Die Mitwirkenden stehen auf einer drehbaren Scheibe um das Orchester aufgestellt
Bildrechte: Matthias Jung/Oper Köln

Ganz großes Zeremoniell: Chor in den "Trojanern"

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Womöglich ist Aeneas Münchner: Berlioz' "Die Trojaner" in Köln

Womöglich ist Aeneas Münchner: Berlioz' "Die Trojaner" in Köln

An der Isar fremdelt das Publikum etwas mit französischen Klassikern, am Rhein liegen sie näher: Der Fünf-Stunden-Abend erwies sich hier wie da als monumentale und heikle Herausforderung, denn der Staat zählt im antiken Epos mehr als der Mensch.

Vielleicht kommt der antike Held Aeneas ja gar nicht aus Troja, wie die Legende und Vergil behaupten, sondern aus München: Jedenfalls hat er nichts als Italien im Kopf, und das würde zur bayerischen Landeshauptstadt ganz gut passen. Dort sehnen sich ja auch viele nach dem Süden, deutlich weniger dagegen nach dem Westen, genauer gesagt nach Frankreich. Zwar hat Bayern mal mit Napoleon paktiert, aber das ist lange her: Die Mentalität ist doch sehr verschieden, weshalb es französische Opern in München auch immer schwer haben.

Ausufernde Predigten mit klassizistischer Würde

Als die fünfstündigen "Trojaner" von Hector Berlioz im vergangenen Mai an der Bayerischen Staatsoper herauskamen, hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Das lag sicherlich auch an der umstrittenen Regie des Franzosen Christophe Honoré, aber wohl mehr am sehr sperrigen Stück: In Frankreich lieben sie Haupt- und Staatsaktionen mit ganz großem Zeremoniell, gern auch ausufernde Predigten mit klassizistischer Würde, kurz und gut Bekenntnistheater, und davon gibt es bei Berlioz überreichlich, wie derzeit am Landestheater Coburg mit "Fausts Verdammnis" (1846) deutlich wird und wie jetzt auch an der Oper Köln in den "Trojanern" (1858) zu erleben war, ebenfalls in runden fünf Stunden.

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Alarm in Troja: Die Griechen kommen

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Annäherungsversuch: Aeneas und Dido

Der Unterschied zu München: Der französische Dirigent François-Xavier Roth versteht sich darauf, aus diesem eher spröden Stoff die Flammen schlagen zu lassen, und anders als das Bayerische Staatsorchester fremdelte das Kölner Gürzenich-Orchester nicht mit dem bisweilen hohlen Pathos von Berlioz. Am Rhein ist man Frankreich halt deutlich näher, vor allem auch kulturell. Und so wurde in Köln deutlich, dass "Die Trojaner" keineswegs statisch und behäbig sein müssen in ihrer kalten Pracht.

Liebe ist nur ein Störfaktor

Ein Dirigent, der sich drauf einlässt, kann daraus durchaus eine überwältigende Klanglawine machen, unter der nicht nur Troja, sondern auch noch Karthago verschüttet werden, um Platz zu machen für Rom, die ewige Stadt. Fulminant, wie energiegeladen und emotional François-Xavier Roth an die monumentale, eigentlich wie in Marmor gemeißelte Partitur heranging, keinen Fanfareneffekt scheut, jedem Choraufzug das nötige Gepränge gibt, in gleißenden Farben und instrumentaler Üppigkeit schwelgt: Sechs Harfen sprechen für sich.

Klar, um die privaten Angelegenheiten geht´s hier selten, und wenn, dann werden sie nebenbei abgehandelt: Liebe ist eigentlich nur ein Störfaktor bei der Staatsgründung. Die Botschaft der Vorfahren ist allemal wichtiger als die Botschaft des Herzens. Es hat schon seinen Grund, dass ein zur barocken Lebensfreude und überschaubarer Gemütlichkeit neigendes Publikum wie in München damit nicht so recht "warm" wird.

Regisseur Johannes Erath und seine Ausstatterin Heike Scheele hatten am Aufwand im Staatenhaus am rechten Rheinufer nicht gespart: Eine Drehscheibe befördert Sänger und Requisiten auf und ab, mittendrin sitzt das Orchester. Und weil es um ein antikes Epos geht, haben die von Statisten gespielten Götter viel zu tun: Zunächst thronen sie noch hochherrschaftlich von Jupiter abwärts im Himmel und lenken die Ereignisse nach Belieben. Später werden sie ihres sakralen Zaubers beraubt, sinken zu Commedia dell'Arte-Jahrmarktsfiguren herab und enden als frustrierte Existenzen am Rande der Gesellschaft. Rom braucht sie offenbar nicht mehr. Die neue Welt kommt ohne mythische Gestalten aus.

Wuchtige Antiken-Sause

Diese "Trojaner" zeigen, was die Franzosen so fasziniert an antiken Stoffen: Der gesellschaftliche Diskurs, das Ringen um die Zukunft der Polis, um die Frage, wie und wo die Menschen leben sollen. Das Öffentliche überragt das Private, weshalb der Chor bei Berlioz auch unfassbar viel zu tun hat, wie in der antiken Orchestra, wo er bekanntlich ständig alle Geschehnisse zu kommentieren hatte. Chor und Zusatzchor in Köln machten das exzellent, wie übrigens auch die allermeisten Solisten, darunter Isabelle Druet als Kassandra, Veronica Simeoni als Dido und der italienische Tenor Enea Scala als Aeneas in seinem Rollendebüt. Dass er denselben Vornamen wie der Held trägt, brachte ihm also Glück. Allerdings ist seine Mittellage herrlich kraftvoll, während er nach oben hin doch manchmal sehr forcieren musste.

Insgesamt eine wuchtige Antiken-Sause, bei der manch einer mit dem Olymp, Troja, Karthago und Rom durcheinander geriet. Hauptsache Italien!

Wieder am 28. September, sowie 1. und 3. Oktober im Staatenhaus der Kölner Oper, weitere Termine.

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