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Bildrechte: ChristianPOGOZach/Gärtnerplatztheater

Träume sind Schäume, und in diesem Fall sind sie grellbunt und hip wie die Flower-Power-Zeit. Eduard Künnekes Erfolgsoperette gelingt am Gärtnerplatztheater als Satire auf die idealistischen Sixties. Und der Käse-Igel darf nicht fehlen.

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Wir glauben an Polyester: "Vetter aus Dingsda" in München

Träume sind Schäume, und in diesem Fall sind sie grellbunt und hip wie die Flower-Power-Zeit. Eduard Künnekes Erfolgsoperette gelingt am Gärtnerplatztheater als Satire auf die idealistischen Sixties. Und der Käse-Igel darf nicht fehlen.

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Von
  • Peter Jungblut

Jetzt mal ehrlich: Wollen wir überhaupt, dass unsere Träume wahr werden? Dann müssten wir ja aufhören, zu träumen! Und wie anstrengend das sein kann, ständig das Leben mit den Träumen zu vergleichen, das zeigt die Operette mit dem leider albernen Titel "Der Vetter aus Dingsda". Eduard Künneke landete damit 1921 im Theater am Nollendorfplatz in Berlin einen Riesen-Erfolg, und damals hatten Träume noch ziemlich viel mit Geld zu tun, mit Fressen und Saufen, kurz und gut: Mit Fettlebe.

Holland machte satt

Deshalb spielt das Stück auch nicht in Berlin oder München, sondern in Holland, einem der wenigen Länder Europas, das damals, nach dem Ersten Weltkrieg seine Einwohner einigermaßen satt machte. Aber diese Träume sind inzwischen weit weg, und deshalb suchte der junge österreichische Regisseur Lukas Wachernig nach etwas aktuelleren Visionen von der großen Sause, von Dolce Vita und Halligalli. Er verlegte die Operette am Münchner Gärtnerplatztheater in die späten sechziger Jahre, also in die Flower-Power-Zeit, und die Ausstatter Judith Leikauf und Karl Fehringer haben da wirklich an nichts gespart.

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Erwin Windegger als Kuhbrot (links) mit Frau Wilhelmine (Dagmar Hellberg)

Der Pool lädt zum Planschen ein, am Grill rotiert ein Spanferkel, der Käse-Igel streckt die Salzletten von sich und die Turmfrisuren streben himmelwärts. Dazwischen freilich werfen Gartenzwerge ihren Schatten und jede Menge künftiger Plastikmüll wird herumgetragen: Aufblasbare Palmeninseln, mit Polyethylen-Kabeln bespannte Acapulco-Gartenstühle und die giftig eingefärbten Schläuche der Wasserpfeife, die zeitweise für einen ziemlichen Orientierungsverlust sorgt. Es war halt die Zeit, als gebildete Menschen noch an Polyester glaubten.

Mit Hüftschwung und Rüschenhemd

Es macht Spaß, diesem wilden Treiben über zweieinhalb Stunden zuzuschauen, weil es die Mitwirkenden mit dem Klamauk nie übertreiben: Sie bleiben Träumer, etwas verrückt zwar, aber nicht absurd. Tenor Maximilian Mayer als mittelloser Fremder, der versucht, sich mit Hüftschwung und Rüschenhemd einen Platz in dieser kunterbunten Luxus-Welt zu sichern, hat unglaublich viel zu tun, schauspielerisch wie stimmlich, und er meistert das im lässigen John-Lennon-Look jederzeit wunderbar. Er ist verführerisch, sexy, nassforsch, maskulin und scheinbar unermüdlich. Seine Partnerin Judith Spießer als Julia de Weert, die sieben Jahre lang von dem titelgebenden "Vetter aus Dingsda" träumt, ist fast etwas zu bodenständig und selbstbewusst, um ihr abzunehmen, dass sie so lange einem Phantom hinterher fiebert. Sie scheint doch eher Instagram als Kommunikationsmittel zu nutzen als den Mond, den sie sehnsüchtig besingt.

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Träume von Batavia

Erwin Windegger und Dagmar Hellberg geben herrlich tollpatschig und resolut die schwer übergewichtigen Vormundschafts-Profiteure Tante und Onkel Kuhbrot, die zwischen Imbiss und Verdauungsspaziergang hin und her pendeln. Und wenn die Dienstboten Karl und Hans aussehen wie die Pilzköpfe, also die Beatles, dann darf auch getrost "Lucy in the Sky with Diamonds" ein paar Mal durch die Kulisse schweben. Lauter Träume also, und auch Hannchen, quirlig gespielt von Julia Sturzlbaum bekommt ihren Millionär Roderich, der mit seinem Sportwagen vorfährt (Stefan Bischoff).

Bizarrer Aufmarsch der LSD-Erscheinungen

Somit könnte die Party also beginnen und niemals enden, und das Publikum applaudierte entsprechend begeistert. Höhepunkt war natürlich ein psychedelischer Aufmarsch in Neonfarben, ein bizarrer Reigen der LSD-Erscheinungen vom gepunkteten Reptil bis zum hoppelnden Känguru. Es hatte seine ironische Würze, den Glauben an Ideale dermaßen grell in Frage zu stellen, ja lächerlich zu machen, und dabei ausgerechnet die Zeit zu zitieren, in der die Ideale so hochgehalten wurden, nämlich die 68er-Ära.

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Verführung in Grün

Dirigent Andreas Kowalewitz hatte aus Pandemiegründen eine reduzierte Orchesterfassung erarbeitet, die jedoch über eine Band deutlich hinaus ging und nichts vermissen ließ. Das fiel auch deshalb gar nicht weiter auf, weil Eduard Künneke schon bei der Uraufführung auf reduzierte Mittel setzen musste. Und wer braucht für Tango, Walzer und Foxtrott schon ein großes Symphonie-Orchester? Ein in jeder Hinsicht überzeugender Start des Gärtnerplatztheaters in die nur noch kurze Rest-Saison – aber der "Vetter aus Dingsda" wird natürlich in der nächsten Spielzeit noch häufiger zu sehen sein!

Wieder am 6., 26. und 27. Juni am Gärtnerplatztheater München.

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