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Wieso wir bei Beziehungen oft an uns selbst scheitern | BR24

© picture-alliance/Christin Klose

Ein Paar beschäftigt sich mit Handy und Tablet.

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    Wieso wir bei Beziehungen oft an uns selbst scheitern

    Soziale Medien nehmen in unserem Leben immer mehr Raum ein. Doch viele Menschen sehnen sich zunehmend nach direktem, unverfälschtem Austausch. Wenn dies nicht gelingt, liege es ganz oft an einem selbst, so die Erfahrung eines Psychiaters.

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    Je digitaler unsere Lebenswelt, so wirkt es, desto mehr sehnen wir uns nach Unmittelbarkeit, nach Kontakt, Austausch, nach einem echten "heart-to-heart", wie der Engländer sagen würde, einem Zwiegespräch der Herzen.

    Krankschreibungen wegen psychischer Probleme verdreifacht

    Tatsächlich aber scheitert für viele die Suche nach ihrem Platz im großen Netzwerk des Lebens schon lange bevor sie ihre Fühler nach dem Mitmenschen ausstrecken können, nämlich beim Kontakt mit sich selbst. Viele Menschen sind entfremdet, können im Alltag die Botschaften ihrer eigenen Seele nicht mehr wahrnehmen, so die Erfahrung des Psychiaters und Theologen Michael Tischinger.

    Laut einer aktuellen Studie der DAK hat sich die Zahl der Krankschreibungen durch psychische Erkrankungen verdreifacht. "Das ist alarmierend", so Tischinger. Schuld daran sind für den Psychiater Beschleunigung, Digitalisierung, Zeitverdichtung. Michael Tischinger leitet die Adulaklinik für Psychosomatik und Psychotherapie in Oberstdorf im Allgäu und beobachtet eine zunehmende "Seelentaubheit", wie er es nennt.

    Psychiater: Seele muss wie Muskel trainiert werden

    Diese Seelentaubheit habe eine ganz klare Ursache. So wie in der übersättigten Wohlstandsgesellschaft die Muskeln durch fehlende Bewegung erschlaffen, so verkümmert auch die Seele, sagt Tischinger: "Dieses nicht sichtbare Organ ist immer da, aber dadurch, dass wir den Kontakt nicht suchen, verlieren wir die Fähigkeit, dieses Organ zu trainieren. Es bräuchte sozusagen ein tägliches immer wieder in-Kontakt-Gehen, indem wir nach innen hören. Diese Seelenstimme, die spricht durch diese Berührungen des Herzens, durch die Berührung meines Innenraums. Und da hinein zu spüren, darum geht es."

    Gelingt die Verbindung mit der eigenen Seele nicht, hat das negative Auswirkungen auf das ganze Daseinsgefühl, beobachtet Michael Tischinger bei seinen Patienten: Er nennt das Phänomen "Stress frisst Seele auf" - eine taube Seele kann körperlich krankmachen, weil der Körper ein Mitteilungsinstrument für die Seele ist.

    Krankheiten: Haut als Spiegel der Seele

    Als Beispiel verweist er auf die Haut: "Das größte menschliche Organ wird ja auch als Spiegel der Seele beschrieben. Wir wissen aus der dermatologischen Forschung, dass die überwiegende Zahl der dermatologischen Erkrankungen in ihrer Entstehung oder im Krankheitsverlauf entweder durch psychische Faktoren wie Stress-Erleben entstehen oder ganz stark mit beeinflusst werden." Da zeige sich häufig ein seelischer Ausdruck dessen, was dann körperlich sichtbar werde, erklärt Tischinger.

    Michael Tischinger verordnet seinen Patienten so genannte "Seelenzeiten" - kleine Freiräume im Alltag, die der Seele Zeit geben, ihre Selbstheilungskräfte zu aktivieren: "Ein Spaziergang, eine Meditationspraxis, eine Zeit der Stille. Ich glaube aber auch, dass wir von Zeit zu Zeit größere, längere Seelenzeiten brauchen, wie so auf einer Wüstenwanderung, wo wir eine Oase brauchen, wo wir wirklich aus der Tiefe herauf das Wasser holen."

    Bei Urlaubsplanungen auch die Seele berücksichtigen

    Tischinger empfiehlt seinen Patienten, Urlaubszeiten so zu gestalten, dass die Seele nachkommen kann. Bei der Planung könnten Fragen leiten wie: Welche Landschaft tut meiner Seele gut? "Es gibt einen schönen Satz, dass die Wellen des Meeres die Steine rund polieren, aber sie können auch unsere Seele polieren", so der Theologe.