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Love, Peace, Gewalt: Woodstock und die Manson-Morde | BR24

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Woodstock

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Love, Peace, Gewalt: Woodstock und die Manson-Morde

Sommer 1969: Woodstock feiert die Gegenkultur – und die Manson-Family ermordet brutal Schauspielerin Sharon Tate, Ehefrau von Roman Polanski. Beides hat mit Grenzüberschreitung und amerikanischem Exzess zu tun, so der Musikjournalist Klaus Walter.

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Es begann als Konzert und endete als Mythos: Auf der Wiese eines Milchbauern am Rande des Ortes Bethel im Staat New York ereignete sich an drei Tagen des Augusts 1969 eine Veranstaltung, die die Welt veränderte. Für 400.000 junge Menschen wurde Woodstock zum Mekka einer amerikanischen Gegenkultur: Ein Manifest gegen den Vietnamkrieg, Rassismus und Ungleichheit. Lässiges Hippietum. Grasrauchen auf der regenverschlammten Wiese. Aber: In der gleichen Woche wie Woodstock geschahen auch die bestialischen Morde der Manson-Family, deren prominentestes Opfer die Schauspielerin und Ehefrau von Filmregisseur Roman Polanski, Sharon Tate und ihr ungeborenes Kind, waren. 50 Jahre später stehen beide Ereignisse im Mittelpunkt der Erinnerung. Barbara Knopf hat mit dem Musikjournalisten Klaus Walter gesprochen.

Barbara Knopf: Bleiben wir zunächst auf der hellen Seite des amerikanischen Traums: Da steht Woodstock. War Woodstock der Geburtsmythos einer Generation – plötzlich, spontan entstanden während eines Konzertes?

Klaus Walter: Ich bin immer sehr skeptisch, wenn von Generation die Rede ist. Sie haben es ja gesagt, es waren 400.000, andere sagen es war eine halbe Million, und auf jeden langhaarigen Hippie gab es natürlich auch einen jungen Redneck – junge Konservative, die den Weg nach Woodstock nie gefunden haben und nie gefunden hätten. Bei so Begriffen wie "Woodstock Nation", die später auch sozusagen als Marketing-Plattform benutzt wurden, muss man skeptisch sein, auch bei der "Generation Woodstock". Und Woodstock war nicht das erste Festival mit großen Rockstars. Die Geburtsstunde war vielleicht zwei Jahre vorher das Monterey Festival, das aber natürlich nicht so eine riesige Strahlkraft und so eine mythische Komponente hatte wie später Woodstock.

Was war denn dann diese mythische Komponente, woraus schöpfte sich die innere Kraft dieses Festivals?

Ich glaube, entscheidend ist die mediale Verwertung. Es gab das Dreifach-Album, damals etwas ganz Besonderes, mit den Mitschnitten der Konzerte, auch in ziemlich guter Qualität, muss man sagen. Das Dreifach-Album stand in jeder Wohngemeinschaft, es gehörte sozusagen zum Inventar der Hippiekultur. Fast noch wichtiger in der medialen Verwertung ist der Film, damals mit der revolutionären Technik des Splitscreens, da wurde die Leinwand zwei-, manchmal dreigeteilt: Auf dem einen Abschnitt konnte man das Konzert sehen, das gerade lief, auf dem anderen Abschnitt die Freaks, die durch den Schlamm surften, nachdem es geregnet hatte, oder die nackt in irgendeinem kleinen See badeten. Diese Verknüpfung zwischen den Leuten auf der Bühne und den Leuten im Publikum zeigte, sie haben ihre Konsumentenrolle verlassen und selber mit agiert – und das war in Woodstock ziemlich neu in dieser Dimension.

Der Zeitkontext war folgender: Es herrschte der Vietnamkrieg, es waren die Morde geschehen an dem schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King und dem Präsidentschaftskandidaten Robert Kennedy. Das war eine Generation, die das nicht hinnehmen wollte. Auch wenn Sie gesagt haben, es gab keine "Generation Woodstock" – hatte Woodstock aber nicht doch eine Wirkung, die weit über diese schlammige Wiese hinaus wies auf unser Verständnis einer liberalen Gesellschaft?

