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Wohnungsloser Künstler Étienne Gillig schlägt sich durchs Leben | BR24

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Man könnte sagen, er ist ein gescheiterter Künstler. Er selbst würde vermutlich widersprechen: Der Münchner Künstler Étienne Gillig sieht nicht die Probleme, sondern glaubt fest daran, stets Lösungen zu finden.

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Wohnungsloser Künstler Étienne Gillig schlägt sich durchs Leben

Man könnte sagen, er ist ein gescheiterter Künstler. Er selbst würde trotz Wohnungslosigkeit und Schulden vermutlich widersprechen: Der Münchner Künstler Étienne Gillig sieht nicht die Probleme, sondern glaubt fest daran, stets Lösungen zu finden.

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Étienne Gillig ist 67 Jahre alt und hat gleich mehrere Probleme. Corona macht Auftritte des Kabarett spielenden Elsässers derzeit fast unmöglich. Und er muss in den nächsten vier Wochen aus dem Haus ausziehen, in dem er 15 Jahre lang lebte. Es wird abgerissen, die einstige Großwäscherei, deren ersten Stock Gillig bewohnte, soll Wohnungen Platz machen.

Fehlende Auftritte, Wohnungsnot, Schulden

Was ihn viel mehr belastet, ist die Sache mit dem Finanzamt. Vor gut 20 Jahren hatte er genug von schlecht bezahlten Zeitverträgen und wurde Künstler. Das bedeutete Freiheit. Aber die Selbständigkeit und die damit verbundene Bürokratie überforderten Gillig. Die Schulden wuchsen rasch. Er freilich betont lieber, wie gut er es trotz allem hat.

"Meine Verhältnisse sind doch schön. Ich habe Platz, wo ich kreativ sein kann. Ich glaube, dass ich gut klar komme – mit Ausnahme vom Finanzamt." Étienne Gillig

Hilfe in solchen Situationen bietet seit 30 Jahren das H-Team in Sendling. H steht für Hilfe. Torsten Sowa und seine rund 50 Kollegen unterstützen Menschen, deren Leben zu scheitern droht. Sie hören zu, suchen individuelle Lösungen und holen auf diese Weise viele Bürger aus Zwangslagen, Chaos und Not.

Unkonventionelle und individuelle Hilfe

Es geht darum, "gemeinsam wieder eine Struktur rein zu bringen, was ist jetzt das nächste, was ist jetzt das wichtigste, das wir jetzt gemeinsam tun müssen, um die Kuh vom Eis zu kriegen", sagt Torsten Sowa.

Ein Soforthilfefonds erleichtert schnelles Handeln, ohne auf Genehmigungen warten zu müssen – und verschafft dem H-Team wesentlich mehr Handlungs-Spielraum. Auch Gillig brauchte diese Nothilfe einmal. Später zahlte er sie zurück.

Wegen der Steuerschulden darf das Finanzamt die Gagen des Künstlers direkt beim Auftraggeber pfänden. Dadurch verliert er Aufträge oder bekommt sie erst gar nicht. Denn diese Situation schreckt manchen potentiellen Kunden ab.

Wo kann er schlafen?

Durch Zufall hat Gillig nun ein Atelier in Pasing gefunden, in das er mit seinem Hab und Gut einziehen kann. Dort darf er arbeiten, kreativ sein – aber nicht übernachten. Das steht sogar im Mietvertrag. Gillig wäre nicht Gillig, wenn er darin ein ernsthaftes Problem sähe. Er übernachtet eben einfach im Auto. Noch ist es draußen halbwegs warm.

Aber allzu lange wird es nicht mehr dauern, bis die Temperaturen nicht mehr mitspielen. Dann wird sich eine neue Lösung finden – davon ist er überzeugt.

"Für mich ist Ausziehen ein bisschen wie eine Theaterproduktion. Auch, wenn das eine total schöne Aufführung war – eines Tages ist es vorbei. Aber bei jeder Sache: Ein Haus wird gebaut – und irgendwann mal abgerissen. Man kommt zur Welt – man stirbt. Wenn man aufbaut, muss man immer an den Abbau denken." Étienne Gillig

Étienne Gillig – ein Franzose in München. Und ein Künstler in Nöten, die er selbst oft gar nicht so sieht. Und das hat auch seine Vorteile!

Mehr zum Thema sehen Sie am 23. September 2020 in STATIONEN um 19 Uhr im BR-Fernsehen oder in der BR-Mediathek.