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Vor der heranrückenden Roten Armee musste das bayerische Adelsgeschlecht 1945 aus Ungarn flüchten - und hinterließ dort in einem eingemauerten Zimmer Pretiosen. Jetzt kamen diese unter den Hammer - zur Freude der vielen Fans der Wittelsbacher.

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"Wittelsbacher"-Auktion in München: Kampf um Weihwasserspender

Vor der heranrückenden Roten Armee musste das bayerische Adelsgeschlecht 1945 aus Ungarn flüchten - und hinterließ dort in einem eingemauerten Zimmer Pretiosen. Jetzt kamen diese unter den Hammer - zur Freude der vielen Fans der Wittelsbacher.

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Von
  • Peter Jungblut

Etwas nervös ist er schon, denn Thomas Ohrner kam ja mit einem ganz konkreten Herzenswunsch zur Auktion in die Münchner Barer Straße, und außerdem hält er viel vom Adelsgeschlecht der Wittelsbacher, die Bayern so viele hundert Jahre regiert haben. Und er weiß, wovon er spricht: Die Wittelsbacher, die sind seine Nachbarn: "Ich bin ein großer Wittelsbacher Fan! Ich bin selbst großer Waldbesitzer, und die Wittelsbacher grenzen mit ihrem Wald an meinen, und da habe ich viele Kontakte gehabt, hauptsächlich zu den Oberforstdirektoren. Ich selber habe einen großen Gutshof, und da ist eine Kapelle entstanden, und in der Hofkapelle hätte ich gern ein Stück aus diesem Wittelsbacher Besitz, und da ist mir der Wandweihwasserkessel ins Auge gestochen, der hätte gut Platz, und den versuche ich heute zu bekommen.

Schweigsame Auktionsbesucher

Mit 350 bis 400 Euro ist der Weihwasserspender im Barockstil im Katalog aufgelistet, Losnummer 33. Eine Mondsichel-Madonna ziert das vergoldete Silber. Doch als die Pretiose aufgerufen wird, ist der Preis durch bereits eingereichte Gebote schon deutlich gestiegen. Thomas Ohrner bleibt stoisch, wartet erst mal ab. Direkt neben ihm sitzt auch ein Herr, der interessiert ist. Allerdings sind die wenigsten in der Auktion gesprächig. Einer sagt, seine Familie dürfe nicht wissen, dass er hier ist, ein anderer munkelt, wie sehr er die Wittelsbacher verehrt und dass er auch persönliche Beziehungen zu ihnen habe. Wieder andere flüstern, sie seien ja "umzingelt" von Konkurrenten und blieben daher lieber still.

Katrin Stoll, die Chefin des Auktionshauses Neumeister, erzählt unterdessen die wahrhaft spannende Geschichte der Gegenstände, die gerade versteigert werden. Sie stammen aus dem ungarischen Schloss Sárvár, wo der letzte bayerische König Ludwig III. nach seiner Abdankung 1921 bei einem Jagdausflug starb und das die Wittelsbacher bis zum Heranrücken der Roten Armee bewohnten: "1945 mussten die Wittelsbacher flüchten und mauerten einen Teil der Kunstgegenstände in einem Zimmer ein. Das blieb bis 1952 verschollen, in dem Schloss lebten Militärs und auch Jugendliche. 1952 renovierte man das Schloss und fand dabei diesen verschlossenen Raum, und dabei die Kunstschätze der Wittelsbacher."

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Katrin Stoll vor einem Foto von Schloss "Sávár" in Westungarn

In der Eile des Aufbruchs konnte der Hochadel also nicht alles einpacken, vor allem Silber - Leuchter, Besteck, Teller, ein Spiegel, Untersetzer -, aber auch ein paar Gemälde stehen zum Verkauf. Wollte die Familie den Hausrat nicht mehr zurückhaben, nachdem Ungarn einem Vergleich zustimmte? Katrin Stoll: "Besitz belastet bekanntlich, und man hat ja seit 1945 nicht wirklich um den Verbleib der Stücke gewusst, bis sie 1952 wieder aufgetaucht sind. Man wusste ja nicht, ob man sie wirklich zurückbekommen würde. Es sind mehrere Eigentümer, und man hat sich dann dazu entschlossen, dass es die beste und fairste Art ist, das öffentlich zu verkaufen. Theoretisch kann ja jeder Eigentümer die Stücke zurück erwerben, die er haben möchte, zum Zeitwert. Und einige Stücke haben sich die Eigentümer auch vorab behalten."

