Bei einer Besprechung in seiner Residenz Nowo-Ogarjowo
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Wladimir Putin

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    "Will nicht Chruschtschow sein": Plant Putin eine Eskalation?

    "Will nicht Chruschtschow sein": Plant Putin eine Eskalation?

    Der russische Präsident neigt dazu, seinen Einsatz zu erhöhen, statt nachzugeben, so die Beobachtung von Experten. Obendrein glaube er nicht an die Entschlossenheit der Nato. Insider wollen wissen: Putin setzt auf eine Ausweitung der "Operation".

    "Nein, ich kann mir nicht vorstellen, Chruschtschow zu sein, auf gar keinen Fall", sagte Wladimir Putin am 27. Oktober bei einem viel beachteten Auftritt auf einem Diskussionsforum unter dem Gelächter der Anwesenden. Der Präsident war gefragt worden, ob er sich zum 60. Jahrestag der Kuba-Krise in den damaligen sowjetischen Parteichef hineinfühlen könne. Nikita Chruschtschow (1894 - 1971) hatte im Streit mit den Vereinigten Staaten um die Stationierung von Atomwaffen auf Kuba nach einigen Tagen äußerster Spannungen eingelenkt.

    Das sei von Putin nicht zu erwarten, meint Experte Timothy Naftali von der New York University in einem aktuellen Beitrag für das Fachblatt "Foreign Affairs": "Im Gegensatz zu Chruschtschow hat Putin den Einsatz bei der Konfrontation erhöht, als sich sein erster Schachzug als Fehlschlag erwiesen hatte. Es wird ihm schwerer fallen, nachzugeben – und sein Gesicht zu wahren. Er scheint auch keinen Ausweg anzustreben, zumindest vorerst nicht."

    "Nicht von der Entschlossenheit des Westens überzeugt"

    Das sollten die USA immer im Auge behalten, fordert Naftali. Allerdings habe sich Putin wohl verkalkuliert, was das Ergebnis der Kongresswahlen betrifft, wo sich gegen alle Erwartungen die Demokraten behauptet haben, und auch der Rückzug aus Cherson sei dem russischen Volk "schwer zu verkaufen". An seinen Zielen habe sich dadurch jedoch nichts geändert: "Anders als Chruschtschow auf dem Höhepunkt der Raketenkrise scheint Putin noch nicht von der Entschlossenheit der USA und Europas überzeugt zu sein."

    Im Übrigen werde die Kuba-Krise in West und Ost völlig unterschiedlich wahrgenommen, so Naftali, der darüber zwei Bücher verfasst hat ("One Hell of a Gamble: Chrushchev, Castro, and Kennedy, 1958–1964" und "Chrushchev's Cold War: The Inside Story of an American Adversary"). Im Westen werde die damalige Bereitschaft zum Kompromiss und zur Verständigung gelobt, in Russland sei Chruschtschows Rückzug als "Demütigung" verstanden worden. Zwei Jahre nach den Ereignissen war Chruschtschow entmachtet worden, nachdem es ihm nicht gelungen war, sein Einlenken als "Sieg" zu vermitteln.

    "Die Zeiten ändern sich"

    Die Einschätzung von Timothy Naftali deckt sich mit der aktuellen Meldung eines gewöhnlich gut unterrichteten Bloggers, der regelmäßig unbelegte Insider-Informationen aus dem Kreml verbreitet. Demnach forderte Putin bei einer Videokonferenz, es sei an der Zeit, die "Nato zu erschüttern", also zu eskalieren, weil es in der Ukraine militärisch nicht vorangehe. Was Putin mit der unbestätigten Bemerkung gemeint haben soll, blieb offen. Angedeutet wurde, dass der russische Präsident versuchen könnte, Länder wie die Türkei und Ungarn als "Eisbrecher" innerhalb der Nato zu nutzen und gleichzeitig scharfe Gegner wie Polen und das Baltikum mit Hilfe von Geheimdienst-Aktionen möglichst weitgehend zu isolieren.

    Außerdem komme es Putin darauf an, die Waffenlieferungen aus dem Westen zu bremsen. "Ohne das können wir nicht überleben", soll er seinem engsten Kreis gesagt haben. Auf den Einwand von Nikolai Patruschew, dem Chef des Sicherheitsrats, Putin sorge mit seiner Geheimniskrämerei für eine gewisse Unsicherheit, die es bis jetzt nicht gegeben habe, soll der Präsident geantwortet haben: "Die Zeiten ändern sich." In jedem Fall sei der Kreml bereit, den Einsatz weiter zu erhöhen.

