten Figuren, einen assoziativen Gedankenstrom bei seinen Bewegungen durch ineinander geschachtelte Assoziationsräume nachzeichnet. Diesmal spannt sich der Text zwischen Selbstoptimierung und Transzendenz und beschäftigt sich vor allem mit dem weiblichen Körper und den Verletzungen, die sich über die Jahrhunderte in ihn eingeschrieben haben.

"Wunde R" - Sprachpartitur, die eine ganze Welt einfängt

Dabei kommen Ikonen wie die Barockmalerin Artemisia Gentileschi, die heilige Elisabeth von Thüringen, Mutter Theresa oder auch der Pornostar Sexy Cora zu Wort. Zugleich beschäftigt sich das Stück mit Phänomenen wie dem Körperkult oder auch damit verbunden: der Magersucht, die eine ganze Instagram-Generation einem Ideal hinterherhungern lässt.

In den Münchner Kammerspielen hat Regisseur Felix Rothenhäusler zusammen mit seinem vierköpfigen Ensemble Enis Macis Theatertext "Wunde R", als das gelesen, was er ist, als Sprachpartitur, die eine ganze Welt einfängt und nun unter pandemischen Auflagen als eine ebenso dezente wie durchaus faszinierende Tafelrunde mit akustisch verfremdetem Sound in Szene gesetzt wurde.

© Markus Selg / Münchner Kammerspiele

Wer zur Prophezeiung will, kommt hier vorbei: "Oracle" an den Münchner Kammerspielen.

Und auch die zweite Uraufführung wahrt den Abstand und versucht zugleich doch ganz nah zu kommen: die begehbare Installation "Oracle". Schon mehrfach haben sich Susanne Kennedys und Markus Selg bemüht, das Theater als rituellen Raum zu reaktivieren und dabei zugleich posthumane Welten zu erkunden, in denen dem Menschen durch freundliche Avatare in vielleicht sogar bessere Spähren geholfen werden soll.

Und wie schon bei den Arbeiten an der Berliner Volksbühne etwa hat der Künstler Markus Selg nun auch an den Münchner Kammerspielen die begehbaren Räume in psychedelische Welten verwandelt, deren Atmosphäre zwischen Drogenphantasien und Tiefenbewusstsein changiert. Darin bewegen sich die von Susanne Kennedy in Szene gesetzten bunt gewandeten Figuren, die den einzeln eingelassenen Zuschauer durch den Parcour leiten und diesmal nicht durch die für die Regisseurin sonst üblichen Masken verfremdet sind, sondern durch den Corona geschuldeten Spuckschutz.

So schnell erweitert sich kein Bewusstsein

"Erkenne Dich selbst" darum soll es gehen, denn darum ging es schon dem berühmten Orakel von Delphi, zu dem man allerdings einst nächtelang hinabstieg und nicht wie in dieser Theaterfassung in einer halben Stunde hingeschleust wurde. Denn tatsächlich ist trotz der durchaus überwältigenden Bilderflut und dem sehr präsenten Soundtrack innerhalb dieser kurzen Zeit nicht wirklich ein Bewusstseinszustand zu erreichen, der dann die Begegnung mit dem Fragen beantwortenden Orakel, in Gestalt einer künstlichen Intelligenz, tatsächlich zu einem Ereignis machen könnte.

Und so stellt sich bei "Oracle", wie schon bei den vorangegangenen Arbeiten von Kennedy und Selg, erneut die Frage, ob sich jene Zustände von Ritual, Bewusstseinserweiterung und Transzendenz auf dem Theater überhaupt herstellen lassen.

© Judith Buss / Münchner Kammerspiele / (Ausschnitt: BR24)

"Psychedelische Welten, deren Atmosphäre zwischen Drogenphantasien und Tiefenbewusstsein changiert"

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