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Mit seinen Wimmelbüchern begeisterte er Generationen von Kindern: Der Münchner Autor und Illustrator Ali Mitgutsch ist tot. Er starb im Alter von 86 Jahren. Das bestätigte sein Sohn dem Bayerischen Rundfunk.

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Wimmelbuch-Erfinder Ali Mitgutsch gestorben

Mit seinen Wimmelbüchern begeisterte er Generationen von Kindern: Der Münchner Autor und Illustrator Ali Mitgutsch ist tot. Er starb im Alter von 86 Jahren. Ein Nachruf.

Von
Marie SchoeßMarie SchoeßBR24  RedaktionBR24 Redaktion
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Es ist der Blick von ganz oben, oder besser: vom obersten Fahrhäuschen eines Riesenrads, der Ali Mitgutsch bekannt machte. Diese Perspektive lernte er als kleiner Junge kennen, als er das erste Mal das Riesenrad auf der Auer Dult bestieg. Von dort oben, das erzählte Mitgutsch immer wieder, sah er so vieles, was ihm vorher verborgen war. Von dort hatte er die Aussicht auf das gesamte Jahrmarkt-Geschehen, auf die versteckten, aber äußerst spannenden Ecken des Rummelplatzes.

Den kindlichen Blick nie verloren

Sein Wimmel-Bilderbuch "Rundherum in meiner Stadt" zeigt diesen Blick, diese Übersicht, mit der er bald nicht mehr als begeistertes Kind, sondern als erwachsener Illustrator alle Geschichten eines Ortes einfangen konnte. Dabei war Mitgutsch nie ein Mann, der auf die Welt und seine Mitmenschen herabschaute. Im Gegenteil: Freundschaftlich, nachsichtig, so wirkte sein Blick. Im persönlichen Gespräch, aber auch in den vielen Bildern, die er zu Papier brachte. Da zeichnete niemand, der es besser wusste als sein Publikum. Wer da zeichnete, schien die Welt, den Alltag auf dem Rummelplatz, im Schwimmbad oder die Abenteuer auf einem Piratenschiff, genauso aufregend und liebenswert zu finden wie die kleinen Betrachter seiner Bilder. Mitgutsch malte für Kinder – und gewissermaßen malte er weiter als Kind. Als einer, der nie aufhörte, Geheimnissvolles, Wunderbares zu entdecken.

Wenn man die berühmten Wimmelbücher von Mitgutsch anschaut, dann möchte man glauben, dass seine Kindheit eine wundervolle Welt war, in der es nur Schönes zu entdecken gab. Das Gegenteil davon ist der Fall. Mitgutsch wurde 1935 in München geboren und als kleiner Junge ins Allgäu evakuiert, als Bomben auf die Stadt fielen. Und als er dann endlich zurückkam, lag seine Heimatstadt in Trümmern. Es war eine Kindheit voller Sorgen und Entbehrungen.

Aufregendes Leben im Nachkriegs-München

Aber Ali Mitgutsch hat nie nur von dieser einen Seite seiner Kindheit erzählt. Viel lieber berichtete er davon, dass seine Mutter eine wunderbare Geschichten-Erzählerin war, und dass sein Vater das Haus mit seinem Gesang erfüllte. Davon, dass das Nachkriegs-München ein besonders aufregender Ort für Kinder war.

"Ich hatte nie so ein beschränktes Leben. Ich habe ja doch von klein an gelesen und hab Unmengen gelesen. Und hab auf die Art Unmengen Neues gehört, in mich hinein gezogen." Ali Mitgutsch

