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Wie steht es um die Vielfalt am deutschen Buchmarkt? | BR24

© Audio: BR / Bild: pa/dpa

Kleine Buchhändler und ihre Beratung sind entscheidend für den Erfolg von Unbekanntem. Für Bibliodiversität in der Literaturlandschaft, für riskante Romane, experimentelle Lyrik und Anthologien sorgen kleine, unabhängige Verlage.

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Wie steht es um die Vielfalt am deutschen Buchmarkt?

Finden, kaufen, lesen Sie Unerwartetes, appelliert Schriftsteller und Verleger Ilija Trojanow an alle. Um die Vielfalt des deutschen Buchmarkts zu schützen, ist eben nicht nur die Politik gefragt, sondern wir alle, die Bücher lesen und kaufen.

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Bibliodiversität ist ein Konzept, das in den 90er Jahren in Lateinamerika von unabhängigen Verlagen entwickelt wurde. Das Ziel: die Vielfalt der Buchkultur zu beschreiben und zu schützen. "Mit Bibliodiversität verbinde ich, dass wir eigentlich die gesamte Welt kennenlernen, dass wir nicht nur männliche Stimmen haben, sondern auch den weiblichen Blick", sagt die Schriftstellerin und Verlegerin von CulturBooks, Zoë Beck. Und Verleger Sebastian Wolter ergänzt: "Da werden Perspektiven von außerhalb offen gehalten – gerade wenn sich der Blick in Zeiten von steigendem Nationalismus verengt."

Vielfalt blüht nicht im Mainstream

Für Bibliodiversität in der Literaturlandschaft – darin sind sich die Verleger Sebastian Wolter und Zoë Beck einig – für riskante Romane, experimentelle Lyrik und Anthologien sorgen vor allem kleine, unabhängige Verlage. Diese säen, was oft erst später blüht: Wunderhorn als Spezialist für Afrika, Draupadi für Indien. Und beim Aviva Verlag von Britta Jürgs finden sich Frauen wie die Weltreisende Alma Karlin vor 100 Jahren – erfolgreich, aber kein Mainstream. Die Verlegerin Britta Jürgs erklärt: "Wir brauchen die kleinen Pflänzchen und die Vielfalt, um die verschiedenen Facetten und all das, was die Gesellschaft ausmacht, auch widerzuspiegeln."

Konzerne prägen mit Unterhaltungsliteratur den Geschmack

Noch ist der bunte deutsche Buchmarkt weltweit ein Vorbild. 90% der 3.000 Verlage sind klein und unabhängig, der Umsatz unter zwei Millionen Euro. Aber: Nur 2% der Verlage machen 75% des Gesamt-Umsatzes. Kleine Pflänzchen sind gefährdet. Konzerne verkaufen Massenware in Einheitsgröße: viel, billig, und schnell. Random House, Bonnier, Holtzbrink prägen mit Unterhaltungsware den Literaturgeschmack. Sie drücken die Preise und gewähren Buchhandlungen hohe Rabatte, wenn ihre Bücher ganz vorn platziert sind, oder sie werben bei Amazon.

"Man kann natürlich sagen: Wir haben hier ein paar tausend Euro übrig, bitte packt unser Buch gleich vorne mit auf die Startseite. Das ist so, wie wenn man sich einen Schaufensterplatz in einer Buchhandlung kauft oder einfach einen von diesen Tischen. Geht man in eine große Buchhandlung rein sind da jetzt die Tische mit großen Bücherstapeln", erklärt Zoë Beck, Verlegerin von CulturBooks. All das könnten die Kleinen aber nicht, so Beck. Für die Unabhängigen sei es schwierig, mit ihren Büchern überhaupt in großen Läden zu landen. Ketten wie Hugendubel und Thalia haben zentrale Einkäufer.

Gefragt: Buch-Partnerschaften und Kooperationen

Nur kleine Buchhandlungen beraten individuell und regional. Voland & Quist bietet Buchhandlungen deshalb Partnerschaften und sortiert und pflegt dabei kostenlos ein Regal mit dem Verlagsangebot. Denn das Buchhandelssterben der letzten Jahre gefährdet das Biotop der Bücher. Kooperationen, gemeinsame Messeauftritte der Indies sind gefragt. Die Kurt-Wolff-Stiftung agiert als Interessensvertretung.

