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"Wir sind jüdische Deutsche": Erbe und Identität seit 1945 | BR24

© BR/Andrea Roth

Studierende mit Rabbiner Walter Homolka am Abraham-Geiger-Institut

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    "Wir sind jüdische Deutsche": Erbe und Identität seit 1945

    Jüdisches Leben nach dem Holocaust: Das war geprägt durch Familien, die unermessliche Verluste erlitten hatten. Heute zeigt sich ein anderes Bild: Junge Jüdinnen und Juden legen Wert darauf, nicht als Opfer gesehen zu werden. Sie sind Handelnde.

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    Von
    • Andrea Roth
    • Martin Jarde

    "Es war wie ein eigenes Ghetto, in dem wir alle jiddisch miteinander sprachen und unter uns waren", erinnern sich die Brüder Fiszel und Simon Ajnwojner, wenn sie von ihrer Kindheit im Frankfurter Ostend erzählen. Dort fand die Familie, die zuvor im Displaced-Person-Lager Föhrenwald in Bayern untergebracht war, ein neues Zuhause.

    Gemeinden zählen nach Holocaust noch 30.000 Juden

    Nach dem Kriegsende 1945 konzentriert sich das Leben in Deutschland auf den Wiederaufbau und die Versorgung der Menschen. Die jüdischen Gemeinden haben durch Auswanderung und im Holocaust die meisten ihrer Mitglieder verloren: Von mehr als einer halben Million 1933 sind es 1945 noch rund 30.000.

    Doch zu ihnen kommt nun eine große Zahl von sogenannten "Displaced Persons", KZ-Überlebenden vor allem aus Osteuropa, die in deutschen Lagern untergebracht werden. Wie auch die jüdische Familie Ajnwojner, die aus Polen geflohen ist.

    Jüdisches Leben 1945 geprägt von Verlusten und Angst

    Jüdisches Leben in der Nachkriegszeit: Das war geprägt durch Familien, die im Holocaust unermessliche Einschnitte und Verluste erlitten hatten. Von Eltern, deren Ängste und deren Schweigen auch die nächste Generation prägten. So erinnert sich Dieter Graumann: Als er in die Schule kommt, nehmen ihn die Eltern beiseite: "David, ab heute heißt du Dieter." Sie haben das KZ überlebt und wollen nicht, dass ihr Sohn schon an seinem Namen als Jude erkennbar ist. Denn auch im Nachkriegsdeutschland ist der Antisemitismus noch präsent.

    Überlebende erzählen wenig von Erlebnissen in Konzentrationslagern

    Die meisten Überlebenden haben ihren Kindern wenig von ihren Erlebnissen in den Konzentrationslagern erzählt. Das Schweigen wurde an die nächste Generation weitergegeben. Doch die Enkel stellen zunehmend Fragen. Auch die Schauspielerin Barbara Bisicky. Sie hat alle Unterlagen über ihre Familie zusammengetragen.

    "Wir haben tollerweise viele Fotos noch und Dokumente, Einbürgerungsurkunden und alles Mögliche. Das ist halt wirklich besonders, dass man als Nachkriegsgeneration noch eine Uroma und Oma hat. Und alle fröhlich lachend zusammen sind." Ein Großteil ihrer tschechischen Vorfahren wurde im Holocaust ermordet. Barbara Bisickys Großeltern haben die KZs überlebt. Hochtraumatisiert.

    Jüdinnen und Juden heute: Nachkriegsdeutschland ist lange her

    Heute begegnen wir jungen Jüdinnen und Juden, für die das Nachkriegsdeutschland lange her ist. Sie sehen sich ganz selbstverständlich zugehörig zu Deutschland mit seiner multikulturellen Gesellschaft. Wie etwa James und David Ardinast. Gutes Essen und ein gutes Miteinander, das ist die Mission der beiden Brüder und Gastronomen. Ihre Restaurants und Bars wie das "Stanley Diamond", das Cafe "Bomba" und die "Bar Shuka" liegen im Frankfurter Bahnhofsviertel.

    James und sein jüngerer Bruder David waren auf der ganzen Welt unterwegs, bevor sie sich entschieden, wieder nach Frankfurt zurückzukehren – und dort zu bleiben. Kann man sich, nach allem, was geschehen ist, was die Vorfahren durchmachen mussten, überhaupt bewusst für ein Leben in Deutschland entscheiden? Mit dieser Frage setzen sich die Brüder schon seit ihrer Jugend auseinander.

    Jude sein bedeutet mehr als Religion

    Die Brüder sind, wie viele ihrer Generation, in einem jüdischen Umfeld aufgewachsen, haben die jüdische Schule und die benachbarte Synagoge im Westend besucht. "Jude" zu sein, das bedeutet ihnen mehr als die Religion. "Zuerst sind wir mal Mensch. Menschen, die eben in ein gewisses Umfeld geboren wurden", sagt James Ardinast.

    Egal, ob in Frankfurt, Leipzig und Berlin: Überall begegnet man jüdischen Männern und Frauen, die eines eint: Sie legen Wert darauf, nicht als Opfer gesehen zu werden. Sie sind Handelnde, geprägt von ihren Familiengeschichten, aber selbstbewusst und sehr unterschiedlich.

    Jüdische Deutsche fester Teil der Gesellschaft

    Die Zeit der gepackten Koffer ist für sie vorbei. Viele junge Jüdinnen und Juden sind angekommen. Und ein fester Teil dieser Gesellschaft. Sie sehen sich als jüdische Deutsche.

    Den ganzen Film von Autorin Andrea Roth sehen Sie am Sonntag, 21. Februar, um 15.45 Uhr in der ARD.

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