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Warum sich Woodstock nicht wiederbeleben lässt | BR24

© picture alliance/United Archives

Woodstock 1969

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Warum sich Woodstock nicht wiederbeleben lässt

50 Jahre Woodstock: Das Revival zum Jubiläum des legendären Festivals wurde abgesagt – aus organisatorischen Gründen. Es sollte den Geist von Woodstock wieder aufleben lassen. Doch dieser Geist ist heute ohnehin eher eine nostalgische Sehnsucht.

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400.000 Menschen auf der Wiese eines Milchbauern im Staat New York, Musik, Drogen, Love & Peace, Gewitter, Schlamm, Stau – und ein großer Aufbruch: Dafür steht Woodstock. Nicht einfach ein Musikfestival, sondern ein Mythos. Eine junge Generation fand sich im August 1969 zusammen, um ein anderes Lebensgefühl zu feiern. Das klingt weich und privat, war aber sehr viel mehr: Die Hippies wollten die Gesellschaft neu definieren, das Zusammenleben, die Geschlechterrollen, die Machtfrage im Kleinen und im Großen.

Improvisation, Trance und Widerstand

An Woodstock ist alles Legende: Hier spielten Joan Baez und Ravi Shankar, Santana, Janis Joplin, The Who und Jefferson Airplane. Der Massenansturm hebelte den Ticketverkauf aus, so dass am Ende alle freien Zutritt hatten, die Hausfrauen der Gegend schmierten Sandwiches für die "Kids" auf dem Gelände, als das Essen ausgegangen war. Woodstock war friedliche Improvisation, eher Trance als Ekstase. Und dann gab es diese ikonischen Momente des Politischen: Als alles schon fast vorbei war, kam Jimi Hendrix auf die Bühne – und spielte seine wilde, trotzige, anklagende Version der amerikanischen Nationalhymne auf der Gitarre, in die er Raketenbeschuss und Sirenengeräusche einbaute. Ein musikalischer Aufschrei gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam. Jetzt wurde nicht mehr getanzt, die verbliebenen Zuschauer lauschten gebannt.

Ein legendärer Augenblick, dessen Größe die Konflikte von heute seltsam klein erscheinen lässt. Was sie natürlich nicht sind. Die Wehmut, mit der wir auf Ereignisse wie Woodstock blicken, hat auch mit der leisen Sehnsucht nach vergangenem Heroismus zu tun – denn natürlich waren Musiker und Publikum von Woodstock auch das: Heroen des Gegenentwurfs. Für Heldentum scheint die unübersichtliche Gegenwart dagegen kaum geeignet. Die Grenze zwischen Mainstream und Gegenkultur ist weniger klar als 1969, auch wenn auf der politischen Bühne mit Donald Trump und dem bösen Glamour von Autokraten wie Erdoğan, Putin oder Viktor Orbán wieder klare Antagonisten agieren. "Alternativ" nennen sich heute restaurative Kräfte, die sich als Widerstand gegen den im damaligen Widerstand angestoßenen gesellschaftlichen Wandel begreifen.

© picture alliance/MediaPunch

Jimi Hendrix bei seinem Auftritt in Woodstock

Auch Gegenkultur ist käuflich

Und noch etwas rückt den Aufbruch von Woodstock in eine nostalgische Ferne: Dass sich die radikale Utopie eines "ursprünglichen", eines unverfälschten und "echteren" Lebens jenseits bürgerlicher Konventionen in indianischem Perlenschmuck am Leibe tragen ließe, diese Hoffnung hat sich verbraucht. In Woodstock wurden solche Perlen im Wald hinter der Wiese an rasch zusammengezimmerten Ständen verkauft, ebenso wie Rauchwaren, Pfeifen und Batikkleider. Ein Markt, der irgendwie nicht nach Warenumschlag aussah, sondern nach freier Zusammenkunft ganz ohne Geschäftsinteresse. Heute wissen wir: Der Kapitalismus verleibt sich alles ein. Noch der alternative Lebensentwurf lässt sich in Produkten anbieten, noch das Aussteigen gewinnbringend vermarkten. Auch dafür war Woodstock ein Anfang.

Dass das geplante Jubiläumsfestival "Woodstock 50" nun abgesagt werden musste, ist also vielleicht kein rein organisatorisches Problem: Einen Mythos kann man nicht einfach wiederbeleben. "Eine Reihe von unvorhergesehenen Rückschlägen" habe es unmöglich gemacht, "das Festival aufzuziehen, das wir uns vorgestellt hatten", teilten die Veranstalter mit, zu denen auch Michael Lang gehörte, vor 50 Jahren schon Mitorganisator des Woodstock-Originals. Ursprünglich sollten prominente Künstler wie Miley Cyrus, Jay Z, The Killers, Imagine Dragons und The Zombies auftreten, auch Teilnehmer von 1969 wie Santana waren angekündigt. Nach der Verlegung des Festivalorts zogen viele Musiker ihre Zusage aber zurück.

© picture alliance/Everett Collection

Festival-Besucher in Woodstock

Der Aufbruch ist Geschichte

Auf der Webseite des geplanten Revivals wird die Absage von "Woodstock 50" in 60er-Jahre-Schrift vermeldet. "Our Festival Is Cancelled", ist da in nüchternem Blau zu lesen. Es folgt jedoch in leicht psychedelischem Farbverlauf die beschwörende Zeile: "But the Woodstock Spirit Lives On!" Es könnte allerdings sein, dass genau das eine romantische Idee ist – und Romantik heute sehr viel weniger subversiv als jene sanfte Attacke auf feste Ordnungen im "Love & Peace" der Hippies. Was einmal ein Aufbruch war, ist nach 50 Jahren eben doch Geschichte. Und Mythen sind auch deshalb Mythen, weil sie entrückt sind.

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