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"Feindbild werden": Mehr als ein Streit um rechte Kunst | BR24

© Audio: BR / Bild: picture alliance / AP Photo

Der Kunstkritiker Wolfgang Ullrich hat ein Buch über seinen Streit mit dem Maler Neo Rauch geschrieben. Ist Rauch ein Künstler, in dessen Werk sich "Motive rechten Denkens" finden?

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"Feindbild werden": Mehr als ein Streit um rechte Kunst

Ein Kritiker hält einem berühmten Maler rechtes Denken vor, der antwortet mit einem bösen Bild: So geschehen zwischen Wolfgang Ullrich und Neo Rauch. Nun hat Ullrich ein Buch zum Fall geschrieben – und zu den gesellschaftlichen Gräben, die er zeigt.

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Der Vorwurf saß: In einem Zeitungsartikel im vergangenem Jahr hatte der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich in verschiedenen Äußerungen des Künstlers Neo Rauch "Motive rechten Denkens" angeprangert. Der Maler, so Ullrich weiter, nutze seine Prominenz, um eine Verschiebung des politischen Klimas voranzutreiben. Neo Rauch antwortete mit einem eigens gemalten und ebenfalls in der ZEIT veröffentlichten Bild: "Der Anbräuner" zeigt einen Mann, der mit seinem eigenen Kot malt, und meint damit den Denunzianten, der andere rechten Denkens überführen will.

Den Streit fruchtbar machen

Und nun also dieses Buch: "Feindbild werden". Ullrichs Antwort auf Neo Rauchs Bild. Aber was ist das für ein Buch? Eine Klarstellung? Eine argumentative Auseinandersetzung im Sinne bester Debattenkultur? Oder einfach ein Nachtarocken eines Getroffenen? "Natürlich wünsche ich mir, dass es ein Beitrag zu einer Debattenkultur ist", sagt Wolfgang Ullrich. "Ich würde mir wenig davon versprechen, jetzt hier mit einem Buch, das auf ein Bild reagiert, das wiederum auf einen Artikel reagiert hat, einfach nur eine nächste Reaktion zu liefern und einen Schlagabtausch weiterzuführen, der dann allein zwischen Neo Rauch und mir stattfinden würde." Es gehe schon darum, bei diesem Fall mit seiner exemplarischen Bedeutung etwas herauszuarbeiten und in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Den Streit also für andere fruchtbar und interessant zu machen.

Gräben zwischen Ost und West

Im Grunde ist der Disput zwischen Wolfgang Ullrich und Neo Rauch eine Stellvertreterdebatte. Denn es geht – Ullrich versucht es in seinem Buch klarzustellen – um ideologische Denkschemata von rechts und links, deren Demarkationslinie sich geografisch am Verlauf der ehemaligen innerdeutschen Grenze festmachen lässt. Danach dächten und fühlten viele Bürger im Osten zunehmend rechts. Während die Menschen im Westen auf linksliberalen Prinzipien beharrten, die im Osten wiederum vielfach als Ausdruck einer Meinungsdiktatur, nicht zuletzt verkörpert durch die Medien, empfunden werden.

Aber Ullrich führt nicht nur Neo Rauch als Beispiel rechtstendenziöser Gesinnung an, sondern erwähnt auch den Schriftsteller Uwe Tellkamp, der durch ähnliche Äußerungen aufgefallen ist. Es sind – so führt Ullrich aus – also nicht nur rechte Populisten, sondern vor allem auch bekannte Künstler, die dem Westen eine "Talibanisierung" der Lebenswirklichkeit vorwerfen, wie Neo Rauch es ausdrückt. Und sich dabei (wie im Fall des "Anbräuners") auf die Freiheit der Kunst berufen, die per se unbequemes Denken transportiere. Das wiederum wirkt wie eine Umkehrung ideologischer Vorzeichen: Hatte doch bisher vor allem die Linke die Freiheit der Kunst als Schutzschild vor politischer Willkür vor sich hergetragen.

