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Wieso Dietmar Dath die Faszination Scifi nicht vermitteln kann | BR24

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Schriftsteller und Journalist Dietmar Dath hat 942 Seiten über sein Lieblingsgenre vorgelegt. "Niegeschichte" hätte ein brillantes Buch über Science Fiction sein können. Doch Dath präsentiert sich als Parteisoldat, der dringend eine Lektorin braucht.

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Wieso Dietmar Dath die Faszination Scifi nicht vermitteln kann

Schriftsteller und Journalist Dietmar Dath hat 942 Seiten über sein Lieblingsgenre vorgelegt. "Niegeschichte" hätte ein brillantes Buch über Science Fiction sein können. Doch Dath präsentiert sich als Parteisoldat, der dringend eine Lektorin braucht.

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Jetzt heißt es: stark sein. 942 Seiten umfasst das neue Buch von Dietmar Dath. Aber zum Glück hat es Science Fiction zum Thema – und wenn Außerirdische und Raumschiffe auftauchen, dann ist mein Sitzfleisch sehr belastbar. Dath beginnt mit einer persönlichen Lesebiografie, in der – wie bei mir – die Perry Rhodan-Heftchen eine wichtige Rolle spielen. Die Bewohner fremder Welten, denen die Terraner auf Schritt und Tritt begegnen, haben seinen „sense of wonder“ geweckt, seinen Sinn über Wunder zu staunen.

Bitte erst mal die Schulbank drücken

Dann aber verliert das Buch gehörig an Schwung. Dath referiert mit Todorow einen wichtigen Theoretiker des Genres, andere wie Fredric Jameson kanzelt er in einem Halbsatz ab. Infos und Einordnungen gibt es nur in Kurzform. Tja, wer nicht über eine solide Grundbildung in Literatur, marxistischer Theorie und Philosophie-Geschichte verfügt, sollte dieses Buch nicht anfassen.

Für Dath ist Science Fiction eine Welterklärungsmaschine. Es soll uns allen zeigen, wie aus der Welt eine bessere werden könnte. Tatsächlich nutzen viele Scifi-Autoren ihr Genre, um Aussagen über den Zustand der Welt zu treffen. Aber trotzdem wirken Daths Beispiele und Beschreibungen seltsam fahrig. Natürlich behandelt er einige Größen wie Robert A. Heinlein oder Isaac Asimov. Aber vieles wirkt nur wie hingetupft, gerichtet an die, die sowieso schon alles von denen gelesen haben. Es gibt eine kurze Liebeserklärung an den Anime „Last Exile“, aber kein Wort über Katsuhiro Otomos „Akira“. Bei Philip K. Dick lässt Dath das gesamte Frühwerk aus und damit die bekannten Verfilmungen „Blade Runner“ oder „Minority Report“.

Nach und nach dämmerte mir, es geht Dath nicht um eine Geschichte von Science Fiction. Ihn interessiert das Genre nur, wo es in den Dienst einer Sache tritt. Für Dath ist die Form Science Fiction ein Gegengift, „gegen Platonismus, von der Offenbarungsreligion bis zum politischen Dogma. Wo das Wirkliche nicht wahr ist, kann die Kunst das zeigen."

Science Fiction als letzter Rückzugsort für Leninisten

Was von der Welt zu halten ist, davon hat Dietmar Dath, der letzte bekennende Leninist im deutschen Feuilleton, eine präzise Meinung. Und deswegen bekommen wir als Leser gern mal auf einer halben Seite Nachhilfe-Unterricht, wieso der Sozialismus sowjetischer Machart keineswegs als Modell für eine bessere Zukunft gescheitert ist. Leider wird hier aus dem brillanten Querdenker und Pointendrechsler Dath ein bierernster Parteisoldat.

Dietmar Dath ist unbestritten einer der besten deutschen Scifi-Kenner und ein herausragender Journalist. Aber dieser 1.000 Seiten Buchkoloss wirkt wie ein gebundenes Fanzine. Tatsächlich gibt das Dath im Buch auch zu. Doch der Charme von Fanzines liegt in der Maxime: quick and dirty, ex und hopp. Auf 20 Druckseiten braucht niemand Methode. Hier reicht das bizarre Fachwissen von Nerds, hier überwältigt einen die maßlose Liebe von Fans. Aber auf 940 Seiten ermüdet so ein Ton nur.

„Niegeschichte“ hätte eine Lektorin gebraucht, besser zwei. Die hätten weniger Marxismus, Germanistik-Seminar und Kollegenschelte einfordern müssen – und mehr Begeisterung. Dann hätte ein brillantes und belesenes Buch über den sense of wonder, die Wunderkammer Science Fiction, daraus werden können. So aber ist es nur eine verpasste Chance.

Dietmar Dath: "Niegeschichte. Science Fiction als Kunst- und Denkmaschine" ist bei Matthes und Seitz erschienen.

© Matthes und Seitz/ Montage BR

Cover: Dietmar Dath: "Niegeschichte. Science Fiction als Kunst- und Denkmaschine"

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