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Meereskundler Karsten Reise über steigende Meeresspiegel und die Notwendigkeit verstärkter Ozeanforschung.

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"Wir können nicht ewig gegen das Meer kämpfen!"

Wir stehen am Anfang der UN-Dekade der Ozeanforschung: Gemeinsam sollen Wege aus der Klimakrise gesucht werden. Meereskundler Karsten Reise spricht mit uns über steigende Meeresspiegel, riesige Deichbauwerke - und seinen allerliebsten Meeres-Roman.

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Von
  • Christoph Leibold

Man ist verführt, den berühmten Hemingway-Titel zu bemühen: "Der alte Mann und das Meer". Zeigt doch die Rückseite des neuen Hörbuchs "Mit dem Meer leben" ein entsprechendes Foto des Autors Karsten Reise am Strand. Im Hintergrund die Nordsee, schöner Meereswolkenhimmel, eine Brise weht, die das weißgraue Haar dieses älteren Herrn leicht zerzaust. Karsten Reise leitete als Professor des Alfred-Wegener-Instituts die Wattenmeerstation Sylt, wo er auch nach seiner Emeritierung noch tätig ist. Christoph Leibold hat mit ihm über die Ziele der UN-Initiative für Ozeanforschung gesprochen, die nach Möglichkeiten sucht, der drohenden Klimakatastrophe zu entgehen.

Christoph Leibold: Wir wollen über die UN-Dekade für Ozeanforschung sprechen, die Anfang dieses Monats begonnen hat. Ziel ist es, dass die Weltgemeinschaft bis 2030 deutlich mehr in die Meereswissenschaften investiert, um – wie es heißt – "Lösungen für die globalen Herausforderungen zu finden". Gemeint ist damit die drohende Klimakatastrophe, die auch drastisch als Weltuntergang beschrieben wird. Gemeint ist, dass unser Planet als solcher zerstört wird. Kann man die Rede vom Welt-Untergang aber auch ganz wörtlich nehmen? Stichwort: ansteigender Meeresspiegel?

Karsten Reise: Ja, das kennt die Weltgeschichte ja schon seit langem, dass das Meer sich immer mal zusammenzieht – dann ist ganz viel Wasser in den Eismassen an den Polen gebunden. Aber wenn die dann wieder schmelzen, dann steigt der Meeresspiegel. In dem Zyklus der früheren Eis-und Warmzeiten, da stieg das Meer in der Vertikalen um mehr als hundert Meter rauf. Und dann fiel es auch wieder um einen solchen Betrag. Wir sind ja jetzt in der Warmphase drin und heizen noch mal kräftig ein: Also wir haben es zum ersten Mal selber verursacht, und wir sind eben auch viel intensiver ausgesetzt als früher, weil wir feste Strukturen direkt an den Rand des Meeres gebaut haben, weil wir es ja so lieben. Und wenn es dann ein bisschen höher schwappt, dann sind wir gleich in der Bredouille. Natürlich haben wir an der Nordseeküste hohe Deiche gebaut, zehn Meter hoch sind die neuesten von ihnen und 100 bis 120 Meter breit am Fuß. Das sind gewaltige Bauwerke, die sich schon mit der Chinesischen Mauer messen können. Aber dennoch, wenn bis zum Ende dieses Jahrhunderts das Meer um einen Meter und danach natürlich noch weiter steigt, dann ist es allein mit solchen Wallanlagen an der Küste nicht mehr getan.

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Meeresforscher Karsten Reise

Das Meer steht für Weite, für Macht, für Naturgewalt. Der Mensch ist derjenige, der es beherrschen will, der es befährt, befischt, ihm Land abtrotzt. Das sind erstmal Antagonismen: Mensch und Natur bzw. Zivilisation und Natur. Gerade aber die Nordsee und die Nordseeküste, mir der sie sich besonders gut auskennen, das ist ja auch eine Kulturlandschaft. Ist die dem Meer abgerungen oder Vorbild für ein harmonisches Zusammenspiel?

