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Ulrike Lorenz sieht den Herausforderungen entgegen
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Autoren

Eberhard Reuss
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Ulrike Lorenz sieht den Herausforderungen entgegen

Goethe, Schiller, Weimar, Schlösser, Gärten, Archive und noch mehr museale Stätten. Eigentlich ein Kontrastprogramm für das, was die Kunsthistorikerin Ulrike Lorenz bislang in Sachen Kunstvermittlung und Kulturmanagement betrieben hat. "Ich komme nicht nur von der zeitgenössischen Kunst her, sondern bringe fast 29-jährige, umfassende Museumserfahrung mit", sagt Lorenz. "Und so schaue ich die Klassik Stiftung Weimar zugegebenermaßen nicht aus der Perspektive der deutschen Klassik an, aber sehr wohl der klassischen Moderne. Was ich vielleicht von der zeitgenössischen Kunst mitbringe, ist, mit einem ganz unvoreingenommenen Blick auch an Unbekanntes heran zu gehen."

Sie weiß mit Baustellen umzugehen

So wie sie in Mannheim mit Mut, Energie und Überzeugungskraft das Kunststück fertig gebracht hat, den Neubau der Mannheimer Kunsthalle zu verwirklichen. Ein 70-Millionen-Euro-Projekt, das zu rund 80 Prozent mit Hilfe von privaten Spenden und Stiftungen finanziert wurde. Ulrike Lorenz weiß mit Baustellen aller Art umzugehen. Und dies soll nun erst recht in Weimar im doppelten Wortsinn gelten. Das künftige Bauhaus-Museum muss erst noch ertüchtigt werden.

"Neue Kommunikation mit der Gesellschaft"

Das Goethe-Nationalmuseum verfügt derzeit nicht mal über WLAN und vor allem braucht die Klassik Stiftung Weimar ein verbindendes und verbindliches Leitmotiv. Ulrike Lorenz: "Da geht es zunächst mal darum, eine Strategie zu entwickeln für den Gesamt-Organismus der Stiftung. Die unterschiedlichen Wissens-Institutionen wirklich unter einem starken narrativen Schirm zu vereinen, nach gemeinsamen Nennern zu suchen. Das ist sicher eine erste Aufgabe. Dann stehen auch sicher große Baustellen an, im realen Sinne des Wortes. Bauen wird mich begleiten, das Schloss kommt als nächstes, nach der Eröffnung des Bauhaus-Museums. Das Museum selbst muss in der Topographie der Moderne, die ja ein Spannungsfeld ist und auch die NS-Zeit mit einbezieht, verortet werden, konsolidiert werden, und es ist natürlich sehr viel für eine umfassende digitale Strategie zu tun, die sich nicht allein in einer Forschungsinfrastruktur erschöpft, sondern das Digitale als neue Kommunikation mit der Gesellschaft versteht."

Zwischen Schiller und Goethe: Ulrike Lorenz

Zwischen Schiller und Goethe: Ulrike Lorenz

"Wir bestehen aus Widersprüchen"

Auch und gerade von AfD bis „Feine Sahne Fischfilet“ – was hätte man mit mehr Mut und dem Wissen um die divergente Bauhaus-Geschichte daraus machen können, sinniert die künftige Chefin der Klassik Stiftung Weimar: "Ja, indem ich solche Widersprüche zum Beispiel nicht zu vermeiden versuche, sondern herausfordern würde, und zwar im Sinne des Bauhauses, das ja Widersprüche provoziert hat und zugelassen hat. Wir müssen begreifen, dass es keine homogene Identität gibt, sondern dass wir aus Widersprüchen bestehen, als Menschen, aber eben auch mit unserer sehr speziellen deutschen Geschichte."

An Regensburg denkt sie mit "purer Freude"

Für Ulrike Lorenz schließt sich ganz persönlich ein Lebensweg. 1963 in Gera geboren. Dort mit 26 Jahren das Otto-Dix-Museum konzipiert. Nach der Wende promoviert an der Bauhaus Universität Weimar. Leiterin des Stadtmuseums Gera. Und dann, ab 2004, die nächsten fünfzehn Jahre im Westen. Vor Mannheim zunächst als Direktorin am Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg: "Das war für mich ein persönlicher Aufbruch, und ich muss sagen, es ist ja im Grund ein schönes Museum, dieses Kunstforum Ostdeutsche Galerie, das ich wirklich aus meinem eigenen Verständnis heraus seine Wurzeln neu definiert habe. Gleichzeitig ist es dort gelungen, ein Kunstmuseum für den ostbayerischen Raum zu formulieren. Das ist wirklich auch so rasch und zügig gegangen, weil es auch überschaubar war, weil vieles vorbereitet war, das ist eine pure Freude, wenn ich daran zurückdenke.“

"Die Stiftung muss politisch handeln"

Danach ist sie nun fast zehn Jahre Kunsthallen-Direktorin in Mannheim. Und ab Sommer nächsten Jahres von dort nach Weimar unterwegs. Fast wie einst Friedrich Schiller, den es auch von Mannheim nach Thüringen zog. Goethe folgend. Genau der richtige Wegweiser für Ulrike Lorenz, die künftige Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar: "Johann Wolfgang von Goethe sagt, ich setze auf Gegenwart. Und Friedrich Nietzsche, der in Weimar ja auch kein ganz Unbekannter ist, sagt, Historie muss dem Leben dienen. Ich verorte die Stiftung absolut in unserer Gegenwart und stehe dafür, dass die reichen Erbschaften, die wir ja nicht nur verwalten, sondern aktivieren müssen, für unser Leben heute wirklich eingebracht werden, auch zum Schutz der Demokratie. Ich glaube, dass die Stiftung politisch handeln muss.“

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