Die russische Führung am 6. September bei der Übung "Wostok"

Lange Gesichter: Putin und Generalstabschef Valery Gerassimow beim Manöver

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"Wir sind völlig gescheitert": Russland zweifelt, Putin schweigt

"Wir sind völlig gescheitert": Russland zweifelt, Putin schweigt

Die für viele Russen völlig unerwarteten Erfolge der ukrainischen Offensive stürzen Putins Landsleute in einen massiven seelischen Konflikt, der auch in den Medien zu spüren ist: Die Realität ist mit der Wunschvorstellung nicht mehr deckungsgleich.

Der "Schrei der Seele", mit dem ein viel gelesener und bestens informierter russischer Telegram-Blogger unter dem Namen "Notizen eines alten Veteranen" das Publikum schockierte, klingt tatsächlich dramatisch. Die politische Bildung sei "völlig gescheitert", die "Masse" der russischen Soldaten habe keine Ahnung, wofür sie noch kämpfe: "Es gibt nicht genug Motivation unter der Stammbelegschaft des Krieges, wie er jetzt stattfindet. Wenn wir, um ehrlich zu sein, gar nicht verstehen, was in Charkiw oder Cherson gerade los ist, ist es schwer, Wunder der Heldenhaftigkeit zu zeigen."

Andere russische Telegram-Beobachter sind ebenso pessimistisch. Bei "Rybar" mit 700.000 Abonnenten heißt es, "unverantwortliche Bürger" würden jetzt beginnen, den "offiziellen russischen Quellen zu misstrauen". Der Kreml habe im "Informationskrieg" versagt: "Entschuldigung, aber warum gibt es vom Verteidigungsministerium der Russischen Föderation immer noch keine Berichte darüber, was an der Front in Charkiw passiert?" Weitere Netz-Kommentatoren sprechen von "Verrat und nochmal Verrat", die russischen Niederlagen seien eine Katastrophe, die weder durch "Fehler, noch Dummheit" erklärt werden könnten.

"Niederlagen erschüttern Autorität der Führung"

Es wird sogar geraunt, dass Russland kurz vor einem psychologischen Zusammenbruch wie im Jahr 1916 steht, als die Offensiven im Ersten Weltkrieg scheiterten: "Jetzt, wie bei jeder unserer Niederlagen, ist das ein sehr günstiger Moment für unsere Opposition, sowohl die patriotische als auch die liberale, um unseren Souverän zu verleumden und die Autorität der russischen Führung zu erschüttern. Die Situation nimmt manchmal die Form von 1916 an, und das ist keine Übertreibung."

Nur noch "Dummköpfe", Karrieristen und "Mittelmäßige" würden vom Kreml an die Front geschickt, mit der russischen Elite sei das Land "am Arsch". Und das alles sind, wohlgemerkt, nationalistische Stimmen, die den Angriffskrieg bisher Tag für Tag bejubelt haben.

Grund für den großen Frust: Die ukrainischen Truppen haben Teile der russischen Armee förmlich überrannt und sind südlich von Charkiw angeblich auf dem Vormarsch. Nach Medienberichten könnten bis zu 10.000 russische Soldaten in einen Kessel geraten. Ob das militärisch bedeutsam ist, wird sich noch herausstellen - psychologisch ist es auf jeden Fall bemerkenswert. Der russische Botschafter bei den Vereinten Nationen in New York, Wassili Nebensja, sah sich jedenfalls zu der Sprachregelung genötigt, es gebe "natürlich keinen Durchbruch", sondern lediglich die Eroberung "abgelegener Dörfer".

"'Listiger Plan' des Generalstabs ist eine Bedrohung"

Selbst in Propaganda-Medien wie der "Pravda" breiten sich ungeachtet dessen bange Zweifel aus, zumal der Kreml und die russische Militärführung zunächst tatsächlich eisern schwiegen, was die Ängste zusätzlich befeuerte. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow verwies eine einschlägige Journalisten-Frage unkommentiert an das Verteidigungsministerium. Örtliche Behörden im Frontgebiet nannten die Lage "jetzt schwierig", es werde versucht, so viele Zivilisten wie möglich zu "evakuieren". Einzelne, von den Russen eingesetzte regionale Verwaltungschefs hatten sich bereit zuvor in sichere Hinterland abgesetzt.

