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"Wir kämpfen für das Leben" | BR24

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Sechs Jahre Gefängnis für einen Gedichtband: Yirgalem Fisseha Mebrahtu hat in ihrer Heimat Eritrea die Härte der Diktatur zu spüren bekommen. 2018 gelang der Journalistin die Flucht. In München erzählt sie von ihrem Martyrium.

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"Wir kämpfen für das Leben"

Sechs Jahre Gefängnis und Folter für einen Band mit Gedichten: Yirgalem Fisseha Mebrahtu hat in ihrer Heimat Eritrea die volle Härte der Diktatur zu spüren bekommen. 2018 gelang der Journalistin die Flucht. In München erzählt sie von ihrem Martyrium.

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Kehlige, glottale Laute… sie gehören zum Tigrinischen, das in Eritrea gesprochen wird. Das Gedicht heißt "Ich lebe noch". Ein Triumph. Die Schriftstellerin und Journalistin Yirgalem Fisseha Mebrahtu hat es im Gefängnis geschrieben: "Sie haben mich nach der Bedeutung meiner Gedichte gefragt, Wort für Wort. Einen der Verhörer kannte ich, er ist der Freund meines Cousins. Er hatte mich manchmal angerufen und mich als Schriftstellerin gelobt und ermutigt, bevor ich verhaftet wurde. Und plötzlich sehe ich ihn im Gefängnis wieder."

Im Februar 2009 war das. Yirgalem Fisseha Mebrahtu arbeitet als Programmdirektorin bei Radio Bana, einem aufklärerischen Sender für Bildung in der eritreischen Hauptstadt Asmara. Plötzlich umstellen Soldaten die Redaktion und verhaften alle 30 Mitarbeiter. Erst glaubt Yirgalem Fisseha Mebrahtu an einen Irrtum, aber dann drehen sich die Verhöre um ihre Gedichte. Beiläufige Poeme über Alltägliches, den Markt, Regentonnen, Esel, Menschen, Palmen, die das Licht auffächern. In Diktaturen aber ist alles politisch. Ein paar Mal mit dem Kopf nickend hält Yirgalem Fisseha Mebrahtu ihren Gedichtband hoch, gerade gedruckt im Exil, bei einem eritreischen Verleger in Stockholm.

Unterdrückung, Drangsalierung und Korruption sind Alltag

"Dieses Buch ist vor elf Jahren an die Zensurbehörde gegangen. Ich warte immer noch auf die Antwort", erzählt Mebrahtu. "Ich ging dann ins Gefängnis dafür, mein Buch und ich waren zusammen hinter Gittern. Sie haben mich in eine zwei Mal zwei Meter große Zelle gesperrt und ich dachte: Das ist das Ende. Frische Luft und Licht habe ich nur manchmal durch eine Klappe in der Tür bekommen. An das fehlende Licht gewöhnt man sich, die frische Luft ist das Problem. Manchmal wollte ich mir das Leben nehmen. Und dann bekommt man wieder Hoffnung – wie aus dem Nichts."

Aus keinem afrikanischen Land fliehen so viele Menschen wie aus Eritrea. Es gibt keine Arbeit, dafür aber Versklavung – der Militärdienst, den ausnahmslos alle leisten müssen, wird willkürlich auf viele Jahre ausgedehnt. Totalüberwachung, Unterdrückung, Drangsalierung und Korruption sind Alltag. Seit der Unabhängigkeit 1993 gab es keine demokratische Wahl, die Verfassung ist nie in Kraft getreten.

"In Eritrea wird dir alles genommen"

Für die Flucht ihrer Landsleute aus aller existenziellen Bedrohung kassieren eritreische Regierungsbeamte stattliche Summen. Und wer aus dem Ausland auf Heimatbesuch kommen möchte, muss vorsorglich jeden Monat zwei Prozent des Einkommens abführen, sagt Mebrahtu."In Eritrea wird dir alles genommen. Auch das Leben, nicht nur die Freiheit. Wir können in unserem Land nicht leben. Selbst wenn wir ruhig sind. Denn auch Ruhe ist in Eritrea nicht erlaubt, weil sie gegen die Regierung gerichtet ist. Wir kämpfen nicht nur für Meinungsfreiheit, wir kämpfen für das Leben."

Die 37-jährige Schriftstellerin ist in ihrer Heimat eine anerkannte Dichterin. Schon früh jonglierte sie mit Wörtern und fand Gefallen daran, Alltäglichem emotionale oder historische Tiefe beziehungsweise Ferne abzugewinnen. Ihre Gedichte konnten in Zeitungen und Anthologien erscheinen.

Sechs Jahre Gefängnis und Folter

Die Selbstzensur im Kopf war immer aktiv, ein offen politisches Gedicht hätte sich Yirgalem Fisseha Mehbratu nie erlaubt. Ihr Fall aber zeigt, dass tatsächliches politisches Engagement in Eritrea unerheblich ist – der Arm der Staatssicherheit ist lang genug, um jeden zu erreichen. Sechs Jahre, von 2009 bis 2015, war die Schriftstellerin im Gefängnis, ohne Anklage, ohne Gerichtsurteil. Und immer wieder Folter ausgesetzt: "Durch das Gefängnis habe ich alles verloren – meine Gesundheit, mein Alter, meine Träume, alles habe ich da verloren. Aber ich habe das Gefängnis verlassen mit Mut, mit Gefühlen und Sinn für Gerechtigkeit."

2018 gelang Yirgalem Fisseha Mebrahtu die Flucht, seit Anfang Dezember lebt sie in München. Sie ist Stipendiatin des Writers-in-Exile-Programms des PEN und schreibt an einem Buch, das all jenen eine Stimme verleiht, die keine mehr haben. Die Gefängnisse in Eritrea, sagt Yigalem Fisseha Mebrahtu, sind voll mit Journalisten, Schriftstellern und Dichtern. Ihr Poem "Ich lebe noch" ist auch inzwischen eine Kampfansage.

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