Ja, unbedingt! Jeder und jede kannte bestimmt irgendwen, der aus dem Vietnamkrieg nicht mehr zurückgekommen ist. Das Festival war sozusagen ein Utopia, wo man diesem Krieg gewissermaßen entgehen konnte. Und als Jimi Hendrix die amerikanische Nationalhymne gespielt hat, wurde das natürlich von allen interpretiert und gehört als Kritik an den USA und als Kritik an dieser Kriegsmaschine. Das war ganz klar der politische Charakter.

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Charles Manson wird 1969 in den Gerichtssaal zum Sharon-Tate-Prozess geleitet

Auf diese Utopie von Love and Peace fiel in der Woche vor Woodstock ein Schatten: durch die schrecklichen Morde der Manson-Family, also der Sekte um Charles Manson. Was hat denn beides popgeschichtlich miteinander zu tun, denn es wird ja jetzt im Rückblick miteinander verklammert?

Joan Didion, die berühmte amerikanische Autorin, hat gesagt: Wir hatten alle das Gefühl, an diesem 9. August 1969 enden mit einem Schlag die 60er-Jahre. Das ist sehr plakativ ausgedrückt und es ist natürlich auch ausgedrückt aus dem Wissen, das man erst danach hatte: Zum Zeitpunkt, als Woodstock stattfand, wusste praktisch niemand, wer diese Morde begangen hatte. Es war bekannt, dass Songtitel von den Beatles mit Blut an die Wand geschrieben wurden und man konnte irgendeine Verbindung zu Pop und zu dieser Hippie-Bewegung erahnen. Charles Manson war nicht nur Sektenführer und durchgeknallter Hippie, sondern auch ein gescheiterter Musiker. Er war sehr gut befreundet mit Dennis Wilson von den Beach Boys und er hat tatsächlich auch auf einem Album der Beach Boys einen Song untergebracht. Der hieß am Anfang "Cease to Exist", also "Hör auf zu existieren", was auch schon so etwas Symbolisches hat. Die Beach Boys haben dann daraus einen anderen Titel gemacht. Das war sozusagen die "Dark Side of Hippie Lifestyle", die man da plötzlich zu Gesicht bekommen hat. Und Ironie der Geschichte, dass das fast gleichzeitig passiert: Dieses Manifest von Liebe und Frieden in Woodstock und andererseits sozusagen das Ende von Liebe und Frieden durch diese seltsame Sekte, die ja doch aus der Hippieszene herauskam: Dieser libertäre Lifestyle, gemischt mit absolut autoritären Strukturen wie bei einem Geheimbund oder einer Sekte, und dann die kriminelle Energie, die Faszination für Waffen wie bei einer Gang – ein irrer Mix.

Aber ist es nicht auch konstitutiver Kern der amerikanischen Kultur bis heute – sagen wir mal: eine liberale Hippie-Utopie, die vielleicht bis zum Silicon Valley irgendwie weitergeführt werden kann auf der einen Seite, und die extremen Gewaltfantasien, wie man sie jetzt fast wöchentlich durch Attentate erlebt?

Ja, auf jeden Fall. Manson und die Family und die Ereignisse dieser Tage sind sozusagen eine Essenz aller –nennen wir es pauschal und in aller Vorsicht – amerikanischen Exzesse. Es ist auch ein Lehrstück über die Grenzen dessen, was man Transgression nennt, also Grenzüberschreitung, Tabubruch. Das wurde ja in den Jahren nach '68 durchweg positiv gesehen. Aber man kann eben feststellen, dass nicht jeder Tabubruch per se fortschrittlich ist und nicht jede Grenzüberschreitung ins Paradies führt. Gerade bei Manson haben sich die wahnsinnigsten, sehr widersprüchlichen Ideen gemischt. Er hat sich seinen eigenen Cocktail gemacht aus Satanismus und Herrenmenschen-Ideologien, ein bisschen Hopi Indianer und Scientology, mit Hakenkreuz und Drogen. Das war ja damals undenkbar, dass ein Freak wie Manson, dass so eine Figur gleichzeitig auch einen "Krieg der Rassen", wie er das genannt hat, anstrebt. Und das ähnelt natürlich diesen Herrenmenschen-Mördern, die jetzt fast wöchentlich in den USA Leute umbringen. Wenn man aber damals gesagt hätte, Manson ist rechts oder rechtsradikal oder ist ein Faschist, hätten das erst einmal alle bestritten. Der war – aus der Hippieperspektive gesprochen – einer von uns. Und diese Widersprüche werden erst im Nachhinein klar.

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