BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Wie Streaming in den 2010er Jahren alles veränderte | BR24

© Matthew T. Rader/unsplash.com

In den 2010er Jahren veränderte Streaming, wie wir Unterhaltung konsumieren

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Wie Streaming in den 2010er Jahren alles veränderte

Dies ist die Geschichte einer Revolution, die die Kulturindustrie erschütterte: Streaming veränderte innerhalb weniger Jahre nicht nur, wie wir Filme und Serien sehen. Sondern auch, wie sie produziert werden – und wie wir über sie sprechen.

Per Mail sharen

Die Serie, die als der offizielle Startschuss für das Streamingzeitalter gilt, hat das Ende des Jahrzehnts nicht überdauert.

"House of Cards", die erste eigenproduzierte Serie eines Streamingdienstes, wird im Februar 2013 auf einen Schlag bei Netflix veröffentlicht. Die Serie wird in vielerlei Hinsicht zur Blaupause in Hollywood: mit einem Millionenbudget ausgestattet lockt Netflix Filmstars wie Kevin Spacey und den Regisseur David Fincher für gleich mehrere Staffeln vor die Serienkamera und auf den Regiestuhl. Noch im selben Jahr, in dem wir "Binge-Watching" und "Netflix und Chill" in unsere Wortschätze aufnehmen, gewinnt Netflix mit "House of Cards" als erster Streamingdienst überhaupt einen Emmy – den wichtigsten Fernsehpreis der Welt.

Der große Serienboom nimmt seinen Lauf: Allein in den USA werden 2019 nach einer Zählung der Branchenjournalistin Liz Shannon Miller über 600 Serien produziert fast dreimal so viele wie noch am Anfang des Jahrzehnts – und mehr als ein Drittel dieser Serien stammt von Onlinediensten.

Das verbindende Fernsehritual ist verloren gegangen

2010 sieht es in unseren Wohnzimmern noch ganz anders aus: Das Unterhaltungsprogramm auf den kleinen Bildschirmen ist übersichtlich und wer fernsieht, gestaltet sein Leben nach dem Senderschema. Früher habe man gewusst, dass ProSieben der Seriensender ist, sagt die Medienwissenschaftlerin Daniela Schlütz: "Dienstagabends geht's los, dann habe ich zwei Sachen hintereinander, die mich interessieren. Da hab ich mich dann vorgesetzt, und alles andere habe ich dann vielleicht über Empfehlung erfahren. Das ist tatsächlich sehr schwierig geworden heutzutage.“

Schlütz ist Professorin für Theorie und Empirie der digitalen Medien an der Filmuniversität Babelsberg. Sie forscht zum digitalen Medienwandel und beobachtet die Effekte des Streamings. Das Serien- und Filmangebot ist jetzt weltweit gleichzeitig in vielen Sprachen verfügbar. Dank mobiler Datenflatrates können wir unterwegs und nicht nur in den eigenen vier Wänden Videos konsumieren und wir bleiben immer länger vor den Bildschirmen kleben. Heute verbringt das junge Publikum unter 30 laut einer Studie von ARD und ZDF mehr Zeit mit Streamingdiensten, als vor dem guten alten Fernsehprogramm. Aber: Wir gucken nicht mehr alle dasselbe. Das verbindende Gemeinschaftsgefühl eines festen Fernsehrituals wie beispielsweise beim "Tatort" sei in der letzten Dekade verloren gegangen, sagt Schlütz. Man könne zwar mit der Partner*in oder Freunden zusammen schauen, "aber ich habe halt nicht mehr das Gefühl, ich nehme an etwas Großem teil, so wie früher, wenn etwas ausgestrahlt wurde und man wusste am nächsten Tag im Büro oder in der Schule, das hatte ein Großteil der Leute gesehen und man konnte sich darüber unterhalten.“

Nischen werden weltweit zu Marktlücken

Diese Büro-Gespräche haben sich verändert: Statt "hast du das auch gesehen“ - heißt es jetzt oft "bitte nicht spoilern!". Gleichgesinnte finden sich über kulturelle und Ländergrenzen hinweg im Internet. Und so summieren sich auch die skurrilsten Nutzervorlieben global zu einem lukrativen Markt. Das hat auch Folgen für die Serien-Produktion: Durch Verkäufe ins Ausland lassen sich sehr hohe Produktionskosten wieder einspielen. Die großen Streamingdienste und Bezahlsender lassen 2017 in Deutschland erste Serien produzieren. Die öffentlich-rechtliche ARD und Sky finanzieren mit "Babylon Berlin" erstmals gemeinsam eine deutsche High-End-Serie, die in über hundert Ländern gezeigt wird.