"Eine ganz besondere Aura"

Die Chefin von Neumeister setzt ihre Hoffnung bei der Auktion "Kunst im Exil" auf ein wertvolles, deutsch-österreichisches Gemälde aus der Zeit um 1600, das ein Ritterturnier in Antwerpen im Jahr 1494 zeigt, wohl nach einer älteren Vorlage angefertigt. Der Schätzwert liegt bei 25.000 Euro. Und tatsächlich geht es mit den obligatorischen 27 Prozent Aufgeld schließlich für 127.000 Euro weg. Auch vier sehr gut erhaltene Adelsporträts von Joseph Stieler können ihren Schätzpreis locker verdoppeln und kosten die neuen Besitzer je 111.125 Euro. Silber dagegen ist teilweise nur zögerlich nachgefragt. Und auch für ein "Ecce homo"-Bild von Jacopo Amigoni wollte niemand 10.000 Euro hinlegen. Es wurde für 6.500 Euro zugeschlagen, wenn die Eigentümer mitmachen.

Thomas Ohrner steigt irgendwann bei 1.300 Euro ein in den Kampf um seinen Weihwasser-Wandkessel und ärgert damit ausgerechnet seinen Sitznachbarn. Der ist natürlich auf Abstand, dreht sich grimmig um, während der Preis steigt. Das ist übrigens nicht immer der Fall. Ein Paar vierflammige Silberleuchter im Rokoko-Stil bleiben fast liegen, gehen auch deutlich unter dem Schätzpreis und damit unter Vorbehalt weg. Eine Stielpfanne war auch nicht gerade umkämpft, Flaschenuntersetzer dagegen schon. Katrin Stoll: "Ich meine, wenn man die Stücke in die Hand nimmt, muss man sich vorstellen, das bestimmte mal die Hintergrundmusik in diesem Schloss, in guten und schlechten, in glücklichen Zeiten, aber auch in Zeiten des Terrors und der Angst und das hat schon eine ganz besondere Aura, finde ich."

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Silber und Gemälde: Blick in die Auktion

Die Geschichte der Gegenstände ist somit oft spannender als ihre künstlerische Bedeutung. Der Katalog enthält aufschlussreiche Anekdoten, etwa die von Prinz Franz, der sich mit einem gefälschten Diplomatenpass retten konnte und einen Teil seiner Pferdezucht ebenfalls per Bahn aus Ungarn herausschaffte.

Ein Saudi ist auch interessiert

"Wir haben eine Datenbank, wo wir sehen, wer sich für Objekte interessiert, also nicht nur bietet, sondern vormerkt, so wie einen Warenkorb. Und da gibt es tatsächlich auch einen Kunden aus Saudi-Arabien", sagt Katrin Stoll, die diesmal übrigens nicht selbst versteigert, sondern die Aufsicht führt. Und das ist auch nötig, denn der Computer macht anfangs nicht mit, hängt an alle Preise einfach zwei Stellen dran. Der Techniker zoomt das Bild daraufhin einfach so groß ran, dass die Preisangaben am Bildschirm-Rand einfach verschwinden. Man muss sich zu behelfen wissen!

Thomas Ohrner, der vor Aufregung seinen Mantel gar nicht abgelegt hat, ist unterdessen fast am Ziel. Bei 2.200 Euro fällt der Hammer. Die Kapelle des Gutshofes bekommt also demnächst einen dekorativen Weihwasserkessel an die Wand. Mit Aufgeld muss Thomas Ohrner knapp 2.800 Euro bezahlen. Große Geschichte, kleine Geschichte.

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