BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

"Wir gehen unter": Schauspieler fordern passgenauere Soforthilfe | BR24

© BR

Viele Künstlerinnen und Künstler seien keine "Solo-Selbstständigen", deshalb erhielten viele bisher auch keine Unterstützung, so der Branchenverband BFFS. Bayern sei eine Ausnahme. Rund 10.000 Betroffene könnten nicht einmal Hartz IV beantragen.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

"Wir gehen unter": Schauspieler fordern passgenauere Soforthilfe

Viele Künstlerinnen und Künstler seien keine "Solo-Selbstständigen", deshalb erhielten viele bisher auch keine Unterstützung, so der Branchenverband BFFS. Bayern sei eine Ausnahme. Rund 10.000 Betroffene könnten nicht einmal Hartz IV beantragen.

Per Mail sharen
Von
  • Peter Jungblut

Es gibt ja Leute, die meiden das Ruhrgebiet wegen der vielen Autobahnen, so der gebürtige Essener und Schauspieler Heinrich Schafmeister, und etwa so unübersichtlich sei auch die Diskussion über die umstrittenen Soforthilfen für die Kulturbranche. Kaum noch einer kennt sich aus, zwischen Solo-Selbstständigen, unständig Beschäftigten, Kurzarbeitern, projektbezogen Angestellten und Saisonkräften. Das Durcheinander ist riesengroß, und der Bundesverband Schauspiel (BFFS) hat den Eindruck, dass jedenfalls die meisten Politiker auch nicht so genau wissen, für wen sie eigentlich bisher die verschiedenen Hilfspakete geschnürt haben. Für Tausende von kurzfristig beschäftigten Schauspielern habe es außerhalb Bayerns jedenfalls seit zehn Monaten keinerlei Unterstützung gegeben, so Schafmeister. Der Freistaat sei in diesem Fall mit seinen Angeboten die rühmliche Ausnahme.

Bundesregierung will Soforthilfe ausweiten

Noch während die Pressekonferenz des BFFS lief, kam aus Berlin die Meldung, wonach die Bundesregierung bei den derzeit geltenden Soforthilfen "noch mal deutlich draufsatteln" will. Erstens soll es mehr Geld geben, nämlich künftig maximal 7.500 statt bisher 5.000 Euro Betriebskostenpauschale, zweitens sollen nicht nur die immer wieder genannten "Solo-Selbstständigen" Anträge stellen können, sondern auch alle, die eben gerade nicht "selbstständig" arbeiten, sondern immer wieder kurzfristig angestellt werden, zum Beispiel als Gäste an deutschen Bühnen.

"So unterstützt die Bundesregierung wirksam die vom Lockdown in ihrem Lebensnerv getroffenen Kreativen und hilft, die Kultur zu retten", sagte Bundeskulturstaatsministerin Monika Grütters.

© Geissler-Fotopress/Picture Alliance

Heinrich Schafmeister

"Man merkt die Hilflosigkeit der Politiker", kommentierte der fernsehbekannte Heinrich Schafmeister ("Heiter bis tödlich", "Wilsberg") die jüngsten Beschlüsse: "Sie wollen den Schauspielern wohl helfen, aber bei den jetzt ins Auge gefassten 'unständig Beschäftigten' geht es nicht um die Bühnenarbeiter. Die Politiker kennen sich halt schlecht aus. Sie sollten die Zielgruppe zutreffender beschreiben." Man müsse all diejenigen berücksichtigen, die "kein regelmäßiges Einkommen, keinen durchgehenden Erwerbsverlauf haben". Da müsse man genauer hinschauen, so Schafmeister, wer von denen von der Pandemie finanziell betroffen ist. Dazu gehören eben nicht nur die Solo-Selbstständigen, sondern auch die kurzfristig Beschäftigten. Er jedenfalls, so Schafmeister, bleibe sehr skeptisch und sei erst beruhigt, "wenn wirklich Geld geflossen" sei.

Der Schauspieler rechnet mit einem "Sparkurs", wenn die Bühnen wieder öffnen und sagte, sogar manche Staatskanzlei der Länder übe Druck auf die Theater aus, damit die Häuser ihre Gast-Schauspieler und -sänger trotz abgeschlossener Verträge nicht ausbezahlten, also die Ausfallkosten möglichst niedrig hielten.

Es fehlt das "Brennglas der Künste"

"Wir gehen unter, solange unsere Belange nicht wahrgenommen werden", sagte die BFFS-Vorsitzende Leslie Malton. Sie sprach von einer "existenzbedrohenden Lage": "Es herrscht wirklich eine sehr, sehr große Not." Solange die Darsteller vor allem auf der Bühne nicht arbeiten könnten, fehle der Gesellschaft das "Brennglas der Künste".

In Deutschland gibt es nach Angaben des BFFS zwischen 15.000 und 20.000 Schauspieler und Sänger. Davon seien etwa 2.000 festangestellt an einem Theater oder in anderen Kultureinrichtungen, weitere drei bis vier tausend lebten ganz überwiegend von Film, Fernsehen und Synchronisation. Noch einmal rund 1.000 seien im Musicalbereich tätig und bekämen teilweise Kurzarbeitergeld. Es gehe letztlich um all die anderen, demnach 10.000 bis 14.000 Personen, die immer wieder als Gäste angeheuert werden und mal hier, mal dort ein paar Wochen arbeiteten. Während derzeit weiter gedreht und synchronisiert werde, blieben die Bühne allesamt geschlossen, was die regelmäßigen Gäste am schwersten treffe.

Hartz IV ist keine Alternative

Hans-Werner Meyer, 2. Vorsitzender des BFFS, erinnerte daran, dass viele Kollegen kein Arbeitslosengeld bekämen, weil sie seit Anfang 2020 nicht mehr gearbeitet und damit auch nicht eingezahlt hätten: "Das hat nur bei der Produzentenallianz von Film und Fernsehen teilweise funktioniert, aber am Theater passiert das eben nicht." Es bleibe die Grundsicherung, also Hartz IV, aber wer dort einen Antrag stellen wolle, dürfe maximal 60.000 Euro Vermögen haben. Das Geld brauchten Schauspieler jedoch dringend für ihre Altersversorgung: "Der Zugang zur Grundsicherung funktioniert für uns also auch nicht." Durch die meist nur kurzfristige Beschäftigung hätten viele eine "sehr, sehr niedrige Rente" und seien daher gezwungen, privat vorzusorgen.

Das Einzige, was funktioniert habe, so Meyer, sei die bayerische Regelung gewesen, wonach auch alle, die nicht Mitglied in der Künstlersozialkasse (KSK) waren, Soforthilfe-Anträge stellen konnten.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang