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Wien feiert Elfriede Jelineks Stück zur Ibiza-Affäre | BR24

© Matthias Horn/Burgtheater

Der skrupellose Provinzpolitiker sieht sich als Opfer – und gibt den "Joker": "Schwarzwasser", das neue Stück von Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, macht aus der Ibiza-Affäre ein Satyrspiel nach antikem Vorbild. Eine bejubelte Uraufführung.

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Wien feiert Elfriede Jelineks Stück zur Ibiza-Affäre

Der skrupellose Provinzpolitiker sieht sich als Opfer – und gibt den "Joker": "Schwarzwasser", das neue Stück von Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, macht aus der Ibiza-Affäre ein Satyrspiel nach antikem Vorbild. Eine bejubelte Uraufführung.

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Elfriede Jelinek hat sich wieder einmal in die Niederungen der schnöden Tagespolitik begeben und macht aus dem Stoff einer Realsatire eine dionysische Orgie – verkleinert im Medienformat. Selten findet Theater so simultan zum Zeitgeschehen statt. Das Publikum, darunter Prominenz aus Politik und Kultur, reagierte begeistert. "Es war ein Abend über Verlegenheit und Ratlosigkeit. Ich fand das Vollgas-im-Leerlauf-Gefühl sehr gelungen", sagte Autor und Regisseur David Schalko, der aktuell gemeinsam mit Jan Böhmermann einen Film über das Ibiza-Video vorbereitet.

Theater-Zertrümmerer am Werk

Diesmal aber hatte das Theater, das Elfriede Jelinek immer wieder als träge Maschinerie gebrandmarkt hat, die Nase vorn. Regisseur Robert Borgmann bringt Jelineks musikalische, aber mitunter sperrige Textflächen als mäandernde Polit-Revue auf die Bühne. Mit Assoziationen in alle Richtungen wird nicht gespart. Einen runden dramaturgischen Bogen will Borgmann, der sich selbst als Theater-Zertrümmerer sieht, nicht aufspannen.

© Matthias Horn/Burgtheater

Welt aus den Fugen

Martin Wuttke in Höchstform

Gleich zu Beginn sitzt die streikende Greta Thunberg verlassen auf der Bühne. Im Hintergrund flimmert grobkörnig und fast unkenntlich das Ibiza-Video als monumentale Projektion, die den Bühnenraum beherrscht. Klimakrise, Migrationskrise, Demokratiekrise: Dies ist eine Welt, die aus den Fugen gerät. Vor allem für den gestürzten Provinzpolitiker, der vor laufender Kamera über die Übernahme der größten österreichischen Tageszeitung spricht und staatliche Bauaufträge in Aussicht stellt. Im Stück wie in der Realität stilisiert er sich zum Opfer eines politischen Attentats.

Geschminkt wie der "Joker", mit rot verschmierten Lippen und bleichem Gesicht, steht Martin Wuttke als jämmerliches Männlein auf der Bühne. Wenn Wuttke die Larmoyanz dieses brüchigen Anti-Helden, dieses Bösewichts, der zum Opfer wird, darstellt, läuft er zur Höchstform auf und zieht alle Register zwischen Clownerie und Tragikomik.

© Matthias Horn/Burgtheater

Satyrspiel nach der Tragödie

Flacher Aufguss einer dionysischen Orgie

In "Schwarzwasser" komponiert Elfriede Jelinek ein politisches Sittenbild der Alpenrepublik und spiegelt dieses in der antiken Tragödie. Auch wenn die Fallhöhe fehlt, die Mechanismen, die im Hintergrund wirken, seien dieselben, so Regisseur Robert Borgmann: "Das Stück ist in der realpolitischen Wirklichkeit verankert, aber Elfriede Jelinek überschreibt diese, indem sie ein dichtes intertextuelles Netz webt."

Als Folie für "Schwarzwasser" dient Elfriede Jelinek Euripides' antike Tragödie "Die Bakchen", einer der ältesten Texte der europäischen Theatergeschichte. Zur Erinnerung: In den "Bakchen" sucht der Gott Dionysos die Stadt Theben heim und versetzt die Bewohnerinnen in einen entgrenzten Rauschzustand. Im Moment äußerster Raserei zerreißen die Thebanerinnen ihren König bei lebendigem Leib. Vor dem Hintergrund der griechischen Tragödie liest Jelinek das Ibiza-Video als flachen Aufguss einer dionysischen Orgie und schreibt gewissermaßen das Satyrspiel, das auf die Tragödie folgt.

Wieder am 8., 12. und 28. Februar 2020 im Akademietheater des Burgtheaters Wien, weitere Termine.

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