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Geldregen: Was macht ein bedingungsloses Grundeinkommen mit dem Menschen, der es bekommt?
© picture-alliance / Eibner-Pressefoto

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Barbara Knopf
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Geldregen: Was macht ein bedingungsloses Grundeinkommen mit dem Menschen, der es bekommt?

Wie kann man eine Gesellschaft gerechter gestalten? Wie Armut bekämpfen? Wie Menschen entlohnen, wenn Roboter künftig die Arbeit übernehmen? Eine mögliche Antwort: Mithilfe eines bedingungslosen Grundeinkommens. Heißt: Jeder erhält eine staatliche Zuwendung ohne eine Gegenleistung dafür erbringen zu müssen. Die Idee euphorisiert, aber sie regt auch zu herber Kritik an: Wer will dann noch arbeiten, wenn man Geld geschenkt bekommt? Der Verein „Mein Grundeinkommen“ hat seit 2014 bisher knapp 290 Personen ein bedingungsloses Grundeinkommen ermöglicht und zwar bedingungslos. Die Empfänger wurden ausgelost. Jeder bekam ein Jahr lang 1.000 Euro pro Monat, finanziert über Spenden. „Was würdest du tun?“ heißt das Buch, das der Gründer des Vereins „Mein Grundeinkommen“, Michael Bohmeyer, und die Beraterin und Autorin Claudia Cornelsen über das Experiment Grundeinkommen geschrieben haben. Barbara Knopf hat mit den beiden Autoren über ihre Erfahrungen gesprochen.

Barbara Knopf: Warum haben Sie sich denn mit der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens beschäftigt? Was haben Sie denn erfahren, was die Menschen damit gemacht haben, die ausgelost wurden, dieses Grundeinkommen zu bekommen?

Claudia Cornelsen: Die erste Erfahrung war, dass wir gemerkt haben, die Menschen machen mit dem Geld, was man mit dem Geld machen kann: Man kann es ausgeben, konsumieren, investieren, sparen, weitergeben oder verschenken. Das ist eigentlich ziemlich banal. Wenn das alles so banal ist – braucht es das dann überhaupt? Eine Frage, die immer wieder auftaucht, macht es nicht einfach alles nur 1.000 Euro teurer im Monat, wenn alle 1.000 Euro bekämen? Das Schöne war aber, dass wir sehr schnell gemerkt haben: Gerade beim Konsum geht es gar nicht so sehr um den Konsum an sich, sondern um Selbst-Fürsorge, so haben wir das genannt. Die Leute haben erst Kram konsumiert, weil sie es konnten, haben dann aber gemerkt: Will ich das überhaupt, brauche ich das? Diese Sinnfrage führte dann zu neuen Fragen. Nicht: Was brauche ich, sondern: Was kann ich, was will ich? So gesehen hat das Grundeinkommen über die zwölf Monate, in denen die Leute 1.000 Euro im Monat bezogen haben, eine enorme Veränderung im Leben bewirkt.

Sie haben die Menschen interviewt, um zu erfahren, was wird bewirkt mit so einem Grundeinkommen.

Michael Bohmeyer: Wir wollten genau hingucken. Wir sind heute in der Politik sehr schnell dabei, die Andersartigen zu verurteilen, zu sagen, es gäbe den faulen Arbeitslosen, der sich auf Kosten der anderen bereichern will. Wir haben einfach mal zugehört und festgestellt, dass kaum jemand für Geld arbeiten geht. Da waren wirklich alle Jobs dabei von der modernen Yoga-Lehrerin und Coach-Beraterin bis hin zu Leuten, die Toiletten putzen und die Essensausgabe in der Mensa machen. Sie tun diese Arbeit vor allem deswegen, weil sie gebraucht werden wollen, weil sie Bestätigung und soziale Anerkennung haben wollen. Und jetzt haben diese Menschen das Grundeinkommen bekommen – und zum ersten Mal haben sie ein Geld bekommen, das nicht so moralisch aufgeladen war. Wo es nicht hieß: Hierfür hast du dich krumm gemacht, sondern: Das kriegst du einfach von einer anonymen Menge. Nicht eine Person steht dahinter, die eine Gegenleistung fordert, sondern eine anonyme große Gruppe von Menschen glaubt an dich. Sie haben diesen Vertrauensvorschuss von der Gesellschaft in Selbstvertrauen umgewandelt. Und wenn es Menschen gut geht, dann haben sie auch eine tolle Ausstrahlung, dann können sie sich besser um andere kümmern. So entstand auch ein neues Gemeinschaftsgefühl und ein neuer Tatendrang.