Letztlich geht es einmal mehr darum, die propagandistischen Wunschvorstellungen mit der Realität in Einklang zu bringen. Wenn die emotionale Kluft zu groß wird, entsteht das, was Sozialpsychologen als "kognitive Dissonanz" bezeichnen, das heißt, die Menschen fangen an, die für sie unangenehmen Fakten zu verdrängen und flüchten sich teilweise oder vollständig in eine virtuelle Wahrnehmung, besser bekannt als "Wunschdenken". Die allerdings ist konfliktträchtig und kann unkontrollierte Gefühlsausbrüche auslösen.

So verweist die "Pravda" darauf, dass die Kapitulation von russisch besetzten Städten eine eminente Vertrauenskrise ausgelöst habe. Menschen, die in den besetzten Gebieten einen russischen Pass beantragt hätten, müssten jetzt um ihr Leben fürchten: "Der 'listige Plan' des Generalstabs der Streitkräfte der Russischen Föderation für [die inzwischen von der Ukraine eroberte Stadt] Balakleya stellt eine Bedrohung für seine Bewohner dar."

"Egal, was das Außenministerium abstreitet"

Ähnlich hört sich der "Hilferuf" an, den der fanatische Propagandist Sachar Prilepin an den Kreml schickte. Im von der Ukraine bedrohten Isjum würden ganz dringend "Reserven" benötigt, denn dort gebe es "eine große Anzahl von Bewohnern, die der örtlichen [russischen] Verwaltung geholfen" hätten und jetzt ihrerseits Unterstützung erwarteten. Unbestätigten Berichten zufolge kam es bereits zu einer Massenflucht von Kollaborateuren in Richtung Russland, so dass die Grenzübergangsstellen überlastet waren. Für viele scheint buchstäblich eine geistige Welt zusammenzubrechen, nämlich die von der Propaganda erfundene.

Der Blogger "Milinolive" äußert sich sarkastisch über diejenigen russischen Politiker, die die Bedeutung der westlichen Waffenlieferungen an die Ukraine klein redeten: "Sie spielen eine Rolle , und zwar eine der wichtigsten, egal, ob die Sprecher des Außenministeriums und anderer Ministerien das abstreiten. Ohne solche Lieferungen von gepanzerten Fahrzeugen, die es den Streitkräften der Ukraine ermöglichten, ein ganzes Reservekorps zu bilden und zu bewaffnen, wären Offensiven in den Gebieten Cherson und Charkiw in jeder Form einfach unmöglich."

"Mangels Lagebewusstsein im Kreml"

Das "Institute for the Study of War" (ISW) teilte im neuesten, englischsprachigen Tagesbericht mit, dass der Kreml erhebliche Kommunikationsprobleme habe: "Das russische Verteidigungsministerium tut sich schwer damit, unerwartete Operationen in der Ukraine anzugehen, da seine Informationsstrategie darauf beruht, die russische Invasion in der Ukraine als einfache und fehlerfreie Operation darzustellen. Das fördert ein mangelndes Situationsbewusstsein im Kreml und im russischen Medienraum." Die Propagandisten bräuchten zu viel Zeit, um ihre "Fehlinformationen" im Netz zu verbreiten und könnten mit dem Tempo der eigenen Blogger nicht mehr mithalten. Das Vertrauen in die Führung sei in einem hohen Ausmaß "erodiert".

"Schauen Sie nicht auf die Karte"

Die Niederlagen seien ein "Schlag ins Gesicht derjenigen, die den Bezug zur Realität verloren" hätten, so ein russischer Blogger, der damit die verbreitete Fehlwahrnehmung, wie sie für jeden Krieg typisch ist, direkt kritisiert. Und als ob er unfreiwillig ein Seminar in Sachen "Kognitive Dissonanz" abhalten wollte, forderte er seine zahlreichen Leser auf: "Schauen Sie nicht auf die Karte des Schlachtfelds, sondern auf Ereignisse in Politik und Wirtschaft. Es scheint, dass die Führung unseres Landes einen sehr listigen Plan in der Ukraine umgesetzt hat." Das erinnert verdächtig an die "Wunderwaffen", von denen im NS-Deutschland am Ende des Zweiten Weltkriegs ständig seitens der Machthaber die Rede war.

