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Bildrechte: picture alliance / Zoonar | JOACHIM G. PINKAWA

Vielleicht sind es solche Stimmungen, die Joachim Sartorius im Kopf hatte?

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    "Wohin mit den Augen" fragt der Lyriker Joachim Sartorius

    Joachim Sartorius versucht in seinen Gedichten, der Fragilität Halt zu geben, das Flüchtige einzufangen. Und er streift dafür nicht nur durch den traditionellen Fundus an lyrischen Orten und Bilder, sondern inspiziert auch die Schnurrhaare der Katze.

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    Von
    • Dirk Kruse

    Joachim Sartorius ist einer der deutschen Dichter, die man gut und gern "weitgereist" nennen darf: Er ist ein polyglotter Weltbürger, der an vielen Orten zuhause ist.

    Als Sohn eines Diplomaten wuchs er in Fürth, in Tunesien, im Kongo und in Kamerun auf. Er studierte in München, London und Paris. Und als er selber Diplomat wurde folgten Stationen wie New York, Ankara und Nikosia auf Zypern, ehe Sartorius in Berlin heimisch wurde.

    Sein Sehnsuchtsort aber ist und bleibt das Mittelmeer – schon immer ein Hallraum für seine Gedichte. So auch in seinem neuen Lyrikband. Weil Joachim Sartorius viel Zeit an seinem Zweitwohnsitz auf Sizilien verbringt, sind über ein Drittel der Gedichte dieser Insel gewidmet. Eines von ihnen trägt den Titel "Aufwachen in Ortigia":

    Die Nacht wäscht das Meer. / Am Morgen ist das Wasser neu. / Auf der Netzhaut wird Licht / mit Gischt bezahlt. / Ich bürste Salz vom Tisch. / Ich küsse die Augen der Echse. / Ich schneide das Brot. / Ungemein hell wird der Tag. / Später nimmt dir die See / die Münzen ab / und ritzt in eine jede / den Namen einer Nymphe / für das lange Glück, / am Leben zu sein.

    "Wohin mit den Augen" heißt dieser neue, schmale Lyrikband von Joachim Sartorius. Denn der Dichter ist in erster Linie ein Augenmensch, einer, der beobachtet und sensibel die Tiefenschichten der Wirklichkeit wahrnimmt.

    Sartorius selbst sagt dazu: "'Wohin mit den Augen', das hat ein bisschen zu tun mit der Helligkeit, der großen Sinnlichkeit. Viele Gedichte spielen ja im Süden Europas. Es geht also auch um das Geblendetsein."

    © picture-alliance/ dpa | Stephanie Pilick
    Bildrechte: picture-alliance/ dpa | Stephanie Pilick

    Der Lyriker Joachim Sartorius

    Aber es kommt noch etwas hinzu, verrät der Dichter. Denn heute passiere so viel Schreckliches, dass man es vielleicht gar nicht wahrnehmen wolle, seine Augen davor verstecken wolle. "Und der dritte Punkt ist vielleicht, dass im Laufe eines langen Lebens – und ich bin ja nun doch schon ziemlich alt – einem eher mehr als weniger Augen zuwachsen und man sehr verschiedene Methoden des Beobachtens, des Wahrnehmens entwickelt."

    Alles zusammen: Mythen, Vergangenes, Hier und Jetzt

    Der wache Blick von Joachim Sartorius registriert nicht nur den gegenwärtigen Moment, sondern als neugieriger und gebildeter Mensch auch die Geschichte und die Mythen der Orte, über die er schreibt. "Seit immer schon ist alles Vergangene hier und jetzt", heißt es programmatisch in einem der sizilianischen Gedichte.

    Reise in die Kindheit

    Die Durchdringung von Gegenwart und Vergangenheit findet sich auch in dem Zyklus "Überfallartig, das Vertraute" über Sartorius Kindheitsstadt Tunis. "Ich war lange Zeit nicht mehr dort gewesen, aber dann beschloss ich mit einer Fähre von Palermo nach Tunis zu fahren. Das war jetzt vor zwei Jahren."

    Es habe sich angefühlt wie ein "Wiederanknüpfen an die Kindheit an die Jugend". Auch, weil er vieles wiederentdeckt habe, was sich kaum verändert hatte. "Ich habe da noch sehr viel entdeckt, was eigentlich so war wie vor 60 Jahren.“

    So wie alle Lust Ewigkeit will, will es auch das Gedicht. Es will das Flüchtige und Fragile bewahren und ihm Dauer verleihen. Bildreich ausgedrückt hat Joachim Sartorius sein poetologisches Credo in seiner Münchener Rede zur Poesie.

    Poesie der Schnurrhaare

    "Das Gedicht will eine Stele sein über der Asche eines Lebensaugenblicks", sagte er da. Und genau das gelingt ihm in diesem Band immer wieder aufs Neue. Auch in dem entzückenden Zyklus über seine Katze Kedi, einer Van-Katze aus dem Osten der Türkei.

    Unter den langen Schnurrhaaren / lächelt sie im Schlaf. / Erinnert sich an drei Mäuse, / mit denen sie in der Frühe spielte, / und wie die Amsel mit ihren Flügeln schlug. / Kleine Katze, vor der Umarmung / wusste ich nichts von der Wärme des Lebens. / Dein weißes Fell ist eine Anrufung wert. / Wie Schnee. Wie Licht, das langsam atmet. / Wie eine langsame Wolke, die vorüber zieht. / Oder eine sanfte Gischt, die der Wind hochstellt.

    Sartorius schreibt Gedichte, die vom Leser eine gewisse Anstrengung verlangen, um sie zu entschlüsseln, da sie viele Assoziationsebenen antippen.

    Doch dafür er wird reich belohnt mit treffenden Metaphern und Bildern voller Sinnlichkeit. Wohin mit den Augen? Am besten auf die Seiten dieses erlesenen Gedichtbands.

    Der Gedichtband "Wohin mit den Augen" ist bei Hoffmann und Campe erschienen und kostet 20,00 Euro.

    © Cover: Hoffmann und Campe / Collage: BR
    Bildrechte: Cover: Hoffmann und Campe / Collage: BR

    Das Cover des Lyrikbandes von Joachim Sartorius

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