Am Montag vergab Kulturministerin Monika Grütters mit dem Deutschen Verlagspreis Gütesiegel und je 60.000 Euro an Matthes & Seitz, Liebeskind und Dom Publishers sowie 20.000 an 63 weitere Verlage. 7.500 Euro stiftet der Freistaat für bayerische Kleinverlage. Dringend nötige Hilfe. Denn mit der Insolvenz des Großhändlers KNO machten Verlage unverschuldet hohe Verluste.

Mit Corona entfallen nun Einnahmen aus Verkäufen und Lesungen sowie Messen als Schaufenster der Bücher. Liebeskind, Voland & Quist und andere haben deshalb ihre Frühjahrstitel verschoben, sie haben den Herbst zum zweiten Frühling erklärt. Das reduzierte Angebot lässt ahnen, wie arm die Buchlandschaft ohne sie aussähe. Corona beschleunigt nun die politische Debatte um finanzielle Förderung wie in der Schweiz, in Österreich und Frankreich. Für Rosemarie Reif-Ruppert von der Gostenhofer Buchhandlung in Nürnberg sind die 7% reduzierte Umsatzsteuer zentral für das Kulturgut Buch, außerdem die Preisbindung. Das heißt: Dasselbe Buch kostet überall dasselbe – zwischen Zugspitze und Ostsee, was Mischkalkulationen ermöglicht. Etwas mehr für einen Bestseller zu zahlen, finanziert das Besondere und schützt kleine Buchhandlungen vor Dumpingpreisen der Konzerne. Reif-Rupert ist sich sicher: "Wenn die Preisbindung fällt, muss ich meinen Laden zumachen. Das ist einfach so."

Was "gut" ist, bestimmen weltweit London, New York, Madrid, Paris

Kleine Buchhändler und ihre Beratung sind entscheidend für den Erfolg von Unbekanntem. Ilija Trojanow, Weltreisender, Bestsellerautor, Ex-Verleger, Herausgeber der "Weltlese" bei der Büchergilde und Vorsitzender des "Weltempfängers", der Bestenliste von Literatur des Südens, weiß: Literatur aus Afrika, Asien, Lateinamerika braucht besonderes Engagement. Schon dominiert Penguin UK den indischen Markt. Was "gut" ist, bestimmen weltweit London, New York, Madrid, Paris. Aus dem toten Winkel einer Einheitswährung und eines globalen kulturellen Einheitspreises herauszukommen, mit etwas Befremdlichen sichtbar und hörbar zu werden, sei unglaublich schwierig, sagt Ilija Trojanow.

Seit fast 20 Jahren fördert die International Alliance of Independent Publishers in Paris das globale Verlegen, den Austausch. Sie organisiert alternative Buchmessen zu Teheran etwa, wo Zensur herrscht. Sie vermittelt Co-Editions, wo sich afrikanische Verlage eine teure europäische Lizenz teilen. Ein algerischer Verlag tauscht einen Autor mit einem französischen – das spart Kosten. Im März gibt es den Indiebookday, und am 21. September den internationalen Tag der Bibliodiversität, wie sie die australische Dichterin und Verlegerin Susan Hawthorne forderte.

"Kaufe eine Indie-Buch und setze es aus!"

Jörg Sundermeier hat Hawthorne's "Manifest" im Verbrecher Verlag publiziert und ist – für die Kurt-Wolff-Stiftung – die deutsche Stimme der Allianz, die wie Don Quijote kämpft – gegen echte Riesen, nicht nur am 21. September. Ziel sei, so Sundermeier: "Dass man eben auffordert: Kaufe ein Buch in einer unabhängigen Buchhandlung, das du liebst. Setze es aus, sodass andere dieses Buch auch lieben können. Hinterlasse es auf einer Parkbank, hinterlasse es in der Straßenbahn. Kauft ein Indie-Buch, fotografiert euch damit und postet es bei Instagram, Facebook, Twitter, wie auch immer."

Leser*innen, Kund*innen, Politiker*innen sind gefragt, die Bibliodiversität des deutschen Buchmarkts! zu schützen: Unerwartetes zu kaufen und zu lesen, Neues, das den Horizont weitet! Vielleicht das Herzensbuch eines Indie-Verlags zu posten! Nicht nur per Mausklick zu reisen, sondern mit und in Büchern nach Singapur oder Tansania. "Sonst könnten Sie etwas verpassen!", sagt der Schriftsteller Ilija Trojanow. Es sei ja wirklich so wie mit Menschen, die man kennenlerne: "Hinter jeder Ecke lauert potenziell eine Begegnung, die einem unglaublich viel wert sein könnte."

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