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Wir lieben den Glanz – und doch ist er immer Abglanz | BR24

© picture alliance / dpa

Lametta in "Bismarck's Weihnachtswelt" im Keller des Schlosses in Döbbelin (Sachsen-Anhalt).

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Wir lieben den Glanz – und doch ist er immer Abglanz

Funkelnde Kugeln und Sterne im Christbaum oder früher – wie Loriot bedauert – Lametta: Weihnachtszeit ist Glitzer- und Glanzzeit. Gedanken über den Glanz der Oberfläche und des Göttlichen – und über das Licht, von dem er lebt.

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Elstern fliegen nicht auf Glanz. Das haben Forscher vor einigen Jahren herausgefunden. Hat eine Elster die Wahl zwischen einem glänzenden und einem nicht-glänzenden Gegenstand, wählt sie nicht zwangsläufig den glänzenden. Die bereits im Mittelalter verbreitete Redewendung von der "diebischen Elster" sagt also weniger über die Vögel als über uns Menschen aus: Wir selbst halten glänzende Dinge für so begehrenswert, dass wir meinen, sogar Tiere könnten sich dem Zauber des Glanzes nicht entziehen. Funkelnder Schmuck und glänzende Kinderaugen, Lackschuhe, das frisch geputzte Bad, das seidige Haar…

Glanz ist göttlich

Wir lieben Glanz! Schon kleine Kinder sind fasziniert vom Glanz der Welt: der spiegelnde Löffel, das T-Shirt mit den Silber-Pailletten, die Kugeln am Christbaum. Auch die Sprache verrät uns: Glänzend hat er das gemacht, einfach brillant, ein heller Kopf eben, voller Geistesblitze. Auf der anderen Seite tummeln sich die Unterbelichteten, die Ermatteten und Stumpfsinnigen, also alle, die halt keine Leuchte sind. Merke: Licht ist gut. Und Glanz ist Licht, genauer: die Reflexion eines Lichtstrahls. Glanz ist nichts weiter als ein Oberflächeneffekt. Trotzdem ist die kulturelle Wertschätzung des Menschen für Glanz hoch. Aber warum eigentlich?

Glanz heißt: glatt, makellos, jugendlich, neu. Und wenn es um Gold, Edelsteine und Diamanten geht, dann bleibt dieser Glanz sogar dauerhaft erhalten: Gold rostet nicht. Und: Glanz ist göttlich. Als Moses mit den Gesetzestafeln in der Hand vom Berg Sinai herabstieg, soll seine Stirn geglänzt haben. Und zwar nicht etwa vom Schweiß der Anstrengung, sondern als Folge der Begegnung mit Gott: "… die Haut seines Angesichts glänzte, davon dass er mit ihm geredet hatte". In Kirchen fängt man dieses Licht Gottes gern mit glänzenden Materialien ein: mit Gold, Silber und blank poliertem Marmor, mit glänzenden Stoffen wie Samt und Seide, mit Edelsteinen und Glasmalereien. Um das himmlische Licht auf der Erde sichtbar zu machen eignet sich Gold besonders gut. Durch seine gelbliche Färbung erinnert es wie kein anderes Metall an die Sonne. Und die Sonne wird in fast allen Kulturen der Welt verehrt, spendet sie doch Wärme und damit Leben.

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Goldener Glanz in der St. Johann Nepomuk Kirche Asamkriche München

Glanz flößt Ehrfurcht ein und Scheu

Glanz hebt hervor: Die goldfarbenen Heiligenscheine auf Gemälden oder an die Kronjuwelen der Queen. Das gilt vor allem Schmuck, durch seinen Glanz lenkt er die Aufmerksamkeit auf den Träger oder die Trägerin. Es ist das Funkeln, das einen Diamanten erst zum Schmuckstein macht. Und wie reagiert die Umwelt? Auf Moses etwa, nach seiner Begegnung mit Gott? "Da Aaron und alle Kinder Israels sahen, dass die Haut seines Angesichts glänzte, fürchteten sie sich, sich ihm zu nahen." Glanz erwirkt Distanz, ehrfurchtsvolle Scheu.

Unnahbarkeit aber ist das Letzte, was eine schrumpfende Glaubensgemeinschaft brauchen kann. Unter einem Bescheidenheit predigenden Papst fragte sich 2019 also selbst die Kirche, wie viel Pracht eigentlich sein darf. Natürlich geht es da um die kostbaren Materialien, nicht um den Glanz auf ihrer Oberfläche, aber auch Glanz hat seine Schattenseiten: Er ist prätentiös. Er imitiert eine Lichtquelle, die er nicht ist. Glänzen heißt schließlich nicht strahlen: Ein Strahl geht direkt von der Lichtquelle aus, Glanz aber entsteht durch Umlenkung, er ist immer Abglanz.

Kein Zweifel: Glanz kann verzaubern. Aber: Kein Glanz ohne Licht. Und es ist egal ob Sie da jetzt an Gott, die Sonne oder an Sinn, Substanz und Inhalt denken. Nur vergessen sollte man es nicht, im weihnachtlichen Glimmer-Glitter-Glitzermeer: Aufs Licht kommt es an.

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