    "Innerer Atomreaktor"

    Das im Ausland erscheinende Portal "Meduza" verwies ebenfalls darauf, dass Putin ungeachtet aller militärischen Fehlschläge nach wie vor überzeugt sei, den Westen in seine Schranken weisen zu können. Dabei beziehe sich der russische Präsident erklärtermaßen auf das Denken des Historikers Lew Gumiljow (1912 - 1992), der als Begründer der "Theorie der Leidenschaft" gilt. "Wer sich durchsetzen wird und wer ein Außenseiter bleiben und unweigerlich seine Unabhängigkeit verlieren wird, wird nicht nur vom wirtschaftlichen Potenzial abhängen, sondern vor allem vom Willen jeder Nation, von ihrer inneren Energie. Wie Lew Gumiljow sagte: Die Leidenschaft, die Fähigkeit, voranzukommen und sich zu verändern sind entscheidend", so Putin bereits im Jahr 2017.

    Kritiker bezeichnen Gumiljow als großrussischen Propagandisten für Halbgebildete, die einfache Wahrheiten schätzen. Das hält Putin offenkundig nicht davon ab, sich auf die Ansichten des einst populären Historikers zu beziehen. Es liegt nahe, dass der russische Präsident in erster Linie die Auffassung teilt, wonach Willensstärke ein Hauptkriterium für politischen Erfolg ist. Angewandt auf den Ukraine-Krieg würde das bedeuten, dass es für Putin tatsächlich darauf ankommt, länger durchzuhalten als der Westen. Er sprach im Zusammenhang mit Gumiljows Thesen auch schon mal von einem "inneren Atomreaktor", der die russische Seele ausmache und mit Energie versorge.

    "Von Abkommen sollte keine Rede sein"

    Am 9. November hatte Putin die neuen "Grundlagen der Staatspolitik zur Erhaltung und Stärkung der traditionellen russischen spirituellen und moralischen Werte" unterzeichnet, wozu ausdrücklich auch der "Vorrang des Geistigen vor dem Materiellen" gehört. Anders formuliert: Die Ideologie soll sich den Fakten nicht unterordnen, was ein Kennzeichen von Fanatismus, allerdings auch von Durchhaltevermögen ist.

    Die russischen Militärblogger und Nationalisten muss Putin von seiner Eskalations- und Radikalisierungs-Strategie nicht groß überzeugen. "Jetzt mal ernsthaft, von Abkommen mit der NATO sollte keine Rede sein", heißt es etwa bei einem Telegram-Autor mit rund 300.000 Abonnenten: "Der russische Präsident muss seinen Beratern ordentlich einheizen, die ihm dauernd einflüstern, zu verhandeln. Russland hat alle Chancen, diesen Kampf zu gewinnen, und zwar auf dem Schlachtfeld. Es gibt keine andere Möglichkeit, um zu gewinnen."

    "Antibiotikum gegen Keime des Zweifels"

    Mit direktem Bezug auf Gumiljow heißt es in einem Blog, es sei "unmöglich, rational zu erklären", welche Ziele Russland in der Ukraine verfolge. Der Expansions- und Abenteuerdrang liege den Russen nun mal seit den Wikinger-Zeiten im Blut: "Ich dachte immer, Russlands Problem sei, dass die Russen nur noch wenig Leidenschaft haben. Wenn all die Nörgler russische Leidenschaft haben, dann entscheide ich mich lieber für gewöhnliche Männer, die an den russischen Soldaten glauben und daran, dass Gott uns nicht verlässt. Anders ausgedrückt, mit den Leidenschaftlichen hatte Russland kein Glück."

    Ein anderer Blogger legt gesteigerten Wert darauf, dass Russland nicht etwa aus Schwäche zu Verhandlungen bereit sei, sondern "aus gutem Willen" und um "Blutvergießen zu verhindern": "Wenn die Vertreter der ukrainischen Regierung ernsthaft glauben, dass sie Russland besiegen können, dann verfügt unser Land über ein ausreichendes Arsenal an Mitteln, um sie zu enttäuschen." Der prominente Telegram-Publizist Andrej Medwedew schrieb, gegen "Keime des Zweifels" habe das russische Volk ein "Antibiotikum", nämlich die Siegesgewissheit. Und unfreiwillig komisch textete ein weiterer Patriot, es sei doch völlig falsch, von "Niederlagen" zu sprechen, denn Russland habe doch ständig gewonnen - "an Erfahrung".

    Putin will "gewarnt" werden

    Zu den anhaltenden Beteuerungen aus dem Kreml, dort seien alle Beteiligten jederzeit zu Verhandlungen bereit, passen solche Äußerungen zweifellos nicht. Womöglich geht es Putin aber auch nur darum, nach außen Stärke zu demonstrieren, um hinter den Kulissen umso flexibler sein zu können. Im Allgemeinen habe er nichts dagegen, wenn das, was er in vertraulichen Runden sage, auch in den Medien erscheine, so Putin in dem eingangs erwähnten Diskussionsforum. Allerdings wolle er von den jeweils Anwesenden "gewarnt" werden, wenn eine Veröffentlichung geplant sei. Das war auf ein Gespräch mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron gemünzt, aus dem Indiskretionen bekannt geworden waren. Ab jetzt gehe er davon aus, dass immer jemand mithöre, so Putin zu dem Vorfall.

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