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So könnte Wikipedia sein Problem mit Frauen angehen | BR24

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Als die Kanadierin Donna Strickland den Nobelpreis für Physik bekam, existierte sie in dem Online-Lexikon nicht. Symptomatisch für das Problem, das Wikipedia mit Frauen hat. Christel Steigenberger von WikiMuc sagt, was frau dagegen unternehmen kann.

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So könnte Wikipedia sein Problem mit Frauen angehen

Als die Kanadierin Donna Strickland den Nobelpreis für Physik bekam, existierte sie in dem Online-Lexikon nicht. Symptomatisch für das Problem, das Wikipedia mit Frauen hat. Christel Steigenberger von WikiMuc sagt, was frau dagegen unternehmen kann.

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Wikipedia hat ein Frauenproblem. Das ist schon seit längerem bekannt. Jetzt hat eine neue Auswertung des Online-Lexikons wieder bestätigt, wie selten Frauen dort vertreten sind, und zwar sowohl als Autorinnen als auch als Protagonistinnen von Artikeln. Joana Ortmann hat mit Christel Steigenberger von Wikipedia München über Ursachen und Lösungsmöglichkeiten dieses Problems gesprochen.

Joana Ortmann: Es gibt wenige Autorinnen und wenige Protagonistinnen auf Wikipedia. Wie ist das, bedingen sich die beiden Aspekte?

Christel Steigenberger: Es gibt natürlich einen Zusammenhang, aber das ist nicht der einzige Faktor. Natürlich ist es so, dass Frauen eher den Blick dafür haben: Wo gibt es berühmte Frauen? Gerade Frauen, die engagiert sind, die politisch oder im Kulturbereich tätig sind, kennen andere Frauen, die dort ebenfalls aktiv sind. Oder sie haben Vorbilder und stellen fest: Da fehlt noch ein Artikel. Während sich Männer dessen oft nicht so bewusst sind, dass da etwas fehlt. Andererseits ist es aber auch so, dass Frauen generell nicht angemessen repräsentiert sind – aus unterschiedlichen Gründen: In der Kunst, der Literatur, der Politik. Auch wenn wir jetzt im Moment eine Kanzlerin haben, gibt es in den Ämtern nach wie vor einen deutlichen Männerüberschuss. Das hat zur Folge, dass bei Wikipedia auch weniger Frauen die sogenannte "Relevanz-Hürde“ überschreiten.

Es gab einen besonders peinlichen Fall letzten Herbst: Als Donna Strickland den Nobelpreis für Physik bekommen hat, stellte man fest: Es gibt keinen Eintrag bei Wikipedia, weil ein Moderator gesagt hatte, das sei unerheblich.

Hintergrund war hier, dass der Artikel, der angelegt wurde, ihre Verdienste überhaupt nicht angemessen dargestellt hat. Aber das ist ja auch wieder ein typisches Frauen-Phänomen. Dass sie selbst, wenn sie hervorragende Arbeit leisten und eine bestimmte Berühmtheit erlangt haben, von den Medien nicht so intensiv wahrgenommen werden. Also gibt es einerseits nicht so viele Zeitungsberichte, aus denen man als Wikipedia-Autor zitieren kann. Andererseits tun die Frauen aber auch selbst nicht so viel, um sich entsprechend bekannt zu machen. Und in dieser Mischung gehen dann oft die wirklich wichtigen Fakten dazu, was jemand schon geleistet hat, verloren.

Was könnte man denn nun konkret tun, damit Frauen tatsächlich öfter in Wikipedia vorkommen?

Zum Teil passiert da schon viel. Es gab in München die Initiative "art und feminism". Wir haben uns auch als Gruppe der Münchner Wikipedianer vorgenommen, gezielt Frauen anzusprechen und über Frauen zu schreiben. Aber wir sind ja lauter Freiwillige. Das ist vielleicht auch einer der Faktoren, warum weniger Frauen bei Wikipedia vertreten sind: Frauen haben, das weiß man aus anderen Untersuchungen, insgesamt weniger Freizeit. Sie sind oft bereits freiwillig engagiert. Deshalb fällt Wikipedia manchmal hinten runter.

