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"Wie wir lesen" - eine Internationale Tagung in München | BR24

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    "Wie wir lesen" - eine Internationale Tagung in München

    Wie wir lesen in Zeiten von Smartphones und Tablets - mit diesem Thema beschäftigte sich eine Internationale Tagung im Literaturhaus München, organisiert vom Amerika-Institut der LMU München. Von Amelie Berboth

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    Ein großer heller Raum, die Wände ringsum bedeckt von hohen weißen Bücherregalen. Junge und ältere Literaturinteressierte nehmen in den schwarzen Stuhlreihen Platz. Vorne eine Projektionswand, daneben ein kleines Rednerpult.  An zwei Tagen wollen Experten aus Wissenschaft und Medien im Literaturhaus München der Frage nachgehen, „Wie wir lesen“. Ein viel diskutiertes Thema im Zeitalter der Digitalisierung. Denn die Befürchtungen, dass wir bald in einer Welt ohne Bücher leben, nehmen zu. 

    Klaus Benesch, vom Nordamerikainstitut der LMU und Veranstalter der Tagung stellt deshalb gleich zu Beginn klar: 

    "Aus der Sicht eines Universitätslehrers ist es ein ganz wichtiges Thema, aber nicht mit der Vorgabe kulturpessimistisch, die Zukunft sieht düster aus, sondern mit der Vorgabe, wir interessieren uns eher für das wie und nicht dafür, ob überhaupt noch gelesen wird." 

    Denn wir lesen ja. Facebook-Posts, Tweets oder Blogs. Es geht also vielmehr um die Krise des Lesens von Büchern, so Benesch. Julika Griem, Direktorin des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen, weiß ebenfalls, wir lesen noch und untersucht diese Lesezeit.  

    "Ich habe mich bemüht dieses ganze amorphe Welt der Beobachtung des Lesens in der ja oft vorschnelle Urteile getroffen werden, so von wegen die Jugend liest nicht mehr, die Welt geht unter, dort feinere Unterschiede zu markieren, um die Vielfalt des Phänomens, die Vielseitigkeit überhaupt erst in den Blick zu bekommen." 


    Lesen in Zeiten digitaler Medien


    Da steht auf der einen Seite das einsame, versunkene Lesen. Auf der anderen das Lesen in Gemeinschaft. Auch die Geschwindigkeit variiert. Morgens überfliegen wir schnell die Zeitung, im Urlaub entschleunigen wir beim langsamen Lesen dicker Wälzer. Natürlich hat sich der Markt das schon zu Nutze gemacht: Stichwort „Eventisierung des Lesens“. Da werden Leseretreats in der Provinz angeboten, aber auch Apps, in denen der komplette Inhalt eines literarisches Werks auf 10 Minuten runtergekürzt wird. Auch die Unterteilung in Frauen- und Männerliteratur ist ein ökonomischer Schachzug. Kochbücher und Romane für sie, Sachbücher und  Thriller für ihn.  

    "Und da muss man schauen, was wollen wir stärken, was wollen wir nicht stärken. Was bedroht wiederum bestimmte Verhaltensweisen, die wir erhalten wollen."

    So Julika Griem. Zustimmendes Nicken. Florian Rötzer tritt hinter das Rednerpult. Er ist Chefredakteur des Online-Magazins Telepolis. Wie wir lesen? Diese Frage ist für ihn einfach zu beantworten: Im Sitzen natürlich.   

    "Früher sind die Leute auch gekniet und gehockt, es gab Schemel ,es gab Bänke aber es gab noch keinen Stuhl. Ein Stuhl war ein gewisser Wert für die Herrscher - ein Thron-. Und aus dem Thron wurde dann allmählich ein Lesestuhl, der wurde in den Klöstern entwickelt und das führte dann eben zu einer anderen Körperhaltung." 

    Außerdem lesen wir von links nach rechts, von oben nach unten, Zeile für Zeile. Die Augen sind ständig in Bewegung, der Körper hingegen hält still.  Mit den digitalen Medien ändert sich unser Leseverhalten, so Florian Rötzer.

     "Wir verstehen sozusagen Texte anders, die digital geprägt sind und auf dem Bildschirm erscheinen, weil die in sich flexibel sind und virtuell sind. Also es gibt nicht mehr das festgelegte Schriftbild, das festgelegte Buch, sondern wir bewegen uns in einer globalen Welt der Texte, wo sozusagen alles mit allem in Verbindung treten kann." 


    Maryanne Wolf - Koryphäe der Leseforschung


    Kaffeepause. Die Zuhörer und Zuhörerinnen ziehen ein erstes Resümee.  

    "Ich denke wir haben weniger Zeit zu lesen. Das sehe ich ja wirklich als Problem. Es geht der Trend so zum „speed reading“ aber dieses „deep reading“ was angesprochen wurde, das wird nicht mehr so gefördert und das ist ja schon auch ein kultureller Verlust…Vor allem fand ich spannend so diese mediale Frage des Lesens. Auf welchen Geräten lesen wir, in welcher Form lesen wir und wie das lesen mit dem Buch zusammenhängt oder anderen Medien. Das fand ich eigentlich in allen Vorträgen mit das Spannendste…und im Zeitalter der Digitalisierung, wo alles viel schneller wird und man anders eben liest, da die wissenschaftliche Perspektive draufzuhaben finde ich super spannend. …Ich bin jetzt allerdings sehr gespannt auf den Vortrag von Frau Wolf." 

    Nicht nur diese Besucherin, sondern der ganze Saal ist sichtlich gespannt auf Maryanne Wolf. Sie ist Direktorin am Zentrum für Lese und Sprachforschung an der Tufts University, USA. Die Vorfreude ist berechtigt. Voller Elan beginnt die 68-Jährige ihren Vortrag. Immer wieder kommt sie hinter dem Rednerpult hervor, läuft herum, gestikuliert ausladend. Ihr Blick in die Zukunft ist düsterer als der ihrer Vorredner und Rednerinnen. Digitale Medien verändern unser „reading brain“, so die These . 

    "Der Überfluss an Informationen bewirkt paradoxerweise, dass wir uns auf das beschränken, was am bequemsten und am einfachsten ist. Aber was wir beobachten, ist diese schreckliche Polarisierung, dass die Wissensvermittlung auf dem Fakt basiert, das Menschen fremde Perspektiven, die sie herausfordern, nicht mehr berücksichtigen."

    Was daraus folgt? Eine Gesellschaft, die zwar massenhaft Informationen hat, diese aber nicht hinterfragt und die Empathie für Mitmenschen verliert. Das einfachste Narrativ gewinnt - verfasst in einem 280 Zeichen-Tweet. Was wir also bewahren müssen, ist das intensive, aufmerksame Lesen von langen, komplexen Texten. Denn:  

    “Die Menge dessen was wir momentan lesen, ändert, wie wir lesen und das wiederum ändert, was wir lesen, was dann ändert, was geschrieben wird, was unmittelbar ändert, warum wir lesen.“