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Wird die Gedenkstätte Babi Yar zum Abenteuer-Parcours? | BR24

© Bild: dpa / Audio: BR

Ein Denkmal erinnert an die während der deutschen Besatzungszeit 1941-1943 in Babi Yar erschossenen Kinder in Kiew.

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Wird die Gedenkstätte Babi Yar zum Abenteuer-Parcours?

Fast 34.000 Juden wurden im September 1941 in einer Schlucht nahe Kiew von der SS erschossen. Lange gab es dort kein Mahnmal, jetzt finanzieren russische Oligarchen auf dem Gelände ein umstrittenes Museum, das vor allem auf Emotionen setzt.

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In Babi Yar gibt es kein Denkmal, klagte der russische Dichter Jewgenij Jewtuschenko in seinem gleichnamigen, 1961 erschienenen Gedicht. Das Poem hatte politische Sprengkraft, denn die systematische Ermordung der Juden wurde von den Sowjets nicht als singulärer Vorgang des Zweiten Weltkriegs anerkannt.

Bis heute, sagt der niederländische Historiker Karel Berkhoff, der bis vor wenigen Wochen in Kiew an dem Projekt einer Gedenkstätte Babi Jar mitgearbeitet hat, muss man den Tatort regelrecht suchen: "Wenn man heute in Kiew ist und versucht herauszufinden, wo geschah was, dann ist das nicht leicht. Es gibt ein sowjetisches Denkmal, aber das ist nicht an der richtigen Stelle, und dann gibt es ganz weit weg auch eine Menora, ein jüdisches Denkmal, es gibt viele Denkmäler für Individuen, aber niemals wird ganz klar, wo ist es geschehen und wer wurde eigentlich ermordet. Das ist, weil die sowjetische Regierung, das ist schon eine Weile her natürlich, diese Regierung wollte eigentlich nicht, dass man reden würde über Juden als Opfer, das waren sowjetische Bürger. Jetzt ist es natürlich anders, aber niemand hat Regie übernommen. Also der Staat hätte das eigentlich machen sollen."

Grenze zwischen einst und jetzt wird aufgehoben

Die Regie für eine Gedenkstätte an der Kiewer Schlucht, in der im September 1941 in nur zwei Tagen 33.771 Männer, Frauen und Kinder erschossen wurden, haben schließlich vier russische Oligarchen übernommen, deren Familiengeschichten sich mit der Ukraine und teilweise direkt mit dem Massaker in Babi Yar verbinden. Im vergangenen Herbst ernannten sie Ilya Khrshanovsky zum künstlerischen Leiter eines zukünftigen Holocaust Memorial Center. Der Regisseur und Autor versteht sich auf "immersives" Theater, Rollenspiel und Gesamtkunstwerke, die die Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart mühelos aufheben. Für sein DAU-Projekt etwa haben rund 400 Menschen drei Jahre lang in einem aufgegebenen Forschungsbetrieb in Charkiw sowjetisches Leben simuliert.

© Martin Fejer/Picture Alliance

Menora-Leuchter in Stein an der Gedenkstätte Babi Yar

Im Fokus der Aufmerksamkeit dabei immer: das große Gefühl. Auch in Babi Yar stehen die Zeichen auf Gefühlswallungen, wie aus unlängst veröffentlichten Plänen und Gesprächen Ilya Krshanovskys mit dem ukrainischen Fernsehen und der Moskauer Nowaja Gazeta bekannt wurde. Ilya Khrshanovsky gegenüber dem BR: "Wir bauen jetzt ein Museum, das auch nach 40, 50 Jahren, wenn keiner mehr da ist, der sich an die Ereignisse erinnern kann, Emotionen und Gefühle bei den Besuchern hervorrufen muss. Dafür muss man eine Sprache finden. Es geht für mich hier um eine Geschichte der Entscheidung. Ich frage mich etwa, wie diese dreißig deutschen Jungs des Sonderkommandos, die Mütter haben und wunderbare Musik hören, denen man beigebracht hat, was gut ist und was schlecht – so etwas machen. Was muss da passieren? Wie kann man das einfangen?"

Psychologische Zeugnisse werden verteilt

Dazu hat sich Ilya Khrzhanovsky unter Einbeziehung neuester Technik einiges einfallen lassen. In Video-Reenactments der Massen-Erschießungen, bei der die Menschen nackt am Rande eines Grabens aufgestellt wurden, können die historischen Gesichter mit denen der Besucher ausgetauscht werden. Das Ziel: "eine interaktive, rollenspielbasierte Erfahrung". Dazu gehört auch, dass sich die Besucher von Blinden durch schwarze, stockdunkle Korridore führen lassen sollen. Am Ende des Abenteuer-Parcours kann sich jeder ein psychologisches Zeugnis ausstellen lassen.

Affektives Geschichtsmanagement, das Karel Berkhoff zur Kündigung in Babi Yar bewogen hat: "Das größte Problem mit diesen Vorschlägen ist, dass sie gegen die Standards verstoßen, die da bestehen. Es gibt einfach Regeln für Gedenkstätten. Sie sollen das Mitgefühl wecken mit den Opfern, aber sie sollen die Besucher nicht überfordern oder indoktrinieren. Aber Herr Khrzhanowsky will, dass die Besucher eine Reise unternehmen mit ethischen Entscheidungen. Sie müssen an Experimenten teilnehmen und können dann in die Rolle von Opfern, Kollaborateuren, Deutschen oder Kriegsgefangenen versetzt werden. Das ist für eine Gedenkstätte ganz schlimm. Das ist der Platz des Mordes, dort wurden die Juden ermordet."

Ungeliebte Verstrickung

Ukrainische Intellektuelle schlagen denn auch Alarm. Ob sie Gehör finden, ist ungewiss. Es tobt ein Streit um die Gedenkstätte, bei dem sich nun rächt, dass die Ukraine auch nach knapp 30 Jahren Unabhängigkeit keine Anstrengungen unternommen hat, an das Massaker gebührend zu erinnern. Dahinter verbirgt sich auch ein Ausweichmanöver: Es gab bekanntlich viel Kooperation von Ukrainern während der deutschen Besatzung. Eine Verstrickung, an die man lieber nicht erinnern möchte.

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