BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© Audio: BR / Foto: supertecture gUG
Bildrechte: supertecture gUG

Mobilität und Sicherheit – dieser Entwurf der Gruppe Supertecture vereint beides.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Wie verändert sich Architektur in der Pandemie?

Abstand halten! Das hören wir gerade überall. Doch was bedeutet es für die Architektur, wenn wir auf Distanz zueinander gehen müssen? Architekt Till Gröner über die Pandemie-Herausforderungen in seiner Zunft und mögliche Auswege.

Per Mail sharen
Von
  • Judith Heitkamp

Wahren Sie einen Abstand von anderthalb Metern! Eine überall präsente Mahnung – jederzeit möglich ist der Corona-Abstand nicht. Je mehr Menschen sich wieder in der Öffentlichkeit oder durch Schul- oder Bürogebäude bewegen, umso schwieriger wird das. Müssen Räume in Zukunft also anders angelegt werden, pandemietauglicher, sozial, aber offen? Darüber hat Judith Heitkamp mit dem Architekten Till Gröner gesprochen. Er ist Gründer der Organisation Supertecture, die ehrenamtlich mit jungen Architektinnen und Architekten in Asien und Afrika baut, und Dozent an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg. Dort hat er mit seinen Studierenden ein Corona Lab gegründet.

Judith Heitkamp: Was ist ein Corona Lab?

Till Gröner: Nach Ausbruch der Pandemie war schnell klar, dass wir uns in einer sehr architekturrelevanten Krise befinden. Social Distancing, Abstand halten, Trennwände, die 1,5-Meter-Gesellschaft – das sind alles Vokabeln aus der Architektur. Im Corona Lab versuchen wir, Räume zu entwickeln, in denen man sich pandemietauglich treffen kann. Wir haben angefangen, als man sich hier in Bayern nur zu zweit im Außenbereich treffen durfte, und die erste Aufgabenstellung war: Wie kann ein Raum aussehen, in dem wir uns zu dritt treffen, ohne uns gegenseitig anzustecken?

Wie denn?

Wir haben eine charmante Glas-Spende bekommen und im Endeffekt einen dreiteiligen Raum gebaut, in dem sich drei Menschen sehen und unterhalten können und dabei räumlich voneinander getrennt sind. Wir haben insgesamt verschiedene Räume entwickelt, viele theoretisch, einige praktisch, und haben die dann im öffentlichen Raum ausgestellt. In Kaufbeuren sind wir stolzer Veranstalter der größten Corona-Architektur-Ausstellung der Welt gewesen. So viele Architekten beschäftigen sich nicht mit dem Thema.

Was kann Architektur denn gegen oder angesichts von Corona tun?

Es ist eine räumliche Fragestellung. Kann Architektur coronataugliche Räume schaffen? Darüber hinaus geht es auch darum, die Erfahrungen der Corona-Bedingungen miteinzubeziehen, zum Beispiel die Angst, sich anzustecken oder denunziert zu werden. Unsere Projekte beinhalten dabei immer auch ein fröhliches Augenzwinkern. Wir haben zum Beispiel das Coronaskop entwickelt, eine Art analoge Videokonferenz, in die man sich hineinlegen kann. Ich bin dann in einem aufgeteilten Raum und kann über Spiegel kommunizieren. Oder: mobile Räume. Da haben wir das Corona-Symbol Einkaufswagen genommen – gehe nicht in den Einkaufsladen ohne Einkaufswagen – den haben wir umgebaut zu einer mobilen Behausung. Man kann sie mitnehmen und sich dann sicher in der Stadt bewegen. Und gleichzeitig ist sie noch charmant und humorvoll.

© supertecture gUG
Bildrechte: supertecture gUG

Kreative Lösung für eine wichtige Frage: Wie können Hygienekonzepte in der Pandemie umgesetzt werden?

Eine mobile Behausung?

Wir hatten wieder eine nette Spende, nämlich ein paar Einkaufswagen. Die haben wir so auseinander geflext und wieder zusammengebaut, dass sie eine Art Kokon bilden, um uns herum, in dem man sich durch die Stadt manövrieren kann. Vorne kann sogar noch ein Kind drin sitzen. Man steckt in einem Regenponcho aus dem Ein-Euro-Laden und kann sich durch den hindurch unterhalten. Er ist austauschbar und bietet damit ein nachhaltiges Hygienekonzept. Und man kann die einzelnen Wagen auch andocken. So könnte jeder sich im Außenraum bewegen, ohne Angst vor Ansteckung.

Und der Innenraum, der derzeit bedrohlicher erscheint? Großraumbüros zum Beispiel, tendenziell ein Tummelplatz für Viren. Haben die Zukunft, wenn wir Pandemie-Herausforderungen in unseren Alltag einbauen müssen?

Auf jeden Fall wird die Krise Folgen haben für die Architektur unserer Arbeitswelt, wie immer das bei Großraumbüros genau ist. Ich glaube nicht, dass wir auf der Suche sind nach wirklich virenfreien Arbeitsplätzen, sondern dass wir viel größere Aufgaben haben. Zum Beispiel die Digitalisierung.

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!