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"Wir müssen von dieser Betreuungs-Logik wegkommen" | BR24

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Es ist Zeit, Kinderrechte ins Grundgesetz aufzunehmen, meint Jörg Maywald, Geschäftsführer des Netzwerks Deutsche Liga für das Kind, im Interview mit Joana Ortmann.

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"Wir müssen von dieser Betreuungs-Logik wegkommen"

Es ist Zeit, Kinderrechte ins Grundgesetz aufzunehmen, meint Jörg Maywald, Geschäftsführer des Netzwerks Deutsche Liga für das Kind. Gerade zur Zeit der Pandemie, in der Kinder keine Stimme haben, sollte das Gesetzesvorhaben umgesetzt werden.

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Nur Notbetreuung und selbst gut zwei Monate, nachdem die Türen der Schulen und Kindergarten bundesweit geschlossen wurden, dürfen nur manche Kinder in ihre Schulen und Kitas zurück - und das oft auch nur nur tageweise und stundenweise. Die Kinder hat die Corona-Krise schwer getroffen, und während alle Welt die Nöte der Eltern diskutiert, die Homeoffice, Haushalt und Kinderbetreuung zugleich wuppen müssen, scheinen die Kinder selbst vergessen zu werden. Das Netzwerk Deutsche Liga für das Kind arbeitet an der Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention und versteht sich als Lobby für Kinder. Der Soziologe Jörg Maywald ist Geschäftsführer des Netzwerks. Joana Ortmann hat mit ihm über die Situation der Kinder während der Pandemie gesprochen.

Joana Ortmann: Was bedeutet die aktuelle Situation für Kinder?

Jörg Maywald: Meine Beobachtung ist, dass wir in dieser Krise bisher drei Phasen gehabt haben. Es gab eine erste Phase, in der sich alle große Mühe gegeben haben, übrigens auch die Kinder, die sich ja unglaublich gut anpassen können, manchmal sogar zu sehr. Das waren so die ersten zwei Wochen. Dann begann eine zweite Phase, in der das nicht mehr so funktioniert hat. Da haben Stress und Konflikte in den Familien zugenommen. Und jetzt in der dritte Phase nach inzwischen acht, neun Wochen haben wir Erschöpfung auf allen Seiten. Die Nerven liegen nicht nur bei den Eltern blank, sondern auch bei den Kindern. Sie werden unleidlicher, sie fordern auch mehr, sie wollen eine Perspektive. Ich will Ihnen ein Beispiel geben, das mich berührt hat. Mir liegt ein Brief von einer Schülerin vor: Milena, zehn Jahre alt, aus Berlin. Sie hat an die Bundeskanzlerin geschrieben, dass sie darüber reden möchte, wie es weitergeht – und zwar auf die Schule bezogen. Sie will nicht nur wissen, wie es weitergeht. Sie möchte reden, und ich glaube, das ist etwas, das viele von uns, auch manche Eltern und auch die Bildungsinstitutionen, versäumt haben: mit den Kindern, die uns sehr viel zu sagen haben, zu reden.

Welche Stimme, welche Position haben Kinder in dieser Krise überhaupt?

Sie werden schlichtweg oft vergessen, also nicht mal angehört. Wir als Erwachsene haben oft wenig Empathie Kindern gegenüber. Das geht schon mit dem Zeitverständnis los. Wir wissen, was drei Monate sind, wir haben den Jahresverlauf im Kopf. Aber nehmen wir mal einen Zweijährigen. Für dieses Kind sind diese letzten drei Monate ein Achtel seines bisherigen Lebens. Das heißt, allein schon die zeitliche Perspektive ist für Kinder eine ganz andere. Und das ist einer der Gründe, warum wir hier schnell umsteuern und mit Kindern ins Gespräch kommen sollten, anstatt nur über sie reden.

Warum ist diese Gewichtung so, wie sie ist? Liegt das an bestimmten kulturellen Wertigkeiten? Denn wir konnten ja jetzt im Prozess der Lockerungen gewisser Dinge sehr gut beobachten, was wichtig ist. Zum Beispiel Fußball.

Es gibt sicher einige gesellschaftliche Aspekte: Kinder haben keine große Lobby, auch politisch übrigens. Sie haben keine Stimme bei Wahlen und "zählen" dadurch einfach nicht so sehr. Aber es hat auch etwas mit Kind-Vergessenheit zu tun. Wir alle sind ja mal Kinder gewesen, aber oft fehlt uns diese Verbindung zu den jungen Menschen und wir können uns nicht mehr so gut in ihre Situation hineinversetzen. Und vor allem hören wir ihnen zu wenig zu, was dazu führt, dass sie strukturell eine minder wichtige Position und tatsächlich auch weniger Macht haben.

Wie können wir da aus Ihrer Sicht als Gesellschaft gegensteuern?

