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Wirkt sich Religiosität negativ auf das Sozialverhalten aus? | BR24

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Neurowissenschaftler stellten die These auf, Kinder aus religiösen Familien seien weniger selbstlos. Die Studie wurde 2019 zurückgezogen. Macht Religion geizig?

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Wirkt sich Religiosität negativ auf das Sozialverhalten aus?

Neurowissenschaftler aus den USA stellten die These auf, Kinder aus religiösen Familien seien weniger selbstlos. Die Studie musste 2019 wegen Fehlern in der Datenlage zurückgezogen werden - doch es bleibt die Frage: Macht Religion geizig?

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Von
  • Agnieszka Schneider
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Kinder lernen Sozialverhalten beim Spielen.

Eine neurowissenschaftliche Studie amerikanischer Wissenschaftler, die 2015 im renommierten Fachjournal Current Biology veröffentlicht wurde, stellte die Behauptung auf, Religiosität wirke sich negativ auf den Altruismus von Kindern aus: "Religion macht Kinder unsozialer", lautete eines der Ergebnisse. Für die Untersuchung wurden Daten von mehr als 1.000 Kindern zwischen 5 und 12 Jahren in den USA, Kanada, Jordanien, Türkei, Südafrika und China erhoben - mit unterschiedlichem religiösen Hintergrund. 2019 wurde diese Studie jedoch offiziell zurückgezogen. Die zugrunde gelegten Daten hatten sich als falsch herausgestellt, es wurden gravierende Fehler bei ihrer Erhebung festgestellt. Eine Behauptung macht dennoch stutzig: "Kinder aus religiösen Familien sind geiziger". Kann an dieser Aussage etwas dran sein?

Kinder lernen Teilen

Im Evangelischen Kinderhaus in Erlangen kommen Kinder aus knapp 30 Ländern zusammen. Unabhängig von ihrer kulturellen und religiösen Prägung lernen sie hier spielerisch, zu teilen und miteinander auszukommen. Wie bei allen Kindern gibt es auch hier Auseinandersetzungen, wenn es ums Teilen geht. Marie Henkys, die religionspädagogische Begleiterin der Kindertagesstätte, achtet darauf, die Kinder so zu erziehen, dass sie sich freigiebig verhalten. Wichtig ist ihr, dass die Kinder Einfühlungsvermögen lernen. Ebenso wichtig sei aber auch das Motiv, dass die Kinder sich in ihrem Glauben - und natürlich auch bei den Bezugspersonen - geborgen und gut aufgehoben fühlen. "Dann merken sie, dass es gar nicht nötig ist, Dinge anzuhäufen und für sich zu haben. Und sich zu rächen, sondern eben daraus die Freiheit gewinnen zu sagen: Ja, ich gebe auch gerne etwas ab".

Wie gehen Religionen mit Geiz um?

Wie die Wissenschaftler überhaupt darauf kamen, dass sich der Glaube negativ auf das Sozialverhalten von Kindern auswirken könne und sogar Geiz verstärke, bleibt fragwürdig. Denn Geiz wird in allen Religionen als äußerst negative Eigenschaft und Untugend betrachtet.

In der katholischen Kirche zählt der Geiz zu den sieben Todsünden. "Hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat", so steht es im Lukas-Evangelium. Verpönt ist Geiz auch im Islam. Der Koran schreibt sogar ein Zinsverbot vor. Es soll damit verhindert werden, dass Leute sich auf Kosten von anderen bereichern", erklärt Professor Georges Tamer. Er ist Islamwissenschaftler an der FAU Erlangen-Nürnberg. "Interessanter als das Zinsverbot im Koran ist die wiederholte Aufforderung an die Angehörigen der Gemeinde, Arme zu unterstützen", sagt Tamer. Spenden und Almosen geben gehört zu den fünf Säulen des Islam.

Im Buddhismus ist Großzügigkeit eine wichtige Tugend, durch die spirituelle Erleuchtung erreicht werden kann. Geiz und Gier hingegen sind eine Form des Bösen und sorgen für schlechtes Karma. Gut überlegtes Schenken bringt positive Energien. Roswitha Fischer lebt seit 35 Jahren die buddhistische Philosophie. Das Glück, so heißt es im Buddhismus, sei im eigenen Geist zu finden. Roswitha Fischer versucht das jeden Tag zu leben: "Der Geist ist unbegrenzt, ist freudvoll, ist aktiv, mitfühlend und liebevoll". Wer so denkt und fühlt, kann keinen Geiz empfinden, davon ist sie überzeugt: "Da passt der Geiz natürlich gar nicht rein. Sondern aus dem inneren Reichtum heraus, aus der inneren Freude heraus mit anderen Teilen zu wollen, das ist eine sehr schöne und positive Erfahrung."

Geiz kommt eher von Erziehung oder Vorbildern

Ob oder wie geizig Kinder sind, hängt demnach nicht vom Glauben ab, sondern ist vielmehr das Ergebnis von Erziehung und kultureller Prägung, sagt Georges Tamer: "Wenn ein Kind in einer Familie lebt, in der die Eltern geizig oder sparsam sind, dann lernt das Kind das. Das hat weniger mit Religion zu tun, sondern mit der Mentalität der Eltern oder mit der kulturellen Prägung oder mit der wirtschaftlichen Situation."