BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

Framing oder Hochwertwort? "Respektrente" Wort des Jahres 2019 | BR24

© picture alliance/-/dpa-Grafik/dpa

Grafik zum "Wort des Jahres" 2019

Per Mail sharen
Teilen

    Framing oder Hochwertwort? "Respektrente" Wort des Jahres 2019

    Mit "Respektrente" kürt die Gesellschaft für deutsche Sprache einen Ausdruck, der einem Gesetzesvorhaben ein positives Etikett aufklebt. Diese Praxis ist in der Politik häufig geworden – und wird von der Jury offensichtlich nicht kritisch gesehen.

    Per Mail sharen
    Teilen

    Ein Stabreim und der Inbegriff von Framing, das ist der von der Gesellschaft für deutsche Sprache gekürte Terminus "Respektrente". Man gibt einem Wort, indem man es rahmt, gleich die gewünschte Lesart mit auf den Weg. Es reicht nicht aus, jemandem "Rente" zu zahlen, man muss sie in Form eines semantischen Solidaritätszuschlags zur "Respektrente" aufwerten, um damit die "Anerkennung einer Lebensleistung" zu unterstreichen, so Bundesarbeitsminister Hubertus Heil.

    Kür eines "Hochwertwortes"

    Zusammen mit der "Respektrente" hatte Heil in diesem Jahr auch noch die "Gerechtigkeitsrente" in Umlauf gebracht. Obwohl die alliterierende "Respektrente" eine Art Achtungserfolg in der öffentlichen Wahrnehmung verzeichnen konnte, hat sie sich nicht im allgemeinen Sprachgebrauch eingebürgert. Im Bundeskabinett und auch außerhalb der Großen Koalition spricht man mittlerweile eher von der "Grundrente".

    Dennoch steht "Respektrente" für einen Trend. Ähnlich wird verfahren beim "Gute-Kita-Gesetz" beziehungsweise "Starke-Familien-Gesetz". So kommt das aus den Sozialen Medien vertraute "Virtue Signalling", das demonstrative Ausstellen eigener Tugendhaftigkeit, in der Legislation an. Übrigens nicht nur dort: 2012 bereits hatte Jörg Schönenborn vom WDR eine Debatte ausgelöst, als er den pejorativen Begriffsschöpfungen "Staatsfunk" und "Zwangsgebühr" von Gegnern des Rundfunkbeitrags – die ihrerseits ebenso Beispiele für Framing sind – seinen Begriff "Demokratie-Abgabe" entgegenstellte.

    Wäre es der Gesellschaft für deutsche Sprache also darum gegangen, auf den in die Sprache vordringenden politischen Meinungskampf hinzuweisen mit ihrer Wahl des Wortes "Respektrente", wäre dies zu begrüßen gewesen. Allerdings klingt ihre Begründung nicht so. Affirmativ bestätigt sie die von Hubertus Heil angestrebte Interpretation des Wortes, wenn sie schreibt, hierbei handele es sich um "die Neubildung eines Hochwertwortes in der politischen Debatte, die der Selbstaufwertung durch Fremdaufwertung" diene. "Hochwertwort" klingt schön, aber jeder Bezieher von "Hartz IV" weiß, dass er sich auch vom "Bürgergeld", welches Andrea Nahles anstelle von "Hartz IV" einführte, nicht mehr wird kaufen können.

    Den sprachlichen Nerv eines Jahres treffen

    Das Wort des Jahres wird seit 1971 von der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden gekürt. Aus einer Sammlung von Medien-Belegen und Einsendungen von Sprachinteressierten wählt eine Jury zehn Wörter aus, die die öffentliche Diskussion des vorangegangenen Jahres wesentlich geprägt haben. Vorschläge darf jeder und jede einschicken. In den vergangenen Jahren wurden die Worte "Heißzeit", "Pflegeroboter", "#MeToo" und "hyggelig" ausgesucht.

    Für der Auswahl sei nicht die Häufigkeit eines Ausdrucks entscheidend, sondern seine Bedeutung, so die Gesellschaft für deutsche Sprache: "Die Liste trifft den sprachlichen Nerv des sich dem Ende neigenden Jahres und stellt auf ihre Weise einen Beitrag zur Zeitgeschichte dar." Die Sprachexperten halten außerdem fest: "Die ausgewählten Wörter und Wendungen sind jedoch mit keinerlei Wertung oder Empfehlung verbunden." Das unterscheidet diese Wahl von der Kür des "Unworts des Jahres".

    Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!