Streaming habe auch die Qualität der Serienunterhaltung selbst beeinflusst, sagt die Medienwissenschaftlerin Schlütz. Serien forderten das Publikum heute kognitiv viel stärker heraus, als noch vor zehn Jahren, weil Handlungsstränge über mehrere Folgen hinweg erzählt werden – ohne vor jeder Folge das Publikum wieder auf Stand zu bringen.

Für die Drehbuchautorin Jantje Friese ergeben sich daraus ganz neue Möglichkeiten, wie sie 2017 zum Start ihrer Streamingserie DARK im Interview berichtet. Friese hat DARK zusammen mit ihrem Partner Baran Bo Odar geschrieben und für Netflix umgesetzt und eine komplexes Erzählung geschaffen: "Ich glaube, dass man natürlich mit Cliffhangern anders umgeht und dass das horizontale Erzählen dadurch viel mehr Raum hat, während das vertikale viel weiter zurückgeht. Also, dass man nicht mehr abgeschlossene Geschichten in einer Folge hat, sondern wirklich immer diesen Gesamtbogen im Blick hat. Streaming hat, allein vom Ansatz, wie man schreibt wahnsinnig viel verändert." Und nicht nur das. Auch die Arbeitsverhältnisse für Produzenten wandeln sich in der Streaming-Dekade: Friese und Odar haben einen exklusiven Deal bei Netflix unterschrieben und bereits den nächsten Auftrag sicher.

© Netflix

International erfolgreich: Die Serie DARK aus Deutschland.

Die Disruptoren eifern den Studios nach

Wie die Filmstudios in der goldenen Ära Hollywoods binden die Streamingdienste und Sender gefragte Serienschöpfer und Filmemacherinnen mit langfristigen, hochdotierten Exklusivverträgen an sich und schaffen sich so ein Alleinstellungsmerkmal auf dem immer unübersichtlicher werdenden Entertainment-Markt. Wer zukünftig beispielsweise neue Film- und Serien-Projekte von den Westworld-Machern Lisa Joy und Jonathan Nolan sehen möchte, wird um ein Amazon Prime Abo nicht herumkommen.

Nach der Fernsehwelt wird nun auch die Filmbranche von den Onlinestreamingdiensten aufgerüttelt. Trotz des anhaltenden Widerstands von Filmfestivals und Kinobetreibern wittern Amazon, Netflix und Hulu längst auch auf den Kinoleinwänden Prestige und Publikumshits, mit denen sie langsam und unabhängig von den großen Studios ihre Filmbestände aufbauen: die Oscar-verdächtigen Filme "The Two Popes" mit Anthony Hopkins und "The Irishmen" von Martin Scorsese hat sich Netflix kürzlich geangelt, während Amazon sich zuletzt Indie- und Arthouse-Filme wie "The Report" und "Die Sehnsucht der Schwestern Gusmao" sicherte.

Die nächste Dekade werden nicht alle Anbieter überleben

Mit dem Eintritt in die neue Dekade wird auch in Sachen Streaming ein neues Kapitel anbrechen: Neue Streamingdienste von Disney, HBO und NBC werden die bisherigen Platzhirsche herausfordern – und uns mit noch mehr Unterhaltungsangeboten überfluten. Daniela Schlütz von der Filmuniversität Babelsberg erwartet, dass ein Preiskampf den Markt bereinigen wird: "Dann werden die Preise anziehen und entweder gibt‘s dann Kurzzeit-Abos oder der Markt wird sich tatsächlich sortieren, und dann gibt's halt nur noch ein, zwei Anbieter."

Die nächsten zehn Jahre werden zeigen, welche Dienste die multimilliardenschweren "Streaming Wars" überstehen. In diesem Sinne: Möge der Kampf um unsere Freizeit beginnen.