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Wieso Gangsterrapper sich so oft am Grundgesetz abarbeiten | BR24

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Nicht nur Böhmermann: Das Grundgesetz und die Musik

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Wieso Gangsterrapper sich so oft am Grundgesetz abarbeiten

Furchtbar viel Musik steckt in unserer 70 Jahre alten Verfassung ja nicht drin - sollte man meinen. Und doch haben sich viele Musiker - meist aus dem Hiphop - vom Grundgesetz inspirieren lassen, haben es besungen, hinterfragt und verflucht.

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Besonders im deutschen Hip-Hop, und fast ausschließlich dort, wird das Grundgesetz musikalisch kommentiert. Beim Berliner Gangsterrapper Bushido ist das Grundgesetz etwas, das für ihn nicht gilt: Bushido gibt sich als jemand, der über dem Gesetz steht, beziehungsweise: Als jemand, der seine eigenen Gesetze macht. Dass er einen Satz wie "Fick das Grundgesetz" überhaupt rappen darf, sichert unter anderem Artikel 5, Absatz 3: "Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei."

Auch die Rapper Kollegah und Farid Bang rappen nicht nur tendenziell antisemitisch, sondern auch über das Grundgesetz mit großer Überlegenheitsgeste. In ihrer Lebenswelt hat sogar ein Erdkundetest mehr Bedeutung als die politische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland.

Das Grundgesetz, der Inbegriff des Guten und Vernünftigen

Die Ablehnung scheint im deutschen Rap aber auch immer eine Anerkennung zu sein. Der Gesetzestext gilt als Nonplusultra des Normalen, Guten, Vernünftigen. Deutlich mehrdimensionaler als Bushido, Kollegah und Farid Bang ist ein Stück des Heidelberger Rap-Trios Advanced Chemistry. 1995 veröffentlichte die Band "Operation Art. 3" - ein Stück, das fragt, ob die gesellschaftliche Wirklichkeit wirklich immer das hält, was das Grundgesetz verspricht.

In vier Minuten prüfen Advanced Chemistry die Artikel und Paragraphen und zeigen, dass in Deutschland sehr wohl Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, oder ihrer Religion diskriminiert werden – auch, wenn das laut Artikel 3 des Grundgesetzes eigentlich nicht der Fall sein dürfte. "Operation Art. 3" ist eine Art musikalischer Realitätstest fürs Grundgesetz, der auch über 20 Jahre später extrem aktuell wirkt. Eine deutliche Kritik, aber auch ein Loblied.

Musikalisch kommentiert wird das Grundgesetz auch immer wieder im "Neo Magazin Royale". Nach dem Schmähgedicht von Jan Böhmermann an den türkischen Staatspräsidenten Erdoğan wurde darüber diskutiert, ob Böhmermanns beleidigender Stil von der grundgesetzlich garantierten Kunst- und Meinungsfreiheit gedeckt ist.

Gegen-Gangster Böhmermann

Allen Klagen und Gerichtsprozessen zum Trotz: Anfang 2018 veröffentlichte Böhmermann unter seinem musikalischen Alias POL1Z1STENS0HN eine Ode an das Rechtssystem - auch wenn nicht ganz klar ist, ob das Ganze ironisch oder ernst gemeint ist. Im Video fahren Richter teure Autos, Gerichtsprozesse sind "Next-Level-Shit" und das Grundgesetz wird als cooles Accessoire gezeigt, das nicht mal mit einem Baseballschläger kaputtgeschlagen werden kann. Die Message von "RECHT KOMMT": Auf nichts ist mehr Verlass als auf das deutsche Rechtssystem.

Doch nicht nur in Musikstücken, sondern auch beim wichtigsten Konzert des vergangenen Jahres spielte das Grundgesetz eine wichtige symbolische Rolle. Beim "#wirsindmehr"-Konzert in Chemnitz hing ein riesiges Banner an einem Hochhaus direkt neben dem Publikum mit der Aufschrift: "Die Würde des Menschen ist antastbar". Die Würde des Menschen, die laut Artikel 1 des Grundgesetzes unantastbar sein sollte, stand während der rechten Ausschreitungen in Chemnitz plötzlich zur Debatte. Das "#wirsindmehr"-Konzert war auch eine musikalische Erinnerung daran, dass selbst etwas so Unumstößliches wie das Grundgesetz keineswegs selbstverständlich ist.

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Autor
  • Christoph Möller
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