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Wie Sophie Hunger mit "Molecules" zur Chamäleondame des Pop wird | BR24

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"Molecules": Sophie Hunger hat in Berlin die elektronische Musik für sich entdeckt. Die Schweizer Diplomatentochter singt auch nicht mehr französisch oder oder schweizerdeutsch, sondern nur noch auf englisch.

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Wie Sophie Hunger mit "Molecules" zur Chamäleondame des Pop wird

Sophie Hunger hat in Berlin die elektronische Musik für sich entdeckt. Die Schweizer Diplomatentochter singt auf ihrem neuen Album "Molecules" auch nicht mehr französisch oder schweizerdeutsch, sondern nur noch auf englisch.

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Tiefe Bässe, düsterer Sound, sakraler Gesang: Auf "Molecules" klingt Sophie Hunger anders als bislang und liefert Stücke, die sowohl im Berliner Techno-Club Berghain, als auch in einer Kirche gespielt werden könnten. Seit drei Jahren lebt die Schweizerin in der deutschen Hauptstadt. Die Clubszene hat ihren Sound geprägt. Über das Klischee ist sie sich bewusst, sagt die Sängerin, "aber es ist so, dass es hier in Berlin – das hat mich auch überrascht – keine sehr große Bandszene gibt. Dafür ist die elektronische Musikszene extrem reich. Und wenn man hier ist, auch wenn man es gar nicht möchte, auf einmal ist man damit konfrontiert."

Kaktus-Saft und Pilze im Jura-Gebirge

"Molecules" heißt auch deshalb so, weil Sophie Hunger fasziniert war von der Forschung eines kanadischen Kulturanthropologen. Der glaubt, dass es submolekulare Kommunikation zwischen Menschen und Pflanzen gibt. Und forscht darüber offenbar nicht nur theoretisch. Zumindest lässt ein Treffen von ihm und Hunger im Schweizer Jura-Gebirge darauf schließen.

Und dann kamen wir da so an und dann hat der uns kleine Plastikteller gebracht mit Pilzen, die er morgens im Wald gefunden hat. Wir wollten nicht unhöflich sein und dann haben wir angefangen, diese Pilze zu essen und das war so hoch halluzinogenes Zeugs. Und dann hatte der noch so einen Kaktus, genau, und dann mussten wir den Saft vom diesem Kaktus trinken. Das war alles sehr bizarr, weil er hat Theorien über Schamane und so. - Sophie Hunger

Nach Drogen, Party und Rauschzustand klingt "Molecules" nicht. Dennoch ist die Platte Ergebnis eines Experiments: Hunger hat sich selbst eingeschränkt und für die Aufnahme nur vier Instrumente benutzt: Synthesizer, programmierte Beats, Akustikgitarre und ihre Stimme. Ein Album, streng nach Rezept. So minimalistisch wie möglich, so offen wie nötig. Die vermeintliche Einschränkung ist nicht hörbar, sondern führt zu einem kohärenten Werk, das angenehm zeitlos klingt.

Minimalistischer, zeitloser Klang

Zudem nutzt Hunger elektronische Effekte sehr bedacht. Etwa um damit die Vergangenheit zu thematisieren. Wie in "Electropolis", einer Hommage an das Berlin der 1920er-Jahre, das wegen seiner damaligen Elektroindustrie so genannt wurde. Sophie Hunger sagt, sie habe nicht nur das Gefühl für jetzt einfangen wollen, "sondern auch dass man die 100 Jahre davor hört. Es gibt so eine Klaviermelodie, die haben wir über eine alte Bandmaschine aufgenommen und dann mit einem alten Mikrofon aus den 30er-Jahren noch mal aufgenommen."

"Molecules" von Sophie Hunger ist auch deshalb gut, weil es trotz Retro-Ästhetik nicht kitschig wirkt. Hunger sucht im Vergangenen nach Antworten fürs Jetzt. Das funktioniert textlich und auch im Sound extrem gut – auch wenn die Stücke manchmal ein Rätsel bleiben: Man hat den Eindruck, einer Musikerin zuzuhören, die selbst noch nicht genau weiß, wie sie mit den Widersprüchen des 21. Jahrhunderts umgehen soll. Sophie Hunger zweifelt. Und lässt ihre Fans daran teilhaben. Trotzdem glaubt sie: Weder ihre noch irgendeine andere Musik kann wirklich etwas verändern: "Ich glaube, das ist so eine narzisstische Störung von Musikern, dass sie irgendwas auslösen können mit ihren Liedern. Ich glaube Musik, das ist irgendwas, das das Leben vielleicht begleitet. Aber ich glaube das nicht, dass es einen Einfluss hat auf die Geschichte der Menschheit."

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Autor
  • Christoph Möller
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