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Nawal El Saadawi

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    "Wild und gefährlich": Feministin Nawal El Saadawi gestorben

    Sie nahm sich heraus, die "Wahrheit" zu schreiben, was ihr zahlreiche Morddrohungen und eine Gefängnisstrafe einbrachte. Die Ägypterin kämpfte ihr Leben lang gegen Beschneidung und für Gleichberechtigung. Jetzt ist sie mit 89 Jahren gestorben.

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    Von
    • Peter Jungblut

    "Reich bin ich nicht geworden", sagte die erfolgreiche Autorin noch mit 83 Jahren dem britischen "Guardian" in einem großen Interview: "Die Verleger haben mir immer reichlich genommen. Aber was soll's, ich bin gleichwohl privilegiert, auch wenn ich arm bin. Ich gehöre zu den obersten fünf Prozent. Ich habe eine Wohnung mit Klimaanlage. Manche Leute in Ägypten hausen in Gruften, und das sind noch die Glücklichen. Andere haben nicht mal eine Gruft." So bilanzierte Nawal El Saawadi also die materielle Seite ihres Lebens, mit einer Mischung aus sarkastischem Humor und Gleichmut. Im 26. Stock eines öden Hochhauses etwa eine halbe Auto-Stunde vom Tahrir-Platz entfernt, gab sie sich bescheiden, aber nicht schicksalsergeben.

    Obwohl sie klare Visionen hatte von einer besseren, gerechteren Zukunft, blieb Saadawi immer realistisch - buchstäblich bis zur Schmerzgrenze. Das galt auch für ihr Herzensanliegen, den Kampf gegen Beschneidung. Rund neunzig Prozent aller Mädchen mussten in Ägypten diese Tortur erdulden, 2008 wurde das Ritual offiziell verboten. Gefragt, was sich dadurch geändert habe, antwortete die Aktivistin, die fünfzig Jahre dagegen angeschrieben hatte: nichts. Es gebe weiterhin genauso viele Beschneidungen wie vorher, das Gesetz sei nur verabschiedet worden, um den Westen zu "besänftigen". Und trotzdem habe sich etwas bewegt, es sei inzwischen möglich, offen dagegen aufzutreten, und mancher Geistliche predige bereits, die Beschneidung widerspreche dem Islam. Sehr kleine Schritte - doch tiefsitzende Traditionen seien nun mal nicht schneller aufzuheben.

    Umstrittene Ansichten über westliche Frauen

    Geboren im Oktober 1931, wuchs El Saadawi auf dem Land auf. Zu den frühesten Kindheitserlebnissen gehörte eine Anekdote, wonach ihre Großmutter mal gesagt haben soll, ein Junge wiege fünfzehn Mädchen auf: Da habe sie vor Wut auf den Boden gestampft. Ihre Eltern ermöglichten ihr eine akademische Ausbildung, weil sie in der Schule Spitzennoten hatte. Sie wurde Ärztin und durfte erst in Kairo, von 1955 bis 1956 an der Columbia Universität in New York studieren.

    Zunächst verlief ihre Karriere reibungslos, sie stieg im ägyptischen Gesundheitsministerium auf und gab dort eine Zeitschrift heraus. Doch als sie 1971 einen Aufsatz über "Frau und Sexualität" veröffentlichte, wurde das Blatt verboten und El Saadawi gefeuert. Fortan musste sie im Libanon veröffentlichen. Unverdrossen setzte sie sich für Frauenrechte ein, auch in der UNO, machte sich in ihrem Heimatland jedoch als Dissidentin politisch unbeliebt. 1981 wurde sie sogar drei Monate inhaftiert. Im Jahr darauf gründete sie die Arab Women Solidarity Association (AWSA), die 1991 aufgelöst wurde.

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    Bildrechte: Naamani/Picture Alliance

    Mit Humor und Unerschrockenheit gegen Unterdrückung

    Zum Bestseller wurde ihr Buch "Das verborgene Gesicht von Eva" (The Hidden Face Of Eve, 1977), in dem sie rücksichtslos offen über "Ehrenmorde", Prostitution und häusliche Gewalt schrieb. Ihre Ansichten waren durchaus umstritten, nicht nur, weil sie an westlichen Frauen Makeup und "aufreizende" Kleidung kritisierte. So behauptete sie, ägyptische Männer seien gar nicht so "machohaft", wie im Westen vermutet, da sie ja vom Kolonialismus überwunden bzw. "gebrochen" worden seien.

    Und die Freiheitsvorstellungen in den USA oder Großbritannien stellte sie auch in Frage: "Niemand kritisiert eine halbnackte Frau. Auch das ist die sogenannte Freiheit. Das Problem ist unser Freiheitskonzept. Von Männern wird weder erwartet, dass sie halbnackt sind, noch verschleiert. Warum? Befreit euch selbst, bevor ihr mich befreit! Das ist das Problem. Ich musste mit vielen amerikanischen Feministinnen streiten, Gloria Steinem, Robin Morgan, weil ich feststellte, dass viele von ihnen von ihren Ehemännern unterdrückt wurden - und dann kamen sie hierher, um mich zu befreien!"

    "Die Jungen stehen hinter mir"

    Weil sie ständig Morddrohungen erhielt, emigrierte die drei Mal geschiedene Autorin 1992 in die USA und kehrte erst 1997 nach Ägypten zurück, wo sie fortan mit konservativen Geistlichen Probleme hatte: Einige wollten sie von ihrem Mann "zwangsscheiden". 2004 wollte sie an den Präsidentschaftswahlen teilnehmen, war aber schnell realistisch genug, diesen Plan aufzugeben. In den folgenden Jahren blieb sie im Fadenkreuz der Generalstaatsanwaltschaft, vor allem aber der radikalen Islamisten.

    Nachdem sie eine Wohnung im Stadtviertel der koptischen Christen gefunden hatte, fühlte sich Saadawi erstmals einigermaßen sicher, zumal sie das Gefühl hatte, von der jungen Generation ihres Landes geschützt zu werden: "Ich bin Tag und Nacht von ihnen umgeben. Tausenden! Die Regierung fürchtet die Jungen, und sie werden mir nichts tun, weil sie wissen, dass die jungen Leute hinter mir stehen." Mit der Diktatur von General Sisi haderte die Feministin und überzeugte Marxistin keineswegs, sie verwies darauf, dass der Militär immerhin die radikale Muslimbruderschaft beseitigt habe, was nicht einmal Mubarak geschafft habe.

    "Ich spreche die Wahrheit", sagte Saadawi einmal: "Und die Wahrheit ist wild und gefährlich." Dazu gehören auch wenig schmeichelhafte Urteile über ihre drei Ex-Ehemänner. Der erste soll gewalttätig gewesen sein, der zweite ein patriarchalischer Langweiler, der dritte, mit dem sie 43 Jahre zusammen war, sei ein Lügner gewesen und fremd gegangen: "Sie können sicher sein, für die Rolle der Ehefrau bin ich nicht geschaffen."

    Nawal El Saadawi wurde vielfach ausgezeichnet und vom amerikanischen Magazin "TIME" im vergangenen Jahr zu den 100 einflussreichsten Frauen der Welt gezählt. Sie starb, wie ägyptische Medien übereinstimmend berichteten, am 21. März 2021 im Alter von 89 Jahren.

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