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Wie stehen christliche Gruppen zu Corona - und den Querdenkern? | BR24

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Welchen weltanschaulichen Hintergrund hat die Querdenken-Bewegung? Damit haben sich Theologen der Evangelischen Kirche befasst.

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Wie stehen christliche Gruppen zu Corona - und den Querdenkern?

Immer wieder scheinen christliche Gruppen mit den Theorien der "Querdenker" zu sympathisieren. Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen hat nun analysiert, welche Rolle sie innerhalb der Querdenken-Bewegung wirklich spielen.

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Von
  • Julia Mumelter

Gott segne die Querdenker - das wollen zumindest gewisse Pastoren so. Pastor Christian Stockmann und Pastor Jürgen Fliege haben beispielsweise auf Querdenker-Veranstaltungen in Baden-Württemberg und Bayern gepredigt. Stockmann versicherte seinen Zuhörern dabei: "Ich habe die ganze Bibel studiert, ich kann euch versprechen, dass Gott, Jesus Christus, auf der Seite derer ist, die die Wahrheit lieben." Und Jürgen Fliege befand: "Wir sind auf dem Friedensweg und brauchen einen langen Atem, Gott segne uns."

Gottesdienste ohne Abstand und Masken

Daneben gibt es in der evangelischen und katholischen Kirche auch noch andere, die sich der Querdenken-Bewegung angeschlossen haben. Und wieder andere sträuben sich gegen die Infektionsschutzmaßnahmen und feiern Gottesdienste so wie vor der Pandemie. Anfang Januar hatte eine freikirchliche Gemeinde in München mit über 130 Personen einen Gottesdienst gehalten und dabei weder Mund-Nase-Bedeckungen getragen noch die erforderlichen Mindestabstände eingehalten.

Kein Einzelfall, sagt der evangelische Theologe Matthias Pöhlmann, der für die Evangelische Landeskirchen Bayern Sekten und Weltanschauungsgemeinschaften beobachtet. Aus Nordrhein-Westfalen würde Ähnliches berichtet, etwa sorgte der Fall einer Freikirche in Herford für Schlagzeilen: "Das ist ärgerlich für andere christliche Gemeinden. Die evangelischen und katholischen Gemeinden achten sehr auf Hygienekonzepte und das wird dann von solchen kleineren Gemeinden unterlaufen."

Zunehmende Radikalisierung

Die große Mehrheit der christlichen Gemeinden halte sich an die Infektionsschutzmaßnahmen und respektiert diese, so Pöhlmann.

Wenn man an die Querdenken-Bewegung denkt, dann bilden christliche Gruppen nicht das Rückgrat der Bewegung, meint der evangelische Theologe. Sie spielen seiner Ansicht nach eine eher untergeordnete, marginale Rolle: "Ich würde das nicht überbewerten, stärker ist der Einfluss von Esoterikern und rechtsextremen Gruppierungen." Insgesamt fürchtet Matthias Pöhlmann eine zunehmende Radikalisierung und eine weitere Entfernung von demokratischen Grundregeln.

Dasselbe beobachtet auch Monika Betzler. Sie ist Professorin für praktische Philosophie und Ethik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Anlässlich der Corona-Pandemie und der Querdenken-Bewegung hat sie sich auch mit den damit zusammenhängenden Verschwörungstheorien beschäftigt. Dass der christliche Glaube Nährboden für Verschwörungstheorien ist, sieht sie nicht. Es liege an der Komplexität der aktuellen Situation, so Monika Betzler. Diese scheint – und daran würden erstaunliche viele Menschen glauben - ein großes Maß an Sinnstiftung und Orientierung zu bieten. "Einfache Antworten", sagt Monika Betzler, "scheinen zu helfen, mit seinen eigenen Nöten, Ängsten und Marginalisierungsgefühlen umzugehen."

Misstrauen gegenüber Wissenschaft, Politik und Medien

Kann man Verschwörungstheorien dann vielleicht als Ersatzreligionen sehen? Nein, meint der Theologe Matthias Pöhlmann. Einfache Antworten seien nicht die Aufgabe von Religionen. Der christliche Glaube biete zwar Hilfe, auch problematische Situationen durchzustehen. "Aber ohne mit Schuldzuschreibungen und Feindbildern arbeiten zu müssen", so Pöhlmann.

Die Querdenken-Bewegung ist sehr heterogen und zieht Menschen mit verschiedensten Weltanschauungen an. Was alle zu einen scheine, sagt Matthias Pöhlmann, ist ein tiefes Misstrauen gegenüber Wissenschaft, Politik und Medien - und die Suche nach Orientierung.

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