Ja, das ist dem Wandel unterworfen. Ganz stolz hat man hier oft an der Küste gesagt: Gott schuf das Meer, aber die Friesen, die schufen die Küste, weil sie sie so stark umgestaltet haben. Und das schon seit gut tausend Jahren, mit dem Deichbau und anderen Konstruktionen. Inzwischen haben wir gelernt, dass es vielleicht in der Vergangenheit sehr plausibel war, sich so zu verhalten - aber für die Zukunft ist das nicht mehr die richtige Strategie. Wir können nicht auf ewig gegen das Meer kämpfen. Wir müssen versuchen, mit ihm zu leben. Und wenn der Meeresspiegel steigt, dann müssen wir uns etwas überlegen, wie wir uns daran anpassen können, außer uns hinter hohen Mauern zu verbarrikadieren. Sondern dann auch etwas Meer wieder hineinlassen in das Land, auf schwimmenden Häusern wohnen, wo jetzt vielleicht noch das Weidevieh muht.

Wie ist das als Wissenschaftler, wenn man versucht, Dinge zu verstehen - verliert das Meer sein Geheimnis oder wird es rätselhafter, je mehr man sich damit befasst?

Wenn ich so auf meine vielen Forschungsdekaden zurückschaue, dann ist eigentlich die Faszination gestiegen: Je mehr wir forschen, desto mehr neue Fragen gibt es, desto mehr neue Ufer – Im übertragenen Sinne – erkennen wir auch. Also es wird einfach spannender, je mehr wir finden. Und im letzten Sommer bin ich hinausgegangen, weit, weit raus ins Watt, da, wo die Seehunde auf Sandbänken dösen. Und auf einmal war da etwas völlig Neues, was ich noch nie vorher gesehen hatte. Da, wo es sonst sandig ist, war jetzt klebriger, schleimiger Schlick, in dem ich stecken blieb, weil eine ganz neue Alge hinzugekommen ist, vielleicht aus Australien, vielleicht aus Neuseeland irgendwie mit dem Schiffsverkehr. Da ist etwas völlig Neues entstanden, und das wirft auch Fragen auf.

Das Meer ist ja auch ein literarischer Ort. Es gibt so viele Bücher und Geschichten, die am oder auf dem Meer spielen, dass jede Aufzählung von Beispielen beliebig wirken muss. Das geht von Homers Odyssee über Theodor Storms Schimmelreiter bis zu den Romanen des Niederländers Maarten 't Hart wie "Unter dem Deich". Sie sind vornehmlich mit Wissenschaftsliteratur befasst, aber haben Sie auch so etwas wie einen Lieblings-Meeres-Roman, den Sie uns empfehlen können?

Geliebt habe ich "Das Rätsel der Sandbank" von Erskine Childers, einem irischen Schriftsteller, der zu Beginn des vorigen Jahrhunderts die ostfriesische Küste im Nebel erkundet hat. Childers beschreibt zum ersten Mal diese Landschaft in objektiver Form, ihm verdanken wir die beste Beschreibung von Ostfriesland.

Wir haben mit dem "Weltuntergang" begonnen - lassen Sie uns versuchen, etwas weniger apokalyptisch zu enden. Die UN-Dekade für Ozeanforschung, an deren Anfang wir stehen: Welche Hoffnung setzen Sie in sie?

Es ist ja so, dass wir Menschen zum Mond geschickt haben, es aber noch nicht geschafft haben, die Meerestiefen voll auszuleuchten – im wahrsten Sinne des Wortes. Man kann zwar mit Tauchrobotern in die Tiefseegräben von über elf Kilometer hinabtauchen, aber wir wissen nur ganz punktuell etwas von all diesen Bereichen. Und jetzt, wo sich zunehmend immer mehr verändert, wo sich auch Plastik in der Tiefsee ablagert und es viele andere Veränderungen durch den Temperaturanstieg gibt, da kommt es wirklich darauf an, dass wir einen viel schärferen Blick auf die Veränderungen im Meer haben, als wir das in der Vergangenheit hatten.

© Iris Buchheim
Bildrechte: Iris Buchheim

Tonnenweise holen Bagger Jahr für Jahr angeschwemmten Sand aus dem Osten, um die ostfriesische Insel Wangerooge vor dem Untergang zu retten.

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