Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Wie Telefonseelsorge nach 50 Jahren zur Chat-Seelsorge wird | BR24

Audio nicht mehr verfügbar

Dieses Audio konnte leider nicht geladen werden, da es nicht mehr verfügbar ist.

Weitere Information zur Verweildauer

© Redaktion Religion und Orientierung/ Janina Schrupp

50 Jahre Telefonseelsorge München

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Wie Telefonseelsorge nach 50 Jahren zur Chat-Seelsorge wird

Seit 50 Jahren haben die ehrenamtlichen Mitarbeiter der evangelischen Telefonseelsorge München ein offenes Ohr für Menschen in Krisensituationen. 19.000 Hilfesuchende haben sich allein im vergangenen Jahr gemeldet.

Per Mail sharen
Teilen

1968 – die Menschen kommunizieren hauptsächlich über das Telefon. Ein guter Weg, um eine Anlaufstelle für Krisensituationen einzurichten. Seitdem kann man bei der Münchener Telefonseelsorge anrufen und findet ein offenes Ohr.

Neue Kommunikationstechnik - eine neuer Kanal für die Seelsorge

Der große Vorteil: Ein Gespräch über das Telefon ist anonym und Sorgen können bedenkenlos angesprochen werden. Außerdem ist das Hilfsangebot kostenlos - finanziert wird die Telefonseelsorge zu einem Großteil durch landeskirchliche Mittel und staatliche Zuschüsse. Träger ist die Evangelische Kirche.

Heute wird das Telefongespräch immer mehr von Messenger-Diensten wie WhatsApp verdrängt. Die Telefonseelsorge gibt es immer noch, aber sie muss mit den Kommunikationsgewohnheiten der Menschen Schritt halten, so Norbert Ellinger, Leiter der Telefonseelsorge München.

"Die jüngere Generation greift eher zur Tastatur oder zum Handy und tippt da irgendwas ein als zu telefonieren. Also da haben sich einfach die Kommunikationsgewohnheiten anders entwickelt", Norbert Ellinger, Leiter der Telefonseelsorge München

Längst bietet die Telefonseelsorge Beratung zusätzlich via Mail und Chat an. Nicht weil die Sorgen der Menschen sich inhaltlich verändert hätten, sondern weil die Sorgen gerade junger Hilfesuchender keinen Platz in der telefonischen Seelsorge finden. Gerade jungen Kontaktsuchenden fällt das Chatten leichter als der Griff zum Hörer.

Gerade junge Menschen suchen die Anonymität des Internet

Außerdem ist ein Chat noch anonymer, da der Klang der Stimme wegfällt. Vor allem bei Themen, über die man nur schwer sprechen kann – wie Missbrauch oder selbstverletztendes Verhalten ist das von Vorteil – für den Hilfesuchenden. Für den Seelsorger wird durch die totale Anonymität die Arbeit nochmal ein bisschen schwerer. Auch Seelsorger Josef, der seit drei Jahren für Menschen in Krisensituationen da ist, sieht Vor- und Nachteile in der digitalen Seelsorge. "Eigentlich ist das ein Nachteil, weil ich über die Stimme natürlich sehr viel auch mittransportiert bekomme: Verzweiflung, Weinen, Hektik, Wut, Trauer und so. Diese ganzen Dinge muss ich mir im Grunde genommen anlesen",sagt Josef, Telefonseelsorger.

Zwischen den Zeilen lesen, die Absicht des Schreibenden erkennen, eine Antwort formulieren, die nicht falsch interpretiert werden kann. All das erfordert viel Sorgfalt und braucht Zeit – bis zu 72 Stunden kann es dauern, bis ein Seelsorger eine Antwort auf eine Mail verschickt. Viel Zeit für denjenigen, der unter Umständen mit Depressionen und Suizidgedanken kämpft. Viel Zeit für ein Hilfsangebot, das dafür bekannt ist, schnell auf solche Notsituationen zu reagieren.

Getippte Seelsorge - mehr Gefahr für Missverständnisse

Schneller geht das via Chat. Doch dabei muss der Seelsorger erst einmal einen Termin online stellen. Dann können sich Hilfesuchende eintragen und zum vereinbarten Zeitpunkt ihr Anliegen loswerden. Das Problem hier: Das Chatten ist zu stark gefragt. Der Bedarf kann nicht bedient werden. "Ich kann morgens um fünf, einfach einen Chat anbieten. Ich mach ihn auf und sage hier ist das Angebot. Innerhalb von zwei Minuten ist dieser Chat belegt. Das muss man sich mal vorstellen: Irgendwo mitten in der Nacht schwirren da immer noch Leute rum, die da einfach Bedarf haben und so leiden, dass sie chatten. Also es müsste einfach sehr viel mehr von uns geben", sagt Josef, Telefonseelsorger.

Die gibt es nicht, weil die Ressourcen begrenzt sind. Es fehlen ehrenamtliche Mitarbeiter und Räume für die Beratungen. All das kostet Geld.

Außerdem legt die Telefonseelsorge großen Wert auf Datenschutz. Bisher läuft das Chatangebot ausschließlich über die eigene Website, nicht aber über bekannte Messenger-Dienste wie WhatsApp und Co. Erst wenn auch dort absolute Datensicherheit gewährleistet werden kann, können auch Videochat und Sprachaufnahmen in das Angebot mitaufgenommen werden, so die Vertreter der Telefonseelsorge.

Von
  • Friederike Weede
  • Janina Schrupp
Schlagwörter