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Kennen Sie Orkanspender, Saustralien oder Kopfweltjäger? | BR24

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Wiegt etwa vier Kilo: Das Wörterbuch "Thesaurus Rex"

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Kennen Sie Orkanspender, Saustralien oder Kopfweltjäger?

Der Schweizer Künstler René Gisler hat ein Lexikon der Wortspiele erstellt. Im Interview erzählt er, wie man damit die Deutungshoheit über die Sprache zurückerlangt und warum er seit Jahren alle seine Tippfehler notiert.

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Dieses Buch ist soeben im Verlag "Der gesunde Menschenversand" erschienen. Richtig gelesen: nicht "Der gesunde Menschenverstand", nein: "Der gesunde Menschenversand". Schon dieser Verlagsname weist gewissermaßen die Richtung, in die es geht in dem voluminösen, 1064-seitigen Wörterbuch "Thesaurus Rex". Diesen königlichen Thesaurus hat der Schweizer Künstler und Autor René Gisler zusammengestellt. Ein Gespräch mit dem 52-jährigen Luzerner Wortspieler über sein absonderliches Wörterbuch.

Knut Cordsen: "Thesaurus Rex", das ist offenkundig ein Spiel mit dem Terminus "Tyrannosaurus Rex", und lauter Wortspiele sind es auch, die Sie in diesem im Wortsinne gewichtigen Werk versammeln. Es ist wirklich ein Trumm, man ist fast geneigt zu sagen: Es ein Dinosaurier von einem Buch. Wie viel wiegt es eigentlich?

René Gisler: Gut dreieinhalb Kilo ohne Verpackung. Man muss es gut einpacken, wenn man es versenden will. Also wir sprechen von vier Kilo.

Eigentlich ist dieses Wörterbuch eine einzige große Wort-Spielothek. Wie kam es dazu?

Dazu geführt hat eigentlich mein erstes Buch. Da gab es viele Wortmeldungen via E-Mail, und ich habe dann einen Blog gemacht, eine Website. Autoren und Autorinnen, die sich da einen Login gemacht haben, beteiligten sich, und so wurde es immer mehr und mehr. Jetzt bei 16.000 Einträgen haben wir einen Schnitt gemacht, um das alles, wie schon länger geplant, doch noch zwischen zwei Buchdeckeln abschließen zu können.

Dieses Vorgänger-Projekt, von dem Sie sprechen, hat auch schon einen schönen Namen: nämlich "Der Enzyklop" bzw. "Der Enzyglobe – Phrasadeurs Verbarium".

Ja, ich mag Wortspiele und ich mag es vor allem, wenn ich mir unter den neuen Worten etwas vorstellen kann, wenn sie Bilder erzeugen und die Fantasie anregen.

Sie sagen: "Thesaurus Rex will nichts weniger als die Deutungshoheit an der Sprache infrage stellen, wenn nicht sogar dazu verführen, sie zurückzuerobern. Ganz so wie es Kinder tun ..." Bitte erklären Sie uns, was genau Ihr Projekt ist.

Man erfindet und prägt Worte, die es noch nicht gibt. Und im Gegensatz zu den bestehenden Worten sind sie natürlich noch nicht mit Bedeutungen belegt. Wobei man sagen kann, dass man auch die bestehenden Worte umdeuten kann. Aber wenn man ein neues Wort vor sich hat wie zum Beispiel den "Orkanspender", dann ist es auch offensichtlich, dass man die Deutung selber vornimmt. Es gibt natürlich unterschiedliche Leseweisen, und das ist natürlich auch eine Aussage, dass man selber dem ja noch die Bedeutung geben kann.

Wie wäre denn Ihre Lesart von "Orkanspender"?

Ein Orkanspender, so die Lesart des Autors, ist eine Person, die aus den Normalitäten des Alltags ein wirbelsturmartiges Riesenproblem macht. Beziehungsweise: Der Orkanspender ist eine Person, die zu einer vorhandenen Lösung das Problem findet.

© Privat

Der Schweizer Künstler und Autor René Gisler

Es geht auch viel um Tippfehler, die uns täglich unterlaufen und die auch Wortneuschöpfungen hervorbringen: "akutuell" etwa. Mir zum Beispiel passiert es ständig, wenn ich "Israel" schreibe, dass ich einen Buchstabendreher hineinbekomme und daraus "Isreal" wird. Liest sich dann wie Englisch "is real". Das heißt, der Zufall spielt mit!

Der Zufall spielt mit im besten Fall. Den meisten geht es ja so, dass man die Tippfehler als Fehlleistung abtut, aber ich schreibe mir die alle natürlich seit Jahren auf, und so gibt es etwa den "Tippfleher". Das wäre dann ein Mensch an der "Tastortur", der schon lange jemanden anschreibt mit der Bitte um eine Antwort. Aber Emil antwortet nicht.

Ein anderer Schweizer, Beat Gloor, macht etwas Ähnliches wie Sie. Er entdeckt die Schönheit der Sprache auf dem Wege falscher Trennungen: "Staatsexamen" trennt er "Staat-Sex-Amen". Also Ihr Schweizer habt es schon mit Wortspielen, oder?