Was fehlt Frauen darüber hinaus, damit sie sich, wie Männer, dann eben in ihrer Freizeit reinhängen und doch noch zwei Artikel schreiben?

Das ist wohl auch historisch begründet. Wikipedia war ja ein Nerd-Projekt, und Nerds sind nun mal fast per Definition Männer. Noch! Auch das ändert sich gerade. Aber dadurch haben wir auch bei Wikipedia eine gewisse Kultur, die eher männlich geprägt ist, fortgeschrieben. Und das ermutigt Neulinge oft nicht dazu, dran zu bleiben, insbesondere wenn sie sich eine andere Kultur wünschen. Und Frauen wünschen sich nun mal öfter diese andere Kultur als Männer.

Sie sprechen jetzt davon, was sich hinter den Kulissen von Wikipedia unter den Autoren und Autorinnen abspielt. Da findet doch bestimmt viel Diskussion über die Artikel und Inhalte statt, oder?

Klar, das meiste davon kann man nachlesen. Das ist alles einzusehen auf den Diskussionsseiten der Artikel und der Autoren. Wikipedia ist ja ein kooperatives Projekt. Es gibt übrigens auch eine Initiative, die international dazu aufruft, Biografien über Frauen zu schreiben und die bestehenden Artikel zu verbessern. Denn es ist bekannt, dass Artikel über Frauen im Durchschnitt kürzer sind, eher einen Abschnitt über das Privatleben beinhalten und entsprechende Schwächen im Abschnitt über öffentliche Anerkennung und Rezeption aufweisen.

Anders herum, wenn man Artikel über Männer liest, werden da zum Beispiel nur selten die Kinder genannt.

Ganz witzig ist auch, wenn man sich Artikel über Ehepaare anschaut: Häufig steht bei der Frau dabei: "ist Ehefrau von". Während die Frau im Artikel des Mannes keine Erwähnung findet. Letztendlich gibt Wikipedia eben das bestehende Wissen wieder. Aber damit spiegeln sich auch die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen und die entsprechenden Themen wider.

Ein oft genannter Kritik-Punkt ist: Wenn weniger Frauen schreiben, verändert das auch den Blick auf Geschichte und Gegenwart.

Es bewegt sich derzeit Vieles, besonders im Umfeld der Geschichtsforschung, wo plötzlich erkannt wird, dass über Jahre hinweg Frauen, die entscheidende Beiträge geleistet haben, einfach nicht wahrgenommen wurden. Zum Beispiel diese Wikinger-Figur, von der man dachte, das muss ein großer Kämpfer gewesen sein, der hier begraben wurde. Dann hat man plötzlich realisiert: Das war vermutlich eine Kämpferin. Solche Details werden nach und nach in der Forschung aufgedeckt. Aber das braucht oft etwas Zeit.

Und Frauen müssen in die Tasten hauen und Artikel schreiben – da führt kein Weg dran vorbei.

Ja! Und ich kann nur sagen: Es macht unheimlich Spaß. Man lernt Dinge, von denen man noch nicht mal wusste, dass man sie wissen will. Und es ist auch eine ganz große Chance, auf internationaler Ebene zusammenarbeiten. Ich arbeite gerade mit einer indischen Autorin, die unter anderem blinde Menschen in den Himalaya führt, um dort Bergtouren zu machen. Solche Dinge zu erfahren, zu sehen, welche starken Frauen es ganz woanders auf der Welt noch gibt, die mir dann auch Tipps geben, über wen ich noch schreiben könnte – Das sind einfach sehr bereichernde Erfahrungen.

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Von
  • Joana Ortmann
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