Michael Bohmeyer, Gründer des Vereins "Mein Grundeinkommen"

Michael Bohmeyer, Gründer des Vereins "Mein Grundeinkommen"

Nun muss man aber sagen: In Deutschland herrscht eher die Auffassung, wer Geld bekommt sollte sich aber schon krumm machen ...

Claudia Cornelsen: Genau das ist der Subtext mit dem wir alle aufgewachsen sind. Wir müssen erst etwas leisten. Dann bekommen wir etwas. Ich muss ein braver Bürger sein, damit ich als Bürger überhaupt mitmachen darf. Das ist eigentlich nicht mehr zeitgemäß. Wir sagen, es ist andersherum: Eine gute Gemeinschaft funktioniert wie eine gute Familie, jedes Kind, jeder Mensch ist willkommen und soll sich entwickeln und dann gucken wir, welche Fähigkeiten in uns stecken, die wir der Gemeinschaft zurückgeben wollen. Das Grundeinkommen ist im Prinzip die staatliche Muttermilch, die gemeinschaftliche Muttermilch, die dafür sorgt, dass jeder Mensch etwas tun kann und eventuell auch erst einmal etwas lernen möchte, damit er das tun kann, wozu er sich berufen fühlt.

Michael Bohmeyer: Das mag jetzt irgendwie so gutmenschlich klingen, als wären wir Spinner und Träumer. Aber das Gegenteil ist der Fall: Wir glauben, wir können uns heute nicht mehr leisten kein Grundeinkommen zu haben. Wir haben große Probleme in der Gesellschaft, wir haben die Burnout-Krise, wir haben viele Menschen, die sich einsam fühlen, wir haben die Digitalisierung, die die Arbeitswelt verändert. Da braucht es Halt, da braucht es Hoffnung, da braucht es ein Sicherheitsgefühl, dass ich weiß: Mit einem Grundeinkommen kann ich bis zum Lebensende nicht abrutschen. Das würde nämlich die Angst wegnehmen, haben wir von den Menschen gelernt, und diese Angst betrifft nicht nur die 40 Prozent der Deutschen, die überhaupt kein Vermögen haben und deshalb immer prekär leben, sondern reicht bis weit in die wohlhabende Mittelschicht hinein, weil sie Angst haben, dass es ihnen mal schlechter gehen könnte. Und diese Angst, das wissen wir aus der Psychologie, aus der Kindererziehung, lähmt die Menschen. Und wir sollten uns das nicht leisten, das im Sozialstaat noch genauso zu haben. Aufgehört zu arbeiten hat übrigens kaum jemand. Es haben zwar ein paar Leute ihren Job gekündigt, zum Beispiel zwei Leute, die im Callcenter gearbeitet haben, aber alle haben dann in anderen Jobs, die besser zu Ihnen passen, weitergemacht. Weil sie plötzlich eine Verhandlungsmacht hatten und Nein sagen konnten.

Claudia Cornelsen, Autorin und Beraterin

Claudia Cornelsen, Autorin und Beraterin

Sie haben ja vorhin auch gesagt, die Leute sind selbstbewusster geworden - daran sieht man ja auch,es geht im Grunde genommen bei Geld um Machtstrukturen!

Claudia Cornelsen: Das Geld an sich ist erst einmal nur ein Tauschmittel. Die Frage ist,wer entscheidet darüber, wer wie viel davon bekommt. Da haben wir große Gefälle. Das kann sich eventuell nach einer Arbeitsmarktlage mal verändern, oder eine starke Gewerkschaft kann darum kämpfen dieses Machtgefälle aufzuheben. Durch das Grundeinkommen, das haben wir in der Tat bei den Gesprächen mit den Gewinnerinnen und Gewinnern festgestellt, wird dieses Machtgefälle verschoben. Es gab mehrere Frauen, die sich überlegt hatten ihre Ehemänner zu verlassen, aber aus der neu gewonnenen Freiheit und der Macht der finanziellen Unabhängigkeit heraus konnten sie dann auf Augenhöhe verhandeln, unter welchen Bedingungen sie eigentlich diese Ehe weiterführen wollen.