Offenbar. Es muss daran liegen, dass wir nicht so sprechen wie wir schreiben. Bei mir ist das auch und gewissermaßen der letzte Ausweg. Ich habe mir immer gesagt: Wenn ich nicht mehr schreiben kann oder nicht mehr sprechen kann, muss ich aufhören damit. Aber die Ideen kommen mir als visueller Mensch nach wie vor, vor allem beim Zeitunglesen, und da gibt es dann diese kleinen Abweichungen.

Sie treiben Schabernack, kann man sagen. Bei Schabernack denke ich immer gleich an ein Wortspiel hier in München. Da gibt es den "Schabernackt"-Ball, einen offenkundig etwas freizügigeren Faschingsball, dessen Name "Schabernackt" Ihnen gefallen dürfte, denn so ähnlich funktionieren ja viele Ihrer Wortspiele, oder?

Ja, das Wortspiel gefällt mir. Ich weiß zwar nicht genau, wie es dann in München zu und her geht auf so einem Ball, aber "Schabernackt" ist ebenso gelungen wie "Narkoseworte", also die Worte, die einerseits betäuben und anderseits in den Schlaf wiegen.

Einige weitere Beispiele aus Ihrem "Thesaurus Rex": Saustralien, Kargwohn, paradebrechen, fjordentlich – man fügt einen oder mehrere Buchstaben hinzu, verlängert das Wort vorne oder hinten oder in der Mitte. Vieles ist neu, wie zum Beispiel die "Hinszenierung", manches ist einem auch schon mal untergekommen: so das Adjektiv "hinternational". Mir kam beim Blättern in Ihrem Thesaurus ein Wort des Dichters Uwe Dick in den Sinn, der mir mal gesagt hat, er wolle mit seiner Literatur niemanden bekehren, schließlich sei er nicht "missionarrisch". Missionarrisch - ein Kofferwort ganz nach Ihrem Geschmack.

Auf jeden Fall! Ich habe es immer so gehalten: Wenn ich auf so ein Wort stoße, googele ich es. Da kommt man natürlich, da es ja einzigartige Begriffe oder Phrasen sind, ziemlich schnell auf ähnlich gelagerte Projekte. Den Autor, den Sie jetzt nennen, kannte ich noch nicht.

Kürzlich saß ich im Zug, im ICE-Sprinter von München nach Berlin, wählte mich in das WLAN ein mit meinem Smartphone und kam darauf, dass ein guter Name für die Internet-Verbindung im ICE-Sprinter eigentlich "Sprinternet" wäre. Wenn das Internet dort denn mal wirklich verlässlich funktionieren würde, was es oft genug leider nicht tut! "Sprinternet" wäre auch so etwas, was Sie aufnehmen könnten in Ihren Thesaurus.

Das werden wir gerne für den Folgeband machen.

Facebook wird zu "Face-Spuk". Hand aufs Herz: Sind Sie wortspielsüchtig?

Spielsüchtig bin ich in dem Sinn, dass ich das Spiel als begnadetes Medium sehe, um Leuten etwas näherzubringen - auch Leuten, die vielleicht eine gewisse Abneigung oder Blockaden haben. Mit Humor und Spiel kommt man näher an Menschen heran, denke ich.

Sie veranstalten auch immer wieder Workshops mit Kindern. Kinder sind ja Wortspielen gegenüber besonders aufgeschlossen.

Genau. Ich habe eine kleine Tochter, die jetzt fast sieben Jahre alt ist, und das Verrückte ist, hier mal zuzuschauen und zu beobachten, wie sich die Kinder die Sprache aneignen. Wie sie eben diese Freiheit haben, neue Sachen zu benützen oder umzudeuten, und um genau diese Freiheit geht es auch beim Buch.

"Etwas Befremdenfreundlichkeit wird die Leserin und der Leser aufbringen müssen", schreiben Sie. Diese Wortspiele sind nicht selten "sprachial", umʼs mit einem Wort aus Ihrem Thesaurus Rex zu sagen, also etwas sehr übers Knie gebrochen. Mit anderen Worten: Dieser Thesaurus Rex ist auch eine Zumutung.

Ja, einige gehen an die Grenze. Ich habe von den 16.500 Begriffen auf dem Blog nur etwa 500 rausgenommen. Natürlich gehen dabei verschiedenen Autoren die Ideen oder die Assoziationen ganz verschieden ab. Ich habe beim Lektorat selber gemerkt, dass ich nicht alles nachvollziehen kann, was andere geschrieben haben, aber ich lösche jetzt nicht zu viel. Das soll der Leser machen. Ich habe dafür das Wort "Leserschwert" - ein überdimensioniertes Skalpell für leserchirurgische Eingriffe.

Haben Sie selbst ein Lieblingswort unter diesen 16.000 Wörtern?

Im Moment antworte ich oft: der "Kopfweltjäger". Das könnte dann quasi eine Berufsbezeichnung für mich sein oder auch eine Bezeichnung für den geneigten Leser.

"Thesaurus Rex" von René Gisler ist im Verlag "Der gesunde Menschenversand" erschienen. Es hat 1064 Seiten und kostet 89 Euro.

© BR/"Der gesunde Menschenversand"-Verlag

Cover des "Thesaurus Rex"

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