Ein Kollege des Bloggers beschwert sich darüber, das kremltreue Journalisten über negative Berichte klagen: "Es ist nicht schwer, süßliche Reden zu halten, die den Behörden gefallen. Nur werden dadurch keine Fehler korrigiert und von niemandem Probleme gelöst." Und ganz Mutige nehmen bereits die oberste politische Kreml-Führung auf die Hörner, verweisen auf die "extreme Zentralisierung" der Armee, die sich an sowjetischen Zeiten orientiere und darauf, dass die greisen Männer im Sicherheitsrat lieber "verlieren" würden, als sich westlichen Werten anzupassen - obwohl ein Krieg doch immer auch ein Wettbewerb des "Willens, der Technik , Wirtschaft und Steuerungsfähigkeit" sei.

Der rechtsnationalistische Milliardär und Medienunternehmer Konstantin Malofejew ("Tsargrad TV") hatte sich bestürzt über die Lage an der Front geäußert und dann geschrieben: "Aufgrund der Tatsache, dass mein Post über die Situation in der Nähe von Isjum den Adressaten erreicht hat, entferne ich ihn. Hoffentlich passiert das, was passiert ist, nicht noch einmal." Das könnte darauf hindeuten, dass Malofejew nach seiner Kritik vom Kreml kontaktiert wurde.

"Das Wort 'kapitulieren' ist Verrat"

Der prominente Kriegskorrespondent Sasha Kots, Kolumnist von Putins angeblicher Lieblingszeitung "Komsomoskaja Pravda" schrieb wutentbrannt: "Das Wort 'kapitulieren' stammt aus dem Bereich des Verrats. Und ich bin nicht bereit, eine solche Terminologie zu verwenden, um jene Krieger zu bezeichnen, die sich drei Tage lang auf dem Schlachtfeld heldenhaft gegen überlegene feindliche Streitkräfte verteidigt haben. Und diese Leistung kann ihnen niemand nehmen." Statt "kapitulieren" will Kots lieber von "aufgegeben" oder "gefallen" sprechen.

Höchst aufschlussreiche Hinweise auf das propagandistische Vokabular. "Wie die neue Konfrontation enden wird, ist schwer vorherzusagen", so Kots in einem Beitrag für sein Blatt, das bisher mit wüster nationalistischer Hetze auffiel: "Die Ukraine wird jetzt wahrscheinlich alle Ressourcen, alle Reserven einsetzen, um einen Durchbruch in der Nähe von Balakleya zu erzwingen. Hoffen wir, dass das russische Kommando eine Antwort auf diese Aktivität des Feindes hat."

"Krieg ist Blödsinn, Manöver sind wichtiger"

Im Telegram-Kanal von "WarGonzo", einer der beliebtesten Informationsquellen der militärischen Beobachter, wird die russische Militärführung übel beschimpft: Die angeblichen Verstärkungen seien nichts weiter als Truppenteile, die sinnlos hin- und hergeschoben würden: "Wir kennen alle die alte Soldatenweisheit: Krieg ist Blödsinn, Manöver sind das eigentlich Wichtige." Die Verantwortlichen für das Debakel müssten jetzt "identifiziert" werden, die Niederlagen seien nicht nur militärisch nachteilig, sondern würden auch den Ruf Russlands beschädigen.

Es scheint, dass Putins Propagandisten jetzt viel "Arbeit" vor sich haben und derzeit damit beschäftigt sind, die neue Lage zu "interpretieren". Ob sie damit ihre Glaubwürdigkeit zurück erlangen, steht auf einem anderen Blatt. Das Pentagon in Washington D.C. jedenfalls sprach von "sehr ermutigenden" militärischen Fortschritten, was auch russische Medien ohne weitere Anmerkung meldeten.

Die Ukraine setzt ihre Offensive gegen die russischen Streitkräfte offenbar erfolgreich fort.

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