Nun sind das sehr gut nachvollziehbare psychologische Gründe. Aber Sie entwickeln keine Finanzierungsvorschläge in Ihrem Buch?

Michael Bohmeyer: Genau. Das Buch versucht explizit die psychologische Wirkung des Grundeinkommens verständlich zu machen. Denn wir glauben, dass die Debatte oft falsch geführt wird. Wir reden so viel über Steuermodelle, über Finanzierung, was passiert mit der Krankenkasse, das sind spannende Fragen und es gibt ja auch sehr viele Antworten. Aber die große Wirkung des Grundeinkommens, das glauben wir, entfaltet sich durch die bedingungslose Auszahlung.

Nun sträubt sich die Politik sicherlich ein bisschen dagegen, weil sie weniger das Psychologische im Auge hat als die Finanzierung. Sie sind aber jetzt schon nicht mehr der Nischen-Utopist, sondern auch zu vielen Podiumsgesprächen eingeladen. Merken Sie, dass sich da etwas wandelt, dass sich die Idee auf einer breiteren Ebene konkretisiert?

Michael Bohmeyer: Ja, das merke ich ganz deutlich. Als wir vor viereinhalb Jahren angefangen haben, war das so aus der Rubrik Sonstiges – der verrückte Berliner. Mittlerweile ist das bedingungslose Grundeinkommen eigentlich auf der politischen Agenda, weil wir einfach auf die großen Herausforderungen unserer Zeit keine vernünftigen Antworten haben. Wir müssen etwas Grundlegendes an unserem Gesellschaftsvertrag ändern und aufhören immer nur nachzubessern. Das Grundeinkommen ist eine der wenigen konkreten Utopien, wie Ernst Bloch vielleicht sagen würde, die machbar sind, die wirklich machbar sind. Wir dürfen nicht vergessen, wir haben in Deutschland eine Art Grundeinkommen mit Hartz IV. Theoretisch muss hier niemand Hunger leiden. In der Praxis ist es aber so, dass das alles andere als bedingungslos ist.

Wobei gerade die SPD-Chefin Andrea Nahles zwar von Hartz IV weg will, aber nicht hin zum bedingungslosen Grundeinkommen. Sie hat mal gesagt: „Die SPD steht für ein Recht auf Arbeit und nicht für bezahltes Nichtstun“.

Claudia Cornelsen: Der entscheidende Unterschied ist: Wir stellen den Menschen in den Mittelpunkt und das Soziale. Und wir haben ein Gesellschafts- und Sozialsystem, das auf Misstrauen ausgerichtet ist: Du musst beweisen, dass du bedürftig bist, du musst beweisen, dass du nicht betrügt, du bist jederzeit kontrollierbar. Dann bekommst du Hartz IV und wenn du dich nicht korrekt verhältst, dann wirst du sanktioniert bis hin zur Obdachlosigkeit. Das ist ein Misstrauen, das erstens hilflos und ohnmächtig macht, das depressiv macht. Und zwar weit über die Betroffenen hinaus: Es betrifft vielleicht nur drei Prozent oder acht Prozent der Bevölkerung, aber hundert Prozent erleben diese Gesellschaft als Misstrauensgesellschaft. Das Grundeinkommen dreht das um und startet mit Zutrauen, mit Vertrauen. Und sagt: Ich gehe erst mal davon aus, dass jeder Mensch dabei sein will, auch Du. Beweis mir, was du kannst. Nicht, was du nicht kannst.

„Was würdest du tun? Wie uns das bedingungslose Grundeinkommen verändert - Antworten aus der Praxis“. Das Buch von Michael Bohmeyer und Claudia Cornelsen ist im Econ-Verlag erschienen.

Cover: "Was Würdest Du Tun? Wie uns das bedingungslose Grundeinkommen verändert - Antworten aus der Praxis"

Cover: "Was Würdest Du Tun? Wie uns das bedingungslose Grundeinkommen verändert - Antworten aus der Praxis"

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kulturWelt vom 01.03.2019 - 08:30 Uhr