© Privat

Wolfgang Ullrich

Die Wut und die politische Korrektheit

Ist Neo Rauch also am Ende nichts anderes als ein versteckter Wutbürger? Wenn man sich das Bild anschaue, dann lasse es sich durchaus als Ausdruck einer wütenden Stimmung interpretieren, so Wolfgang Ullrich: "Das geht sicher schon beim Malgestus los, der für Rauchs Verhältnisse relativ wild ist. Das ist vor allem an der Ikonografie zu bemerken, eine fäkale, sehr obszöne Ikonografie. Man kann vielleicht so weit gehen, dass das Wort 'Wut' in das Bild noch eingeschrieben ist: Es enthält meine Initialen, das W und das U, aber dann auch noch so einen umgedrehten, gestürzten Hammer, also quasi ein auf dem Kopf stehendes T neben dem W und dem U. Und wenn man weiß, wie Rauch auf diesem und auf anderen Bildern immer mal wieder mit Schriftelementen arbeitet, ist es keine zu strapazierende Interpretation, dass er wollte, dass man das Wort 'Wut' in dem Bild lesen kann."

Wolfgang Ullrich ist klug genug, das übrige Werk des Leipziger Malers nicht als bloße Agitationskunst entlarven zu wollen. Das geben die Bilder tatsächlich nicht her, auch wenn Neo Rauch allerlei deutsche Mythen und durchaus altdeutsche Märchenmotive verwendet. Aber stets verrätselt, verfremdet und nicht als verherrlichende Bildmotive einer ehemals heilen deutschen Wirklichkeit. Was Rauch jedoch in Interviews formuliert, rückt ihn auch in die Nähe rechter Parteien, bemüht er doch dieselben ideologischen Reflexe. Seine Anklage: Die Bundesrepublik gleiche mehr und mehr einer eingleisigen Gesinnungsdiktatur, in der die Vertreter der sogenannten "Political Correctness" nicht nur die Gesellschaft überwachten, sondern auch die Kunstrezeption beherrschten.

Verhärtete Fronten

Und tatsächlich – Ullrichs Buch legt dies nahe – mag man sich im Westen in der Vergangenheit allzu sehr auf die wirtschaftlichen Unterschiede und zu wenig auf die mentalen Unterschiede konzentriert haben. Wolfgang Ullrich: "Nicht zuletzt entstehen aus solchen Unterschieden heraus solche Streits wie der zwischen Neo Rauch und mir, der, glaube ich, nicht entstanden wäre, wenn ich ein ostdeutscher Kritiker wäre oder wenn er ein westdeutscher Künstler wäre." Da wünsche er sich, dass man mehr Erfahrungen, Erwartungen und auch Enttäuschungen austauschen würde, die in den vergangenen 30 Jahren entstanden sind. Das bedeute nicht, dass man sich danach einig sei und sich alles in Harmonie auflöse, "aber man hätte konstruktive Ansatzpunkte, wo man weiterkommen könnte" in wechselseitigem Verstehen und im Bemühen, aufeinander zuzugehen.

Ullrichs Buch zeichnet wohltuend sachlich die Debatte auf, die sein ZEIT-Artikel nach sich zog; erzählt von der Wutwelle, die in rechten Foren über ihn hereinbrach, von Beschimpfungen und Drohungen im Netz, von dem Versuch des AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland, ihn als Denunzianten zu verunglimpfen. Kein Zweifel – und das wird nicht erst nach der Lektüre des Buches klar: Die Fronten sind verhärtet. Muss der Westen endlich akzeptieren, dass die Ostdeutschen gänzlich anders sozialisiert wurden und deshalb andere Empfindlichkeiten in der Bewertung der bundesrepublikanischen Gegenwart ausgebildet haben? Und müssen im Gegenzug die Wutbürger nicht nur im Osten begreifen, dass Demokratie nur im respektvollen Dialog stattfinden kann? Ganz ohne Pöbeleien, Geschrei und Fäkalien. Mit diesem Buch zeigt Wolfgang Ullrich jedenfalls Gesprächsbereitschaft.

"Feindbild werden. Ein Bericht" von Wolfgang Ullrich ist im Wagenbach Verlag erschienen.

© Wagenbach Verlag

"Feindbild werden" von Wolfgang Ullrich

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