Wir müssen von dieser Betreuungs-Logik wegkommen, die besagt, die Kinder müssen betreut werden, damit Familie und Beruf wieder funktionieren, und damit sie gebildet werden. Und wir müssen einer Sicht der Interessen der Kinder näherkommen. Zum Beispiel wissen wir, wie wichtig das Recht auf Spielen ist, also, dass Kinder mit anderen Kindern zusammenkommen, dass sie in der Natur sind, dass sie mit Tieren zusammen sein können. Das ist übrigens das Ergebnis einer wunderbaren Glücksstudie, und Kinder haben genau diese drei Punkte als wichtigste Glücksfaktoren genannt. Spielen, Natur, Tiere. Und wenn wir das ernst nehmen, dann gibt es gute Chancen, dass die derzeitigen Belastungen auch wieder überwunden werden können.

Wie schätzen Sie das medizinische Risiko einer raschen Kita- und Schulöffnung ein? Es wurde in den letzten Wochen auch diskutiert, wie stark Kinder überhaupt als Verbreiter der Pandemie fungieren.

Da muss ich ein bisschen die Forschung in Schutz nehmen. Wir haben heute noch relativ wenig gesichertes Wissen. Das liegt übrigens auch daran, dass Kitas und Schulen aus Vorsichtsgründen weltweit sehr schnell zu gemacht worden sind, und dadurch das Infektionsgeschehen bei Kindern tatsächlich nicht ganz leicht zugänglich ist. Andererseits wissen wir, dass relativ wenige Kinder selbst erkranken, aber auch, dass sie durchaus infektiös sein können. In der Konsequenz meine ich, dass wir Schritt für Schritt zu einer Lockerung kommen müssen. Wir sollten von diesem "entweder oder" wegkommen hin zu einer langsamen Öffnung nicht nur für die Kinder von Eltern in systemrelevanten Berufen, sondern für alle. Nicht gleich 100 Prozent, aber wenigstens einige Stunden pro Woche. Das muss schnell angegangen werden. Das passiert schon punktuell, zum Beispiel in Sachsen. Dabei scheint mir wichtig, dass alle Beteiligten zu Wort kommen, auch die Kinder. Alle Kinder sollten auf ihre Weise in diese Diskussion einbezogen werden, auch die Jüngeren haben gute Vorschläge, wie man einen Raum gestalten, wie man Abstand halten kann. Hier muss es, glaube ich, zu einer Partizipationskultur kommen. Denn Kinder, die an Entscheidungen beteiligt sind, halten sich auch vielmehr daran.

Das ist sowieso eine interessante Frage, denn wir haben ja die Rechte-Diskussionen schon seit einigen Wochen auf Erwachsenenebene sehr massiv. Wie können Kinderstimmen verpflichtend hörbar gemacht werden?

Menschenrechte zeichnen sich dadurch aus, dass es eine Einheit von Schutzrechten, Förderrechten und Beteiligungsrechten gibt, die nicht gegeneinander ausgespielt werden können. Sie hängen sehr eng zusammen. Natürlich haben Kinder auch das Recht auf Schutz vor gesundheitlichen Gefahren, Stichwort Corona. Aber sie haben eben auch das Recht auf Förderung und Beteiligung. Und das muss in eine gute Balance gebracht werden. Man darf auch nicht nur den Kinderschutz in den Blick nehmen, sondern wir wissen, dass Kinderschutz Beteiligung braucht und übrigens Beteiligung auch Schutz benötigt. Das ist die große Herausforderung für uns Erwachsenen, die wir die Verantwortung für die Verwirklichung der Kinderrechte haben, hier sämtliche Kinderrechte und vor allem übrigens den Vorrang des Kindeswohls in eine angemessene Balance zu bringen.

Wie steht es denn generell um die Grundrechte von Kindern? Die sind ja gar nicht so stark verankert...

Tatsächlich haben wir bisher in Deutschland keine Kinderrechte im Grundgesetz und damit zum Beispiel keinen übergreifenden Kindeswohl-Vorrang. Das heißt, dass bei allen Entscheidungen die Kinder betreffend ihre Interessen eben auch berücksichtigt werden müssen. Hier ist eine ganz wichtige Forderung, Kinderrechte ins Grundgesetz aufzunehmen. Die amtierende Bundesregierung hat das im Koalitionsvertrag festgeschrieben. Es wurde dann interessanterweise zu Beginn der Corona-Krise von der Tagesordnung des Koalitionsausschusses runtergenommen, weil anderes wichtiger war. Das mag auch so gewesen sein, aber jetzt ist es wirklich Zeit, dieses Vorhaben wieder auf die Tagesordnung zu setzen und noch in dieser Legislaturperiode Kinderrechte auch in die Verfassung aufzunehmen.

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