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Wir schenken uns nichts: "Diese Nacht - oder nie!" in München | BR24

© Jürgen Frahm/Komödie im Bayerischen Hof

Lädierte Beziehung

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    Wir schenken uns nichts: "Diese Nacht - oder nie!" in München

    Geschlechter-Duell im Blumenladen: Der französische Erfolgsautor Laurent Ruquier seziert das Beziehungselend von Großstädtern und lässt eine resolute Mittfünfzigern auf einen eitlen Callboy treffen. Isabell Varell und Heiko Ruprecht spielen rasant.

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    Durch die Blume zu sprechen gilt ja gemeinhin als eher ungefährlich, um nicht zu sagen fürsorglich. Dabei ist gerade das doch ziemlich riskant, wie eine ausgebildete Floristin natürlich weiß. Gelb, blau, rot – alles kann die falsche Farbe sein! Ist der Strauß symmetrisch, zufällig oder kopflos zusammengestellt? Die jeweilige Botschaft von Rosen, Tulpen, Nelken kann in Beziehungsfragen verhängnisvoll sein! Keiner weiß das besser als Charlotte, Mitte fünfzig, Inhaberin des Blumenladens „Strauß mit Biss“. Der Valentinstag, na klar, ist rein beruflich gesehen immer wieder der wichtigste Tag in ihrem Leben. Praktisch, dass ihr bester Kumpel (zunächst) genauso heißt, Valentin, aber der hat leider erstens keine Ahnung von Blumen und zweitens kein Interesse an der Liebe.

    Bestandsaufnahme des modernen Beziehungslebens

    Ein echtes Großstadt-Stück hat der französische Rundfunkmoderator und Theatermanager Laurent Ruquier da geschrieben: Keinen plumpen Schwank und auch keine schlüpfrige Sexkomödie, sondern eine sehr treffende Bestandsaufnahme des modernen Beziehungslebens, wie sie präziser und ätzender nicht sein könnte. Kein Wunder, dass das Stück unter dem Titel „Lass uns Freude bleiben“ 2014 in Paris auf 300 Vorstellungen kam und sehr erfolgreich fürs Fernsehen verfilmt wurde. Die zentrale Frage, die hier verhandelt wird: Wie kommerziell ist unser Zusammenleben geworden, wie zweckgebunden, wie egoistisch?

    Er will lieber chillen

    Die resolute Charlotte hat Torschlusspanik und träumt von der Liebe zu ihrem besten Freund, hat aber Angst, ihm das zu gestehen. Valentin wiederum erweist sich schnell als narzisstischer Callboy, der seit zehn Jahren gewohnt ist, für Sex bezahlt zu werden und ansonsten mit „Chillen“ auf dem Sofa und der Champions League zufrieden ist. Finden die beiden zusammen? Nach zwei Stunden sieht es nicht danach aus, aber das Ende wird natürlich nicht verraten.

    © Jürgen Frahm/Komödie im Bayerischen Hof

    Tief in die Augen!

    Nie klappert Boulevard-Routine

    Die fernsehbekannte Sängerin, Schauspielerin und Moderatorin Isabel Varell und Heiko Ruprecht spielen das in der Komödie im Bayerischen Hof in München mit nassforscher, ja anarchischer Energie und viel Wortwitz, wie er typisch ist für französische Gegenwartsstücke: Die deutsche Fassung von Übersetzer Manfred Langner ist durchaus temporeich und anzüglich, ohne zotig zu werden, eben genauso, wie sich weltläufige Pariser mutmaßlich duellieren. Aber auch München gilt ja als Flirt-Metropole und Dating-Hotspot, wo sich die Geschlechter nichts schenken, was in diesem Fall durchaus wörtlich zu verstehen ist. In der Regie von Ulf Dietrich klappert nie Boulevard-Routine, weshalb es auch wenig Zwischenapplaus gibt. Stattdessen sind die Zuschauer vollauf damit beschäftigt, dem rasanten Tempo des Schlagabtauschs zu folgen, neugierig darauf, ob sie irgendwo einen Hinweis darauf finden, wie diese Sache wohl enden wird. Doch Charlotte und Valentin drehen sich im Kreis, gefühlt vielleicht zehn, fünfzehn Minuten zu lang, bis sie ihren Konflikt endlich zeitgemäß und völlig unsentimental beilegen.

    © Jürgen Frahm/Komödie im Bayerischen Hof

    Alles für die Blumen!

    Wer die Liste der Lieder zur Hand nimmt, die Isabel Varell interpretiert, könnte meinen, es handle sich um einen Schlager-Abend. Tatsächlich singt sie jedoch ohne Mikrofon und immer nur eine Strophe oder einen Refrain, bleibt dabei auch in ihrer Rolle, und Partner Valentin reagiert darauf. Es sind also eher musikalische Akzente, die aus dem Schauspiel beileibe keine Operette machen. Offenbar hätten beide lieber mehr gesungen, denn bei den Zugaben griffen sie dann flugs zum Mikrofon. Doch mehr Schlager hätte die Handlung unnötig in die Länge gezogen und obendrein ironisiert, was der Text von Laurent Ruquier nicht verdient hat.

    © Jürgen Frahm/Komödie im Bayerischen Hof

    Wird Valentin weich?

    Sekt aus Langstiel-Vasen

    Ausstatter Dietmar Teßmann hatte für die Schauspielbühnen Stuttgart, wo diese Inszenierung zuerst herauskam, einen recht aufgeräumten Blumenladen entworfen. Charlotte mag es offenbar ordentlich. Der Sekt wird gleichwohl aus Langstiel-Vasen geschlürft, doch Chaos herrscht letztlich nur in den Köpfen, nicht im Betrieb. Wie typisch für den viel beschäftigten Stadtmenschen, der nur eine verwundbare Stelle hat: Sein Smartphone. Das kommt dann auch vielfältig zum Einsatz und muss schließlich dran glauben.

    Insgesamt beste Sommer-Unterhaltung für alle, die französische Gesellschaftskomödien lieben und schon was gesehen haben vom zwischenmenschlichen Elend. Romantiker nämlich könnten auf die Idee kommen, dass die berühmte blaue Blume gar nicht duftet, sondern riecht, und zwar nach künstlichem Aroma.

    Bis 28. Juli 2019 in der Komödie im Bayerischen Hof München

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