In Neues, Unentdecktes hineingezogen hat Mitgutsch seitdem ganze Generationen von Kindern. Mitgutschs Wimmelbücher erzählen ohne Worte und farbenfroh seit Jahrzehnten wunderbare Alltags-Geschichten - aus dem Schwimmbad, vom Bauernhof, aus den Bergen oder aus der Stadt. Seine Karriere begann er als Grafiker. 1968 erschien sein erstes Wimmelbuch "Rundherum in meiner Stadt" im Ravensburger Verlag. 1969 erhielt er dafür den Deutschen Jugendbuchpreis. Seitdem sind mehr als 70 Bücher, Poster und Puzzles mit seinen Figuren und Zeichnungen erschienen. Dass das Malen und Zeichnen zu seiner Sprache werden würden, das lag zuerst nur daran, dass ihm das Schreiben nicht so recht gelingen wollte, wie er selbst einmal in einem Interview erzählte:

"Und zwar war ich ganz hochgradiger Legastheniker, was mir also täglich die größten Frustrationen einbrachte. Der Lehrer, der Deutschlehrer, der kam da immer rein, mit so federndem Schritt. Und ging zwei Stufen hinauf zum Katheter vor und hielt so wie ein abscheuliches Reptil, hielt er eines dieser Blätter hoch und das war ein rotes Schlachtfeld. Und dann hat er gesagt: und, wer hat das wohl wieder gemacht? Und dann grölte die ganze Klasse: der Mitgutsch!"

Natürlich ahnt man bei dieser Geschichte, dass der Schüler Alfons, so hieß Ali Mitgutsch eigentlich, dass der noch nicht so herzlich lachen konnte – über sich und seine Fehler. Und genauso ahnt man, dass die Kriegsjahre nicht nur eine Zeit waren, in der er als junger Abenteurer durch die Stadt München spazieren und kleine Kostbarkeiten zum Tauschen finden konnte. Aber: Mitgutsch scherte sich nicht um bohrende Nachfragen, ob sein Leben nicht doch anders – und das hieß meist trauriger, grauer, sorgenvoller – gewesen sei als in seinen Erinnerungen.

Wimmelbücher als eigenes Genre

Er scherte sich auch nicht darum, dass Kritikern seine Wimmelbilder-Bücher oft allzu froh daherkamen, dass vielen seine gezeichneten Welten allzu heil erschienen. Mitgutsch schien solche Vorwürfe freundlich weglächeln zu können. Ganz so als wollte er sagen: Es mag schon sein, dass diese Welt düster ist. Aber sie ist so voll von Geschichten, ich werde sicher auch noch etwas anderes in ihr finden.

Mit den Wimmelbüchern hat Migutsch ein neues Genre geschaffen. Allein in Deutschland gingen über fünf Millionen Exemplare der ohne Worte auskommenden Kinderbücher über die Ladentische, international kamen mehr als drei Millionen verkaufte Exemplare dazu. In Interviews zu seinem 80. Geburtstag sagte Ali Mitgutsch: "Jedes einzelne Wimmelbild ist ein Teil von mir. Meine Wimmelbücher sind gemacht, um die Kinder in die Gärten der Fantasie zu führen, dass sie selbst weitermachen."

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Mit seinen Wimmelbüchern begeisterte er Generationen von Kindern: Der Münchner Autor und Illustrator Ali Mitgutsch ist tot. Er starb im Alter von 86 Jahren. Ein Nachruf.

Später schuf Mitgutsch "Traumkästen"

Ab 2007 konzentrierte sich Mitgutsch auf das Schaffen seiner "Traumkästen", kleine gerahmte Bühnen. Seit 2017 war er im Ruhestand und zog sich aus dem öffentlichen Leben zurück.

Ali Mitgutsch starb am Montagabend im Alter von 86 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung, wie sein Sohn dem Bayerischen Rundfunk mitteilte.

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Zwei Seiten aus dem Buch "Mein schönstes Wimmel-Bilderbuch"

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Portrait des Grafikers und Künstlers Ali Mitgutsch in seinem Münchner Atelier im Juni 2010

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Portrait des Grafikers und Künstlers Ali Mitgutsch in seinem Münchner Atelier im Juni 2010

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Entwurf für ein Wimmelbuch "Piratenüberfall"

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