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Diese mit Brandmalen überzogene indische Frau ist eine der Protagonistinnen aus dem Film "Woman". Der Dokumentarfilm gibt Einblicke in das Leben von Frauen aus 50 Ländern.

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"Woman": Toller Film oder Feminismus-Kitsch?

Ein Filmprojekt, 2.000 Frauen, 50 Länder. Der Dokumentarfilm "Woman" von Yann Arthus-Bertrand und Anastasia Mikova verspricht, ein intimes Porträt zu zeichnen von den Frauen dieser Welt – immerhin die Hälfte der Menschheit. Kann das gut gehen?

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Von
  • Marie Schoeß

"Ich bin eine starke Frau", erklärt eine Frau wunderbar unbescheiden in die Kamera, und weitere Bekenntnisse folgen: "Zielstrebig" nennt sich die eine, "entschlossen" und "super sympathisch" die andere. "Energisch" lautet die nächste Selbsteinschätzung, und dann: "Ich bin eine Frau, die Männerarbeit macht."

Frauen, das machen diese Filmszenen klar, haben ganz verschiedene Gesichter, Schicksale, Stärken und Schwächen: Die Erkenntnis wäre gar nicht weiter überraschend. Nur versucht der Film einerseits, diese Unterschiedlichkeiten zu zeigen, oder besser: zu feiern, bemüht sich andererseits aber erstaunlich wenig darum, sie ernsthaft zu durchdringen.

"Wir wurden ausgestellt und verschenkt"

Bevor sie in ein Sammeltaxi steige, zähle sie immer, wie viele Frauen darin säßen. Überwögen die Männer, bedeute das potenziell Gefahr. Das erzählt eine Frau, über deren Leben wir weiter nichts erfahren: Der Name bleibt – wie bei allen Frauen – ungenannt, aus welchem Land sie stammt, wo sie heute lebt, lässt sich nur vermuten. Sinnbildlich für die fehlende Verortung ist der immerzu dunkle Hintergrund, vor dem die Frauen gefilmt werden. Kopf um Kopf, Geschichte um Geschichte reiht sich da aneinander, viele davon sind ausgesprochen offenherzig erzählt, viele sind witzig oder berührend.

Aber gerade wenn sich der Schmerz einer Frau wirklich vermittelt, wenn er die Zuschauerin trifft, fühlt sich die Reihung, die diesen Film ausmacht, plötzlich falsch an. Wie nach dieser Filmszene: "Als ich das erste Mal verkauft wurde, hatte ich keine Ahnung, was das hieß. Sie drängten uns alle zusammen und trennten die Jungfrauen von den anderen. Männer, die ein Mädchen wollten, nahmen es an der Hand und gingen. Wir wussten nicht, für wie viel wir verkauft wurden. Wir wurden draußen ausgestellt. Sie verkauften uns für fünf Dollar oder eine Schachtel Zigaretten oder wir wurden verschenkt."

Ein Gesicht. Und noch eins. Und noch eins...

Im Film folgt auf diese Aussage, die einen doch innehalten lässt, ein neues Gesicht, noch eines und noch eines. Keine der Frauen sagt etwas – nur Musik. Aber wofür steht diese Reihung? Dafür, dass die gerade erzählte Geschichte auch die der folgenden Frauen ist oder immerhin: sein könnte? Dafür, dass die Frau, die einen gerade noch in ihrem persönlichen Schmerz so berührt hat, schon einen Augenblick später als exemplarischer Fall zu verstehen ist? Aber exemplarisch für wen? Wer sind die Frauen, die da zu sehen sind, wo leben sie, welche Politik sorgt für ihr Leid, was sind Möglichkeiten der Gegenwehr, die über die weibliche Stärke hinausgehen, die in diesem Film so oft beschworen wird?

Klischee von den universellen Erfahrungen

Sicher wollten viele der Frauen namenlos bleiben, aber die Machart des Films, die Entscheidung, Kontexte so oft in der Schwebe zu lassen, scheint die Vagheit doch auch bewusst zu suchen: Wen ich nicht verorte, wen ich namenlos lasse, der steht schließlich immer ein bisschen leichter für alle anderen, der ist zunächst also einfach – eine Frau.

Arbeit und Bildung, weibliche Lust und sexualisierte Gewalt, Mutterschaft und Familienleben – natürlich betreffen diese Themen auch potenziell jede Frau. Nur machen gerade die eindringlichsten Stimmen klar, dass es einen enormen Unterschied macht, wo eine Frau lebt, arbeitet, Kinder zur Welt bringt und alt wird. Sich diesen Unterschieden in der Erzählweise zu stellen, statt gerade über die Form die alte Geschichte universeller Erfahrungen zu reaktivieren, das hätte diesen Film wirklich spannend gemacht.

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